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IM OSTEN BETRÄCHTLICHE CHANCEN

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Österreich, das sich seinerzeit gerne als Brücke zwischen Ost und West sah, ist heute zur Drehscheibe geworden - mit beträchtlichen Chancen und Problemen.

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Österreich, das sich seinerzeit gerne als Brücke zwischen Ost und West sah, ist heute zur Drehscheibe geworden - mit beträchtlichen Chancen und Problemen.

Trotz Abnahme des Exportumfan-ges werden die Exporte in die Reformländer des Ostens zunehmend zur Stütze des österreichischen Außenhandels. Im Jahr 1992 betrug der Anteil der Ostexporte am gesamten Exportaufkommen Österreichs bereits 11,6 Prozent. In den ersten beiden Monaten dieses Jahres erhöhte sich dieser Anteil auf 11,7 Prozent gegenüber 8,6 Prozent im Jahr vor der Wende 1988. Nach einer Studie von Stephan Barisitz vom Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institut wies Österreich damit 1992 die stärkste Osthandelsverflechtung aller westlichen Länder auf und überholte sogar den bisherigen Spitzenreiter Finnland.

Exporte im Wert von 8,2 Milliarden Schilling gingen im Jänner und Februar 1993 in die Oststaaten. Nach Abzug der Importe von 5,7 Milliarden bleibt ein Plus im Ost-Warenverkehr von 2,5 Milliarden Schilling. Größter Markt ist weiterhin Ungarn (28,5 Prozent der Ostexporte). Weiters folgen Tschechien (19,2), Polen (12,9), Slowenien (12,4) und die GUS (11,8). Trotzdem stieg das Defizit im österreichischen Warenverkehr in den ersten beiden Monaten des heurigen Jahres von 11,1 Milliarden auf 13,4 Milliarden Schilling gegenüber dem Vorjahrszeitraum. Ausschlaggebend dafür ist ein Rückgang der Ausfuhren nach Deutschland um zehn Prozent.

Zunehmend werden die Billigimporte aus den Oststaaten zum Problem. Angesichts der spürbar gewordenen Rezession setzt man in Österreich immer mehr auf Importsperren. So wurden die Zementimporte kontingentiert, die Düngemitteleinfuhren begrenzt, bei Landmaschinen läuft ein Anti-Dumpingverfahren und die osteuropäischen Käseimporte sollen reglementiert werden.

Anfang April präsentierte der Beirat für Wirtschafts- und Sozialfragen in einer Studie eine ganze Reihe schützenswerter Branchen: Chemie, Zement, Baustoffe, einfache Feinoptik, Landmaschinen, diverse Stahl- und Gußprodukte etcetera. Protektionismus überall?

Für Manfred Schekulin, Ostexperte im Wirtschaftsministerium, sieht die Sachlage etwas anders aus. „Österreich hat den Osthandel schon frühzeitig beträchtlich liberalisiert", verweist Schekulin auf entsprechende Verträge mit den damaligen „Staatshandelsländern" von 1973. Durch Freihandelsverträge käme es zudem zum asymmetrischen Abbau der Zölle. Allerdings drohten heute Billigimporte aus Osteuropa einzelne Industriezweige zu vernichten. Für die betroffenen Branchen seien deshalb Übergangsregelungen notwendig -zeitlich befristet, wie Schekulin betont.

Gerade das bezweifelt Jan Stan-kovsky, Ostexperte des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIPO). Er befürchtet, daß es zu einer Zementierung des Status quo kommt, obwohl für manche Bereiche nur mehr „Sterbehilfe" sinnvoll sei. „Ich würde mich aber freuen, wenn ich mich irren würde", meint der Ostexperte.

Die „geordnete Marktöffnung" (Schekulin) ist überdies der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) ein Dorn im Auge. In ihrem jüngsten Bericht heißt es, das protektionistische Verhalten würde vor allem Länder in Osteuropa und in der Dritten Welt benachteiligen, die einen natürlichen komparativen Vorteil hätten. Ein weiterer Abbau des Protektionismus würde diesen Ländern eine stärkere Spezialisierung auf humankapitalintensiye Produktionen erlauben, bei denen Österreich einen Rückstand aufweise, so die OECD.

Den Grund für das österreichische Agieren sieht die OECD in der hohen Spezialisierung auf rohstoff- und arbeitsintensive Produktionen. Nach Ansicht der OECD würde Österreich aber von einer weniger protektionisti-schen Haltung profitieren. Solchen Ländern könnte zu dringend benötigten Exporteinnahmen verholfen werden, deren niedriger Lebensstandard in Europa die Furcht vor massiven

Wanderungsströmen wecke.

Überdies droht Österreich, sich mit seiner Handelspolitik um seine Exporterfolge zu bringen. So hat Budapest erneut Österreich aufgefordert, die Kontingentierungspolitik zu überdenken (siehe Seite 10). Gegenmaßnahmen, insbesondere bei Stahl, schweben wie ein Damoklesschwert über Österreichs Exporteuren. Handel ist eben keine Einbahnstraße.

zu sein, verlagern immer mehr österreichische Betriebe ihre Produktionen in den Osten. Zur Erleichterung dieser In-ternationalisierung gibt es Förderungen von Seiten des Ost-West-Fonds, des ERP-Fonds und über Bürges-Kredite. Mit der Nutzung günstiger Produktionsmöglichkeiten im Osten könnten die Kernaktivitäten in gefährdeten Betrieben in Österreich abgesichert werden, schreibt das WIFO.

Österreichische Unternehmen investierten bis Ende 1992 rund 19 Milliarden Schilling in Osteuropa, was etwa einen Anteil von 14 Prozent am gesamten ausländischen Kapital entspricht. Vor allem im Dienstleistungssektor, dem Bau und in der Einzelhandelsbranche lagen die Schwerpunkte. An etwa 9.400 Joint Ventu-res, Niederlassungen und Tochtergesellschaften sind österreichische Unternehmen beteiligt (siehe Graphik Seite lQ).ImJahrdavorwarenesrund 5.700 und Ende 1990 gar nur 900.

Am stärksten investiert wurde in Ungarn. Bis Ende 1992 flössen acht Milliarden Schilling in 4.000 Beteiligungen beim Nachbarn. In Polen wurden 4,8 Milliarden und in Slowenien 2,4 Milliarden bis Ende 1992 investiert. Für weniger attraktive Staaten wird der mangelnde Zustrom von ausländischem Kapital immer mehr zum Problem. So liegt etwa in der Slowakei die Auslandsbeteiligung bei einem Großteil der Joint Ventures unter 200.000 Schilling. Österreichi- sehe Unternehmen investierten mit 650 Millionen Schilling in 908 Firmen bislang noch am stärksten.

„Für weite Teile der österreichischen Wirtschaft bietet die Ostöffnung beträchtliche wirtschaftliche Chancen", heißt es im Bericht des Sozial- und Wirtschaftsbeirates. Die Oststaaten „werden einerseits für Österreich wichtige Absatzmärkte und Produktionsstandorte sein, andererseits aber auch mit ihren Produkten als Konkurrenten auf dem österreichischen Markt auftreten". Österreich müsse langfristig die neue internationale Arbeitsteilung akzeptieren.

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