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Im Geiste Mitteleuropas

Fulvio Tomizza gilt als ein Schriftsteller der Grenze. Er ging 1955, nachdem seine Heimat endgültig an Jugoslawien gefallen war, nach Triest, wo er heute noch lebt. In seinen Werken beschreibt er vor allem Geschichte, Mentalität sowie ethnische und sprachliche Besonderheiten der eigenen „verlorenen Heimat“.

FURCHE: Sie leben als Schriftsteller am Schnittpunkt dreier Nationen und dreier Kulturen — der italienischen, der slawischen und der deutschsprachigen. Was bedeutet es für Sie, an der Grenze zu leben, und in welcher Beziehung stehen Sie zu diesen Kultur-

FULVIO TOMIZZA: Eigentlich sind es vier Nationen und vier Kulturen, denn Jugoslawien besteht für mich aus Slowenien und aus Kroatien — mit denen ich mich sowohl auf privater, als auch auf öffentlicher Ebene auseinandersetzen mußte. Denn während den Triestiner Schriftstellern am Anfang des Jahrhunderts die Aufgabe zufiel, zwischen der italienischen und der österreichischdeutschen Kultur zu vermitteln, ist mir die Aufarbeitung unseres Konfliktes zugefallen: das Aufzeigen der unsagbar herben Beziehungen, die sich zwischen Italienern und Slawen nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt haben.

Sicher, meine Großeltern dienten in der kaiserlich-königlichen Armee, meine Eltern besuchten die Schule, als Istrien unter österreichischer Verwaltung stand, und ich konnte, als Leser, eine bemerkenswerte Vertrautheit erkennen, nicht nur bei den großen Schriftstellern des alten Mitteleuropas, sondern auch bei jenen meiner Generation wie Handke oder Zoderer. Der wichtigste Faktor für meine Entwicklung aber war die Erkenntnis, mich gleichzeitig als Italiener und als Kroate zu fühlen, als diese beiden Völker, im Ubergang vom italienischen

Faschismus zum jugoslawischen Kommunismus, alles daransetzten, sich gegenseitig zu unterdrücken.

Und so war es selbstverständlich, daß ich mit meiner Arbeit einen Weg der Versöhnung suchte und auf das, was uns verbindet, hinweisen wollte: auf unsere gemeinsame Vergangenheit als Untertanen Venedigs und des Hauses Habsburg, und darauf, daß wir in diesen letzten Jahrzehnten abwechselnd Unterdrücker und Opfer gewesen sind.

FURCHE: Gerade die besondere geographische Lage dieser Region scheint eine ausbaufähige Kooperation zwischen Systemen unterschiedlicher gesellschaftlicher Ordnung zu begünstigen. Welche Möglichkeiten bestehen in diesem Zusammenhang, und wie sehen Sie das Zusammenleben und Zusammenwirken der verschiedenen ethnischen Gruppen?

TOMIZZA: Die Voreingenommenheit der slawischen Welt gegenüber stand in engem Zusammenhang mit einer Aversion gegen den Kommunismus, und zwar in dem Ausmaß, daß Slawe gleichbedeutend war mit Kommunist und umgekehrt — eine Folge der gespannten Verhältnisse zwischen Jugoslawien und Triest nach der Lostrennung Istriens.

Ich glaube, heute bestehen keine Vorurteile mehr bezüglich der Handelsbeziehungen mit Ungarn oder Polen — das gilt auch für einzelne jugoslawische Unternehmen.

Meiner Meinung nach sollte sich die gesamte Region Fri-aul-Julisch Venetien ihrer geographischen Position bewußt sein. Die Region müßte mit Intelligenz, Erfindungskraft, Mut und Uberzeugung zu größerem Wachstum und zu größerer Harmonie in diesem Gebiet beitragen, so wie die Republik Österreich, die nicht nur importiert und exportiert, sondern in einigen der Ostländer auch investiert.

FURCHE: Wie sehen Sie die Debatte um Mitteleuropa? Existiert Ihrer Meinung nach ein kulturell definierbares Mitteleuropa — mit welchen Charakteristika und mit welcher Perspektive?

TOMIZZA: Für mich ist Mitteleuropa jener gemeinsame Geist von gegenseitigem Respekt für die Verschiedenheiten, von Achtung für die eigene Würde und Partizipation am kollektiven Leben, der sich zur Zeit des Vielvölkerstaates von Trento bis Lipoli, von Linz bis Spalato ausdehnte, eine unverwechselbare Kultur geschaffen, sich aber auch in Weltanschauung und Lebensstil des einzelnen ausgedrückt hat.

Obwohl zu einem Mythos geworden, hat Mitteleuropa nicht aufgehört, auf die ihm einstmals angehörenden Länder, die heute unter gegensätzlichen Regimen stehen, zu wirken.

Wie aktuell der Mitteleuropa-Gedanke tatsächlich ist, zeigte sich auf einem vor wenigen Monaten in Moskau abgehaltenen Symposium mit dem Thema „Mitteleuropa heute - Mitteleuropa aus italienischer Sicht“, an dem ich, zusammen mit Claudio Ma-gris, Enzo Collotti, Angelo Ära teilgenommen habe. Es entstand das Bild eines im Grunde noch heute lebendigen Mitteleuropa, das sich über die Grenzen Österreichs, das heißt über ein deutschsprachiges Gebiet hinaus, verstärkt im ungarisch-slawischen Raum etabliert hat. Mitteleuropa existiert in Ungarn, im jugoslawischen Raum, in Polen, in der Tschechoslowakei, in einigen Teilen Rumäniens und in der Ukraine.

Ein überraschender und sehr interessanter Aspekt - ein Zeichen der neuen Offenheit — war das überaus große Interesse, mit dem uns Historiker und Historio-graphen nach unserer Meinung, unseren Erfahrungen befragten, fast als würden sie dem großen Rußland, mit seinen vielen Völkern, mit seinen vielen Minderheiten eine Art Mitteleuropa-Modell vorschlagen wollen.

Aber die Kulturen entstehen nicht am grünen Tisch, sie brauchen Jahrhunderte und sie brauchen vor allem Spontaneität. Die Geschichte geht nicht spurlos an Orten, Gruppen und einzelnen Menschen vorüber. Gerade deshalb konnte sich der mitteleuropäische Geist in den vorhin erwähnten Ländern entwickeln.

Das Gespräch mit Fulvio Tomizza führte Beatrice Casanova.

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