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Im Geiste der Mystiker Verfremdetes Jesus-Bild

Die Mysterienoper „Jesu Hochzeit”, zu der Lotte Ingrisch den Text und Gottfried von Einem die Musik geschrieben haben und die zu den Wiener Festwochen uraufgeführt werden soll, beginnt bereits Staub aufzuwirbeln. Ein Artikel der „Wiener Kirchenzeitung” und viele Briefschreiber sorgen dafür. Nun, was bei der Aufführung zustande kommen wird, weiß noch niemand. Man kennt ja die Freiheiten der Regie, die gern dem Kunstwerk den Kopf abschlägt, um den eigenen darauf zu setzen (sagte bereits Herder von den Kritikern).

Der Titel und einige Szenen könnten dazu verführen, dem Zug der Zeit nachzugehen, neben anderen Liebesleben auch ein Liebesleben Jesu publizitätslüstern aufzubereiten. Hoffentlich geschieht es nicht, denn der Text ist viel zu ernst. Und um diesem Text und nur um ihm geht es hier. Er liegt bereits gedruckt zur Einsichtnahme vor. Hoffentlich haben ihn all die Briefschreiber auch gelesen, oder besser: hoffentlich nicht, denn das würde ihre Verständnis-losigkeit bloßlegen.

Es geht um die Hochzeit mit dem Tod. Der Tod erscheint, romanischem Sprachgebrauch entsprechend, als Tö-din, ähnlich der Madame Lamort der 5. Duineser Elegie Rilkes. Das zeigt schon, daß hier ein alter literarischer Topos und ein Thema der Mystik Pate stehen. Walter Rehm hat in seinen berühmten Arbeiten über den Dichterund den Tod das Material dargelegt: die antike wie christlich gedeutete Gestalt des Orpheus. C. G. Jung spricht vom Tod als Mysterium coniunctionis.

Die Hochzeitsszene Jesu mit der Tö-din ist in der äußeren Handlung zurückhaltend, in der inneren von offener Gewalt: „Kaum haben sie einander berührt, fallen sie wie vom Blitz getroffen nieder”. Die Tödin, die „Dame ohne Gnade”, maßt sich Allgewalt an, Jesus, der „sterbliche Unsterbliche”, überwindet sie mit seiner Liebe. Aus Rache verführt sie die Menschen zu Genuß und Macht und verrät sie zugleich. Ein gelungener Einfall, den Tod in die Maske des Judas hinüberwechseln zu lassen.

Die Menschen, zuerst Nachfolger der Jünger und Apostel, werden zu „falschen Aposteln” und erscheinen als Tiere, Symbole der verschiedenen Verhaltensweisen, denen die Tiersymbole der vier Evangelisten als Mahner gegenüber gestellt werden. Jesus vertreibt, analog der Tempelszene, die Tiere aus dem Heiligtum (denn auch die Kirche unterliegt mancher Versuchung zu Genuß und Macht), verzeiht aber trotzdem den Menschen, „daß sie Menschen sind”. Die Tödin verurteilt daraufhin Jesus zum Kreuzestod, darin aber wird sie besiegt.

Die andere Szene mit Magdalena, die Jesus zu verführen sucht, ist ebenfalls diskret. Jesus weckt sie auf zu Wahrheit, Weg und Leben. Was die Mystiker, besonders die Mystikerinnen schreiben, geht weit darüber hinaus.

Maria und Josef sind zwei einfache junge Menschen, die glücklich sein wollen und durch den Anruf Gottes aufgestört werden. Die heutige Entmytholo-gisierungstheologie spricht radikaler als Lotte Ingrischs Text, der noch einen Engel der Verkündigung einführt. Wenn auch die Szene sehr eigenwillig deutet, daß Maria und Josef sich erst zum Verständnis der Geschehnisse durchringen müssen, ist das auch durch die Bibel belegt, wo die Apostel noch nach der Auferstehung nicht verstanden hatten, worum es geht.

Maria Magdalena steht im Vorspiel als Suchende: gibt es Gott oder sind wir allein, dem Zufall überlassen? Im Nachspiel glaubt sie: Gott läßt uns nicht aliein. Was ihr als Geschichte

Jesu, „die vielleicht wahr ist”, als Traum, als Poesie erschien, wird im Glauben Realität. Und zwar ausschließlich im Glauben, der nicht mit Begriffen des Wissens sich verständlich machen kann, sondern nur in der Form von Bildern und Gleichnissen. Daher wird die Uberwindung des Todes durch Jesus nicht als historisches Faktum berichtet, sondern wird der Deutung aus dem Glauben überlassen.

Hier geht es also zunächst nicht um ein Drama, das christliche Theologie verarbeitet, sondern um einen Menschen, der, provoziert durch den Tod, nach Sinn sucht, darin eine wesentliche Komponente der zeitgenössischen Literatur aufgreift, ja der Dichtung überhaupt, die sich nach Rehm und Muschgs „Tragischer Literaturgeschichte” von der Antike bis zur Gegenwart immer wieder über das bloß Ästhetische hinaus zum geistigen Leiden an den Rätseln des Lebens steigert und noch im scheinbar Sinnlosen eine Offenbarung findet. Das dürfte wohl doch auch theologisch relevant sein. Zu diskutieren, ob solche Mysterienspiele heute noch möglich seien, scheint überflüssig (wie die Frage: gibt es noch einen Roman,ja die Kunst überhaupt?). Das gelungene Werk erledigt das Problem.

Sprachlich wäre manches anzumerken: die Anklänge an (übrigens gut einkomponierte) Bibelworte und alte Volkslieder. Nicht ganz befriedigt die sprachliche Artikulation von Josef und Maria, die im Widerspruch zu sich selbst und zum ganzen Spiel immer mehr in hilfloses, mundartliches Stammeln verfallen, (aber immer noch weit über dem Niveau von „Superstar” und „Godspell”). Uber den Titel „Jesu Hochzeit” könnte man noch streiten. Doch wissen alle Bibelkenner, welche Rolle der Hochzeitsgedanke (vom Hohen Lied bis zur Apokalypse) dort spielt und welch erotische Formen er in der Mystik annimmt.

Die Verständnislosigkeit weiter Kirchenkreise, die sie der Kunst und Dichtung entgegenbringen und sich lieber mit den Nachhuten der Aufklärung herumschlagen (E. Jünger), die nicht durch Glauben, sondern durch Organisation Berge zu versetzen suchen (St. Andres), rächt sich hier bitter.

Außenstehende, auch jene von den Straßen und Zäunen, erleben das Mysterium Jesu oft ursprünglicher, unverstellt durch Bräuche und Denkschemata. Das dürfte wohl auch kein Nachteil sein. Schließlich haben nicht nur die Christen das Privileg, die Bibel zu lesen und sich darüber Gedanken zu machen.

Von EGON KAPELLARI

Nur wenige Opernlibretti vertragen eine Ablösung von der zugehörigen Musik und können für sich allein vor einer strengen Kritik bestehen. Wie seltsam würde sich etwa Richard Wagners „Ring des Nibelungen” reduziert auf eine Leseaufführung ausnehmen.

Darüber hinausgehende Ansprüche sind auch an Lotte Ingrischs Libretto zu Gottfried von Einems Mysterienoper „Jesu Hochzeit” nicht zu stellen. Kritiker müßten abwarten, was von Einem mit seiner Musik zu hören und was die Regie zu sehen gibt, bevor sie schlimmstenfalls reagieren können wie jemand, dem Hören und Sehen vergangen sind.

Das Ingrisch-Libretto hat dennoch kirchlicherseits einige vorzeitige Kritik ausgelöst. Diese rasche Reaktion verdankt sich dem Eindruck, es handle sich hier um eine massive Verletzung der religiösen Gefühle von Christen, ja um Blasphemie. Löst man einige Szenen aus dem Zusammenhang und betrachtet sie für sich, dann erscheint dieser Eindruck bestätigt zu sein.

In Szene VIII treffen Maria und Josef Jesus mit der Tödin, in den Blumen liegend. Lotte Ingrisch läßt die beiden im Stil von Wiener Volksbühnenschauspielern sprechen: „Wenn Jesus aufwacht, wird er sich schrecken. Lauter Knochen, keine Reize.” Josef getraut sich nicht, die Tödin zu wecken, und geht „viel lieber zum Weinschlauch”. Maria beschließt diese Szene mit einem billigen Kantinenwitz: „O hätt ich die Macht, ein Wunder zu wirken ... Ich tat' gleich verwandeln in Wasser den Wein!”

Die Gestalt Marias in dieser Szene erinnert in gar nichts mehr an das den Katholiken vertraute Bild Mariens als exemplarischer Christ, als Magna Mater Austriae oder Poloniae. Viele werden diese Verfremdung nicht als legitimen Ausdruck künstlerischer Freiheit, sondern als beleidigende Verzerrung empfinden.

Nicht fern ist dann der - freilich unbegründete - Verdacht, den Christen stehe mit „Jesu Hochzeit” nicht nur eine massive Verfremdung der biblischen „Hochzeit des Lammes” ins Haus, sondern ein Analogon zum vor Jahren angedrohten und dann hierzulande nicht erschienenen schwedischen Film „Das Liebesleben Jesu”.

Solche Details, die eher das Libretto als das Evangelium und darauf bezogene religiöse Gefühle fragwürdig machen, kontrastieren im Libretto zur biblischen Hochsprache der Gestalt Jesu.

Literatur- und theaterkundige Intellektuelle, auch katholische, werden vermutlich am Textbuch von Lotte Ingrischs nicht allzu viel Anstoß nehmen. Ihnen ist, wie „djyn Reinen alles rein”, hier das Meiste symbolisch-spirituali-stisch deutbar. Allenfalls werden sie einen Mangel an Originalität, eine Blässe feststellen, für die das aprikosenfarbene „Kleid unserer Zeit” des gitarrespielenden Mädchens Magdalena im Vorspiel zum unbeabsichtigten Symbol wird.

Warum trägt dieses zum Philosophieren zwischen Marx und Monod verurteilte „Kind” nicht die zeitgemäßeren Jeans? Solche würden sich von der romantischen Kirchenruine (im Stil des 19. Jahrhunderts) bedeutend besser abheben als das blasse Rosa, zumal die Farbe der Saison ohnedies das Violett ist.

Dem Libretto im Ganzen liegt anscheinend ein an die Bild welt des Hieronymus Bosch erinnerndes gnostisches Weltbild zugrunde. Apostel und Jünger klagen: „Wir fallen immer wieder aus dem Geist in die Natur und aus der Wahrheit in die Zeit. Doch alle Zeit ist Sünde”. Die böse, animalischen Trieben ausgelieferte Welt müßte eigentlich zur Unerschaffenheit verdammt werden; die Evangelisten bitten um ihre Auslöschung.

Gott erscheint in Jesus als ein völlig Fremder. Seine Menschwerdung stört auch die inmitten aller Bosheit immer noch angestrebte und mögliche Idylle: Maria und Josef singen ihr „Gott persönlich ... ist nicht angenehm”.

Wenige Christen werden in diesem Jesus ihren Christus wiedererkennen. Aber Jesus gehört nicht nur den Christen und sie haben zu ertragen, daß auch Anders- oder Nichtgläubige die Person Jesu und anderer Gestalten der Heilsgeschichte zu deuten versuchen. Kirche und kirchliche Institutionen haben sich gegenüber künstlerischen Versuchen solcher Deutung durch die Qualität eigener Fragestellung und Kritik zu bewähren.

Was von Einems Oper angeht, so stehen - vielleicht, hoffentlich - bei Musik und Inszenierung noch einige positive Überraschungen bevor.

Die Uraufführung von „Jesu Hochzeit” findet im Rahmen der Wiener Festwochen am 18. Mai im Theater an der Wien statt, weitere Aufführungen sind am 18. und 23. Mai und am 6. Juni vorgesehen.

Zu den Autoren dieser Seite:

LOTTE INGRISCH ist freischaffende Schriftstellerin in Wien, vor allem Dramatikerin, mit Gottfried von Einem verheiratet.

ALFRED FOCKE ist Jesuit und Universitätslektor für theologische Themen in der modernen Literatur in Wien.

EGON KAPELLARI ist Hochschulseelsorger in Graz und Geistlicher Assistent der Katholischen Aktion der Diözese Graz.

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