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Im hektischen Getriebe fragen: wofür leben?

1945 1960 1980 2000 2020

Er meldet sich nicht oft zu Wort. Wenn er aber spricht, hat er Grundlegendes über unsere Zeit zu sagen. Anläßlich eines Aufenthalts in Europa nahm der große russische Zeithistoriker zum Thema Fortschritt Stellung.

1945 1960 1980 2000 2020

Er meldet sich nicht oft zu Wort. Wenn er aber spricht, hat er Grundlegendes über unsere Zeit zu sagen. Anläßlich eines Aufenthalts in Europa nahm der große russische Zeithistoriker zum Thema Fortschritt Stellung.

Die Zeit verfloß, und es zeigte sich, daß der Fortschritt tatsächlich weitergeht, und sogar in ungeahntem Ausmaß die an ihn geknüpften Erwartungen übertrifft, aber er tut es nur auf dem Feld der technologischen Zivilisation (mit besonderem Erfolg im Hervorbringen von Annehmlichkeiten und militärischen Neuerungen). Der Fortschritt ist in der Tat großartig weitergegangen, aber er hat zu Konsequenzen geführt, die frühere Generationen nicht hätten vorhersehen können.

Die erste Kleinigkeit, die wir übersahen und erst seit kurzem entdeckt haben, ist, daß im Rahmen der begrenzten Ressourcen unseres Planeten unbegrenzter Fortschritt nicht stattfinden kann; daß die Natur eher unterstützt als erobert werden muß; daß wir mit viel Erfolg die Umwelt, die uns gewährt wurde, aufzehren. (Dem Himmel sei Dank dafür, daß der Wecker erklungen ist, vor allem in den hochentwickelten Ländern, und daß Rettungsaktionen begonnen haben, wenngleich in einem viel zu geringen Ausmaß. Und eine der positivsten Konsequenzen des Zusammenbruchs des Kommunismus ist die Desintegration der sinnlosesten, rücksichtslosesten und verschwenderischsten Wirtschaft der Welt, ein Modell, das für so viele Nationen eine Versuchung darstellt.)

Als zweites Fehlurteil erwies sich die Meinung, daß die menschliche Natur im Verlauf des Fortschritts milder würde, wie versprochen worden war. Was wir vergessen hatten, war bloß die menschliche Seele. Wir haben erlaubt, daß unsere Bedürfnisse unkontrolliert wuchsen und sind jetzt im unklaren darüber, wohin wir sie richten sollen. Und mit der dankenswerten Hilfe kommerzieller Unternehmen werden immer neuere und noch neuere Bedürfnisse zusammengebraut, von denen manche völlig künstlich sind; und wir jagen ihnen en masse nach, aber finden keine Erfüllung. Und

Die endlose Anhäufung von materiellen Besitztümern? Diese wird auch keine Erfüllung bringen (klar denkende Individuen haben schon längst verstanden, daß materieller Besitz anderen, höheren Prinzipien untergeordnet werden muß, daß materielle Besitztümer einer geistigen Bechtfertigung bedürfen, eine Mission haben; sonst, wie Nikolai Berdjajew gesagt hat, bringen sie ins menschliche Leben Ruin, indem sie Werkzeuge des Geizes und der Unterdrückung werden).

Moderne Verkehrsmittel haben den Menschen im Westen die Welt weit aufgetan. Selbst ohne sie überspringt der moderne Mensch fast die Grenzen seines Seins; durch die Augen des" Fernsehens ist er am ganzen Planeten gleichzeitig gegenwärtig. Doch es zeigt sich, daß die menschliche Seele von diesem spasmischen Schritt des technozentrischen Fortschritts, von diesen Ozeanen oberflächlicher Information und billiger Schauspiele, nicht wächst, sondern vielmehr oberflächlicher wird, und daß das geistige Leben nur abnimmt. Dementsprechend wird unsere Kultur ärmer und glanzloser, wie sehr sie auch versucht, das Getöse ihres Niedergangs durch das Geklirr hohler Neuigkeiten zu übertönen. Immer

_ mehr Bequemlichkeiten

- immer niedriger die geistige Entwicklung des Durchschnittsmenschen.

Übersättigung bringt eine nagende Traurigkeit des Herzens mit sich, da wir fühlen, daß der Wirbel der Vergnügungen keine Befriedigung bringt und daß er uns in kurzer Zeit ersticken kann.

Nein, nicht alle Hoffnung kann auf die Wissenschaft, die Technologie und den ökonomischen Fortschritt gesetzt werden. Der Sieg der technologischen Zivilisation hat in uns auch eine geistige Unsicherheit geweckt. Seine Gaben bereichern uns, aber sie versklaven uns auch. Alles

uns

ist - Interessen, wir dürfen unsere Interessen nicht vernachlässigen, alles ist ein Streben nach materiellen Dingen; aber eine innere Stimme sagt uns, daß wir etwas Reines, Erhabenes und Zerbrechliches verloren haben. Wir haben aufgehört, das Ziel zu sehen.

Laßt uns zugeben, wenn auch nur in einem Flüsterton und uns selbst gegenüber; in diesem hektischen Getriebe des Lebens mit einer halsbrecherischen Geschwindigkeit - wofür leben wir?

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den Fortschritt (der von niemandem und von nichts gestoppt werden kann) als einen Strom unbegrenzter Segnungen zu betrachten, und ihn viel eher als ein Geschenk zu sehen, das von oben kommt, uns gesandt zum Zweck einer äußerst verwickelten Prüfung unseres freien Willens.

_, die Geschenke des

Telefons und des Fernsehens, zum Beispiel, wenn sie ohne Maß gebraucht werden, haben die Ganzheit unserer Zeit zerbrochen, indem sie uns vom natürlichen Abfluß des Lebens abhalten. Das Geschenk einer längeren Lebenserwartung hat, als eine seiner Konsequenzen, die ältere Generation zu einer Last für ihre Kinder gemacht, während sie die Alten zu einer belastenden Einsamkeit verurteilt hat, zu einem Verlassensein im Alter von den geliebten Menschen und zu einem irreparablen Losgerissensein von der Freude, ihre Erfahrungen der Jugend weiterzugeben.

Aber es brechen zwischen den Menschen auch horizontale seelische Verbindungen zusammen. Mit aller scheinbaren Kraft des politischen und sozialen Lebens haben Entfremdung und Apathie gegenüber anderen in menschlichen Beziehungen zugenommen. Die Menschen, verzehrt von ihrer Jagd nach der Erfüllung materieller Interessen, finden nur eine überwältigende Einsamkeit vor. (Es ist diese, die den Klagen des Existenzialismus Anlaß gab.) (...)

Es nähert sich die letzte Möglichkeit, unseren Bedürfnissen Selbstbegrenzung aufzuerlegen. Es ist schwer, uns selbst zum Opfer und zur Selbstbeschränkung zu bewegen, denn im politischen, öffentlichen und privaten Leben haben wir seit langem den goldenen Schlüssel zur Selbstbeschränkung auf den Boden des Ozeans fallen lassen.

Aber Selbstbeschränkung ist der grundlegende und weiseste Schritt für einen Menschen, der seine Freiheit erhalten hat. Sie ist auch der sicherste Weg zu ihrer Erlangung. Wir dürfen nicht warten, bis äußere Ereignisse hart auf uns drücken oder uns sogar überwältigen; wir müssen eine versöhnliche Geste einnehmen und lernen, durch kluge Selbstbeschränkung den unvermeidlichen Gang der Ereignisse zu akzeptieren. Nur unser Gewissen und jene, die uns nahestehen, wissen, wie wir in unserem persönlichen Leben von dieser Regel abweichen. Beispiele des Abweichens von Parteien und Regierungen von diesem Weg stehen allen vor Augen.

Auszug aus einer Rede

an der Internationalen Akademie für Philosophie in Liechtenstein im

Ivntemhrr 1991

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