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Im Hofstall des „Stachelschweins"

1945 1960 1980 2000 2020

Die zehntausend Exemplare der ersten bulgarischen Auflage vom „Stachelschwein" waren sofort vergriffen. Trotz des großen Papiermangels ging eine weitere gleich in Druck. So ist es nicht verwunderlich, daß die Bulga-risch-Ausgabe auf Anhieb den dritten Platz der nationalen Bestsellerliste erreichte.

1945 1960 1980 2000 2020

Die zehntausend Exemplare der ersten bulgarischen Auflage vom „Stachelschwein" waren sofort vergriffen. Trotz des großen Papiermangels ging eine weitere gleich in Druck. So ist es nicht verwunderlich, daß die Bulga-risch-Ausgabe auf Anhieb den dritten Platz der nationalen Bestsellerliste erreichte.

Das bislang letzte Buch des weltbekannten 1946 in Leicester geborenen englischen Schriftstellers Julian Barnes, Autor von „Flauberts Papagei", „Eine Geschichte der Welt in 10 -(10,5) Kapiteln" und weiterer acht Romane, ist noch vor der (Englisch) Originalausgabe bereits im September des Vorjahres als erstes Buch des neugegriindeten bulgarischen Verlags „Obsidian" in bulgarischer Übersetzung erschienen.

Bei seiner Ankunft in Sofia traf der Autor mit der seit 46 Jahren ersten demokratisch gewählten Führungsspitze des Landes zusammen, mit dem Staatspräsidenten Bulgariens, dem Philosophen Schelju Schelew und der Vizepräsidentin, der Dichterin (und bulgarischen Herderpreis-Laureatin, siehe FURCHE 18/1992) Blaga Dimitrova.

Während im Westen zunächst sogar darüber gerätselt wurde, wo denn der Ort der Handlung liegen könnte, wurde die Polit-Parabel in Bulgarien von allem Anfang an als Schlüssel-Roman aufgenommen, in dem sich sowohl die Funktionäre der alten Nomenklatura, als auch die Angehörigen der neuen Regierung in Sofia wiederspiegeln. Es ging nur noch darum, herauszufinden, wer die Vorlage für welche der handelnden Personen des Buches geliefert hat.

Dagegen bestand kein Zweifel darüber, wem die Figur des „Stachelschweins" alias Stojo Petkanows angemessen war, nämlich dem 81jähri-gen Todor Hristow Schiwkow - Ex-„Steuermann" der Geschicke der Partei und des Landes mit mehr als 33 Jahren Praxis. Schiwkow ist Träger einer langen Reihe hoher bulgarischer und internationaler Auszeichnungen: so auch des höchsten österreichischen - des Großsterns des Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, wie bereits auf dem Klappentext des vor bald 15 Jahren in Wien beim damaligen ÖGB-eigenen Europa-Verlag erschienen Bandes zu lesen ist. Dieser Band enthält, wie es dort weiters heißt, „Reden und Artikel des Ersten Sekretärs des ZK der BKP und Vorsitzenden des Staatsrates der VR Bulgarien, Todor Shivko v, die die konsequente Politik Bulgariens für Frieden und Sicherheit zwischen den Völkern, für die Festigung und den Ausbau der freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Republik Österreich und der Volksrepublik Bulgarien widerspiegeln".

Ein hochgeehrter Mann

Dieser Mann wurde am 4. Oktober des Vorjahres (nur wenige Tage vor Erscheinen des Barnes' Buches auf dem bulgarischen Markt) vom Obersten Gerichtshof in Sofia wegen Amtsmißbrauchs und Veruntreuung zu sieben Jahren Haft verurteilt. (Das Urteil hat wegen der eingelegten Berufung noch nicht Rechtskraft erlangt.) Bei Barnes erhält Stojo Petkanow hingegen 30 Jahre innere Verbannung. Dies ist nicht die einzige Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion und sie sorgt bei in die Balkan-Mysterien Eingeweihten für zusätzliche Spannung.

Da ist der Fall Ana Petkanowas alias Lyudmila Schiwkowas - der Tochter des Partei-Chefs. In Barnes

Version verstirbt die (angeblich) 1937 geborene am 23. April 1972 (35jäh-rig) „unerwartet, da zuvor bei ausgezeichneter Gesundheit und überraschend jung an einem Herzanfall", der vermutlich durch die Einnahme oder Verabreichung von speziell entwickelten Drogen, welche Symptome von Herzstillstand erzeugen, ausgelöst sein dürfte. (Drängen sich da nicht gewisse Parallelen zu Todes-umständen des ehemaligen österreichischen Botschafters in Athen Herbert Amry und des Ex-Chefs der VOEST Heribert Abfalter geradezu auf?) In Wirklichkeit stirbt Lyudmila Schiwkowa nur fünf Tage vor ihrem 39. Geburtstag am 21. Juli 1981 (also vier Jahre älter als bei Barnes) als Kulturministerin, Politbüro-Mitglied und Abgeordnete (zur Nationalversammlung) auch unter mysteriösen Umständen. Ungeachtet ihrer sonstigen Tätigkeit, hat sie sich zweifellos hohe Verdienste um die Präsentation bulgarischer Kunst und Kultur im Ausland erworben. So fällt der Ankauf, Restaurierung und Verwandlung des Palais Wittgenstein in Wien zum einem der weltweit bedeutendsten bulgarischen Kunst- und Kulturzentren in die Periode ihres Wirkens.'

Abschließend sei festgehalten, daß der spannende und flott geschriebene Roman von Julian Barnes eine stellenweise bewußt mit Vulgärsprache operierende, zeitgemässe Polit-Parabel darstellt, die auch ohne Vorkenntnisse verständlich ist und reichlich Stoff zum Nachdenken liefert.

DAS STACHELSCHWEIN. Von Julian Barnes. Aus dem Englischen übersetzt von Stefan Howald und Ingrid Heinrich-Jost. Haffmans Verlag, Zürich 1992. 154 Seiten, öS 250,-.

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