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Ideologien und Politik

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Das neueste Werk Walter B. Simons analysiert den Weg in die Katastrophe in einer - gerade in diesen Wochen - ungewohnten Sicht. Wir zitieren aus dem eben erschienenen Buch.

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Das neueste Werk Walter B. Simons analysiert den Weg in die Katastrophe in einer - gerade in diesen Wochen - ungewohnten Sicht. Wir zitieren aus dem eben erschienenen Buch.

Die innerparteiliche Geschichtsschreibung (wird) nicht selten Lagerpatrioten überlassen, denen es vor allem um die Rechtfertigung der eigenen Seite auf Kosten der Gegenseite zu tun ist... Lagerpatriotische Geschichtsfälschungen werden vor allem von Veteranen der jeweiligen politischen Lager propagiert, denen im fortgeschrittenen Alter ihr einseitiger politischer Einsatz im verklärten Licht vergangener jugendlicher Begeisterung erscheint ...

Es obliegt uns nicht, Urteile über Männer zu fällen, die in der Ersten Republik versagt haben. Die Geschichte hat das Fällen von Urteilen bereits besorgt... Wir müssen ... anerkennen, daß die Politiker der Ersten Republik trotz ihres verhängnisvollen Versagens Großes geleistet haben. Es war ihr Verdienst, daß die demokratischen Institutionen... im Schatten dramatischer Konflikte immerhin eineinhalb Jahrzehnte lang funktioniert haben ...

Sie waren gezwungen, Entscheidungen zu treffen in Situationen, für die es in der Geschichte keine Präzedenzfälle gab. Folglieh wurden viele Entscheidungen im Sinn politischer Ideologien getroffen, die sich seitdem als Irrlichter erwiesen haben...

Selbst die Österreicher, die keine radikalen Veränderungen wünschten .... glaubten nicht an die Haltbarkeit der durch die Friedensverträge geschaffenen Zustände ... Die Österreicher fügten sich mehr oder weniger unwillig dem Diktat der Siegerstaaten, aber sie gaben ihre Loyalität, die freie Bürger meistens ihrem Land geben, ihren Parteien, die sich als autonome Lager gegenüberstanden. Die Lagermentalität fand Ausdruck in der Tatsache, daß die Parteien ihre eigenen Fahnen, Hymnen und sogar ihre eigenen militärischen Formationen besaßen.

Die drei Lager waren von Anfang an unterschiedlichen gesell-schafts- und staatspolitischen Zielen verpflichtet... In allen drei Lagern entstanden Wunschbilder von Staatsformen, die über die Grenzen des eben geschaffenen Kleinstaates weit hinausgingen.

Für die Sozialdemokraten waren die bisweilen offen ausgesprochenen Sympathien rechtskonservativer wie „nationaler" Kreise (für den Faschismus) ein Beweis für die Unfehlbarkeit des Marxismus. Das trug zur politischen Polarisierung wesentlich bei.

Die positive Bewertung des faschistischen Italiens seitens der Christlichsozialen hatte eine ähnliche und genauso gerechtfertigte Schreckwirkung bei den Sozialdemokraten wie die positive Bewertung der Sowjetdiktatur durch linke Sozialdemokraten im „bürgerlichen" Lager.

Die Christlichsoziale Partei stand in ihrer Praxis eindeutig auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie, sonst hätte diese in Osterreich nicht eineinhalb Jahrzehnte lang funktioniert. Vorbehalte waren jedoch zahlreich, motiviert zum Teil von der Angst vor dem Bolschewismus und vor als bolschewistisch diagnostizierten Tendenzen in der Sozialdemokratie, aber auch motiviert von antidemokratischen Ideologien in den eigenen Reihen...

Wähfend die Marxisten harmonische Perfektion in der klassenlosen Gesellschaft der Zukunft erhofften, träumten Konservative von der Wiederherstellung des konfliktfreien, organisch gegliederten Ständestaates, den es im Mittelalter gegeben haben soll. *

Die Ereignisse (vom 15. Juli 1927) motivierten unmittelbar einen bipolaren Extremismus, mit dem roten Lager auf der einen Seite und einem zu einer Einheit geschweißten antimarxistischen Lager auf der andern Seite.

Die Angst vor dem Bolschewismus und der Wunsch nach Ordnung überdeckte zeitweise die ideologischen Unterschiede zwischen Klerikalen und Antiklerikalen und sogar die tiefe Kluft zwischen Monarchisten und Deutschnationalen. Die Gegner der Sozialdemokratie sahen in den Ereignissen des 15. Juli 1927 den Versuch einer schlecht geplanten, aber nichtsdestoweniger gezielten sozialistischen Revolution.

Für erschreckte Bürger und Bauern erschien der brennende Justizpalast... in Zusammenhang mit der radikalen Phraseologie des Parteiprogramms von Linz als ein Ganzes. Die Unruhen ... erschienen als Versuch eines Aufstandes, der vor allem an der festen Haltung der staatlichen Exekutive und nicht zuletzt an der Einsatzbereitschaft der Heimwehren in den Bundesländern gescheitert war.

Die antimarxistische Einheitsfront unter der Führung des Bundeskanzlers Seipel war entschlossen, diese offensichtliche Niederlage der „Roten" auszunützen, um die Möglichkeit einer neuerlichen Erhebung ein für alle Mal zu bannen.

In undurchsichtigen Situationen, für die es keine Präzedenzfälle gibt, unterliegen Politiker, die schwierige Entscheidungen treffen müssen, bisweilen der Versuchung, sich nach... Gesetzmäßigkeiten zu richten, die man für bewiesen hält.... Eine derartige verhängnisvolle. Entscheidung war die Ablehnung der sozialdemokratischen Führung, in eine große Koalition einzutreten ... Die Sozialdemokraten lehnten ab auf Grund eines ... unverständlichen Dogmatismus.

Solange Gewalttäter nur zu Freiheitsstrafen verurteilt werden konnten, reagierten verurteilte nationalsozialistische Gwalttä-ter auf langjährige Gefängnisstrafen in einem lautstarken hämischen „Regierungslänglich!" ... Daraufhin führte die Regierung durch Notverordnung die 1918 abgeschaffte Todesstrafe wieder ein. Die Terrorakte nahmen jäh ab...

Der Autor ist Professor am Soziologischen Institut der Universität Wien. OSTERREICH 1918-1938 (Ideologien und Politik) Von Walter B. Simon. Böhlau-Verlag. Wien 1984. 183 Seiten.

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