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Im Unruheherd Kosovo schwelt es nach wie vor

Die Normalisierung des Alltagslebens in der autonomen Provinz Kosovo gestaltet sich schwieriger, als angenommen, vor allem aber bedeutend langwieriger. Die Parteiführung Serbiens und die ihr unterstehende Partei-, führung im Kosovo haben ein Langzeitkonzept entwickelt. Es soll die ökonomische Rückständigkeit der vorwiegend von Albanern bewohnten Provinz und die daraus resultierenden sozialen Probleme mildern.

Belgrad und die sechs Teilrepubliken Jugoslawiens pumpen Milliarden an Dinar in den Entwicklungsfonds Kosovo, dem auch billige Dollarkredite zugeleitet werden. 39 große industrielle Projekte sollen Arbeitsplätze schaffen und dem Kosovo Anschluß an die Gesamtwirtschaft in Jugoslawien sichern.

Die forcierte Ausbeutung der reichen Rohstoffvorkommen und entsprechende Anschlußprojekte sind vorgesehen. Der Kosovo wird zu einem wichtigen Faktor der Energiewirtschaft Gesamtjugoslawiens, was den Teilrepubliken und der zweiten autonomen Provinz der Wojwodina, die finanziellen Opfer schmackhaft machen soll.

Von gegenwärtig 1.500 MGW elektrischer Energie, wird eine Ausweitung auf 4.000 MGW angestrebt, vorwiegend auf Kohlenbasis. Dann würden die im Tagbau abgebauten Kohlelager noch im mer für 200 Jahre reichen, versichern Experten.

Die Arbeitslosenquote im Kosovo erreicht nahezu 30 Prozent der Arbeitsfähigen, womit sie nahezu dreimal so hoch ist, als im übrigen Jugoslawien. 200.000 Beschäftigten im Arbeitsprozeß stehen 80.000 registrierte Arbeitslose gegenüber, erklärte der Parteichef des Kosovo, Kurtesi. Bei der rapid wachsenden Bevölkerung im Kosovo ist dadurch besonders die Jugend betroffen.

Die Geburtenzuwachsrate der Albaner įst kein biologisches Problem, eher ein politisches. Nahezu 75 Prozent der Kosovo-Albaner sind unter 25 Jahre alt. Das ist gefährlich, da gerade die Jugend vom nationalistischen Bazillus im Kosovo infiziert ist. Sie war Träger der nationalistischen Eruption im Frühjahr 1981 und scheint sich weiterhin in diesem Geiste zu bewegen, das zeigen immer wieder aufflackernde Unruhen an den Schulen, wo Titobilder zerstört und pro-jugoslawisch eingestellte Lehrer verprügelt werden, oder das Beschmieren von Wänden mit albanisch-nationalistischen Parolen. 2.500 Schmierak tionen wurden entsprechend dem Rapport des Innenministeriums im Laufe eines Jahres registriert.

An der Universität Pristina, welche ein Zentrum der Unruhen war, wird bei der Aufnahme neuer Studenten selektiver vorgegangen und die Zahl der Inskribenten jährlich um 2.000 verrin-gert. Dem akademischen Proletariat soll Einhalt geboten werden.

Trotzdem explodieren in der Landeshauptstadt Pristina wieder Bomben. Sportliche Ereignis se werden für nationalistische Demonstrationen mißbraucht. Das Meisterschaftsspiel „Roter Stern Belgrad“ gegen den FC Pristina in einem Belgrader Stadion artete zu einer solchen aus. Erstmals erklangen albanisch-nationalistische Parolen in der Hauptstadt Serbiens und Jugoslawiens. Die aus dem Kosovo in großer Zahl angereisten Sportfans skandierten E-Ho, E-Ho, die Anfangsbuchstaben von Enver Hodscha, dem Parteichef des benachbarten Albanien. Er wird verdächtigt, den Nationalismus und die Unruhen im Kosovo zu schüren.

„Aus dem Nachbarland wird ständig gehetzt, verleumdet und Lüge verbreitet“, klagt Ilija Kurtesi. Während mehrerer politischer Prozesse, die in den letzten Tagen in Pristina durchgeführt wurden, soll die Einflußnahme Albaniens erwiesen worden sein. Daß unter den Verurteilten der vormalige Chef der Agitpropabteilung des Zentralkomitees der KP im Kosovo war, deutet auf die Anziehungskraft nationalistischalbanischer Parolen selbst auf gute Parteigenossen.

Die Parole von der „Republik Kosovo“ wird immer wieder laut, obwohl sie jugoslawischerseits als staatsfeindlich verurteilt worden war. Uber 600 albanische Irredentisten büßen ihre anti-jugoslawische Tätigkeit mit einigen tausend Jahren Gefängnis. Nach Erkenntnissen des Staatssicherheitsdienstes haben sich die linksdogmatischen Grüppchen im Untergrund in einer einzigen Organisation gefunden, der „Kommunistisch-marxistisch-leninistischen Partei der Albaner in Jugoslawien“.

Das klingt nicht gerade beruhigend. Schon deshalb nicht, da die führenden Köpfe nicht bekannt sind und es immer schwieriger wird, konspirative Zirkel unter den Kosovo-Albanern aufzudek- ken.

Der virulente Nationalismus unter den Kosovo-Albanern stört jedenfalls die Differenzierungsund Befriedungspolitik empfindlich, die Belgrad und die Parteiführung in Pristina verfolgen. Durch sie sollen lediglich die Rädelsführer und aktiven jugoslawienfeindlichen Elemente eliminiert werden, dagegen soll Mitläufern und Verführten verziehen werden. So hofft Belgrad die un-ruhigen Kosovo Albaner wieder für sich zu gewinnen.

Der Parteichef des Kosovo, Ilija Kurtesi, behauptet, daß die Bewohner im Kosovo die Schädlichkeit der nationalistischen Wühlpolitik durchschaut hätten und die Situation im Kosovo eine friedliche Entwicklung nehme. Das Tempo, der Abwanderung von Serben und Montenegrinern aus dem Kosovo konnte allerdings nur verlangsamt, aber nicht aufgehalten werden.

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