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Im Tanz durch die vier Jahreszeiten

Als bei einem Wohnungsumbau im vergangenen Sommer in Wien im Hause Tuchlauben 19 Teile von Wandmalereien zum Vorschein kamen, ahnte noch niemand, daß hier einer der sensationellsten Freskenfunde Österreichs unmittelbar bevorstand. Der Wohnungsinhaber war zunächst erfreut, denn welcher kulturbewußte Mensch hat nicht gerne ein hübsches gotisches Liebespaar an der Wohnzimmerwand.

Als die Untersuchungen des Bun-desdenkmalamtes jedoch immer mehr Malereien zutage förderten -insgesamt 15 Laufmeter - wurde die Situation problematisch. Denn ein Wohnzimmer, dessen Wände rundum mit Fresken bedeckt sind, ist als solches kaum noch benutzbar. Nun gesellte sich zu der Entdeckung auch noch eine gehörige Portion Glück.

Nicht nur, daß der Wohnungsinhaber der Lage durchaus verständnisvoll, ja sogar stolz gegenüberstand, obwohl er sich zunächst seines Repräsentationsraumes beraubt sah, konnte nun auch nach gründlichen Überlegungen aller interessierten Stellen und Beteiligten eine Lösung gefunden werden, die als schlechthin ideal anzusehen ist:

Dem Wohnungsbesitzer konnte gleichwertiger Ersatz für seine verlorenen Räumlichkeiten geboten werden, und das Kulturamt der Stadt Wien erklärte sich bereit, den Raum als Außenstelle des Historischen Museums der Stadt Wien der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Bundesdenkmalamt übernimmt die Kosten für Freilegung und Restaurierung der Fresken. Was rechtfertigte nun alle diese Bemühungen?

Die Fresken erstrecken sich als Fries über die Längswände eines für gotische Verhältnisse ungewöhnlich großen Saales. Er maß etwa 14 mal 6 Meter. Leider ist der Raum heute als solcher nicht mehr, erhalten, weil beim barocken Umbau des Hauses in einer Ecke des Saales das Stiegenhaus eingebaut wurde. Auch wurden Nischen und Türen eingebrochen, so daß der Figurenfries heute an einigen Stellen unterbrochen ist.

Die Fresken selbst gaben sich dem Kunsthistoriker unschwer als Werke des späten 14. Jahrhunderts zu erkennen. Stilistisch gehören sie zur böhmischen Hofkunst, die in der Buchmalerei als „ViTenzelswerkstatt" ein Begriff ist, und von deren profanen Monumentalmalereien bis heute nur ein Abglanz in Form von Skizzenbüchern bekannt war.

Hier war nun ein Beispiel dieser verloren geglaubten Kunstgattung gefunden worden, das - wie die Bademädchen und Ritter in der Buchmalerei - dem Beschauer einen Einblick in das weltliche Leben der Zeit gegen 1400 gewähren konnte: Kämpfende, Liebende, Tanzende, Schmausende ...

Bei näherer Betrachtung wurden jedoch Einzelheiten deutlich, die mit der Vorstellung vom höfischen Leben nur schwer in Einklang zu bringen waren. Die Ritter waren rauh und derb, der Liebhaber offenbar allzu direkt, und manche Details waren auf den ersten Blick gar nicht erklärbar, weil sie in allen bekannten zeitgenössischen Werken keine Parallelen aufwiesen.

Des inhaltlichen Rätsels Lösung brachte ein Germanist: es handelt sich um Illustrationen zu den Liedern des Minnesängers Neidhart von Reuental. Neidhart hatte in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts am Wiener Höf gewirkt. Er, der Zeitgenosse Walthers von der Vogelweide, brachte die Abkehr von der traditionellen Form des Minnesanges, indem er die Themen seiner Lieder nicht mehr im höfischen Bereich ansiedelte, sondern im bäuerlichen Milieu,-das er gleichzeitig parodierte.

Damit sprach er nun nicht mehr ausschließlich höfische Kreise an, sondern breite Bevölkerungsschichten, vor allem das Bürgertum. Die weite Beliebtheit seiner Werke äußerte sich nicht nur darin, daß bis ins 15. Jahrhundert hinein Ergänzungen und Nachdichtungen seiner Lieder geschaffen wurden, die sogenannten „Pseudo-Neidharte", sondern auch die Person des Dichters selbst wurde Mittelpunkt von Geschichten, die uns in Form von Schwänken überliefert sind. Der bekannteste ist wohl der im Wiener Raum entstandene Veilchenschwank, der im 14. Jahrhundert unter Mitwirkung von Adeligen und reichen Bürgern vom Wiener Hof alljährlich aufgeführt wurde.

Aus diesem historischen Hintergrund heraus ist nun auch die Themenwahl der Fresken erklärlich. Und mit Hilfe von Neidharts Liedern können wir die einzelnen Szenen lesen und deuten: so gibt sich der scheinbar derbe Ritter als Bauer mit ritterlicher Attitüde zu erkennen, der stürmische Liebhaber war der böse Bauer Engelmar in der Szene des Spiegelraubes, und schließlich ist sogar (erstmals in der Wandmalerei) ein Schlitten abgebildet, der in der Literatur zum ersten Mal bei Neidhart vorkommt.

Alle einzelnen Motive aus den Liedern des Minnesängers scheinen sich jedoch im Gesamtzusammenhang der Fresken einem Jähreszeitenpro-gramm unterzuordnen: auf der einen Seite Sommer und Winter, auf der anderen Frühling (vermutlich mit dem Veilchenschwank) und Herbst. Dabei ist auch noch zu erinnern, daß die Darstellungsweise der Szenen im wesentlichen auf Typen von Monatsbildern basiert.

Wer war aber nun derjenige, der sich hier am Ende des 14. Jahrhunderts ein so aufwendiges Haus errichten ließ?

Die Erforschung der Hausgeschichte ergab für diesen Zeitraum als Besitzer einen gewissen Michel Menschein (Mondschein), der als vermögender Wiener Tuchhändler und sogar Ratsherr in Urkunden immer wieder anzutreffen ist. Von ihm wissen wir, daß er im gegenüberliegenden Haus Tuchlauben Nr. 20 gewohnt hat, das zu seiner Zeit „Winterhaus" hieß, während Nr. 19 gleichzeitig den Namen „Sommerhaus" erhielt.

Durch diese Namensgebung, die sich parallel in den „Sommer- und Winterliedern" Neidharts ausdrückt, ist der enge Zusammenhang beider Häuser schon deutlich. Es ist anzunehmen, daß das Haus Nr. 19 dem Michel Menschein zu Repräsentationszwecken gedient hat, wobei dem großen Saal im ersten Obergeschoß die Rolle des Fest- und Tanzsaales zukam.

Er war nicht der einzige seiner Art in Wien. Solche bürgerliche Säle dienten zuweilen sogar dem Kaiserhaus als Rahmen für Feste! So gab Erzherzog Maximilian am Neujahrstag 1476 im Hause des Niclas Teschler am Lugeck ein Tanzfest, und auch von anderen Veranstaltungen wissen wir, daß Bürgerhäuser dafür zur Verfügung gestellt wurden.

So können wir den Freskenfund im Haus Tuchlauben 19 in mehrfacher Hinsicht als sensationell werten: kunsthistorisch als einziges profanes Denkmal dieses Umfangs und einer so frühen Zeit in Österreich, ikono-graphisch als singuläres Beispiel für eine Illustration der Lieder Neidharts von Reuental, und last but not least als einzigartiger Zeuge der verschwundenen bürgerlichen Kultur Wiens im ausgehenden Mittelalter.

Dr. Eva-Maria Höhle ist Mitarbeiterin im. Landeskonservat Wien des Bundesdenkmalamtes.

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