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Im Zeichen eines Richterspruches

Die bevorstehenden burgenländischen Landtagswahlen stehen im Schatten innenpolitischer Auseinandersetzungen, wie sie für das Burgenland gar nicht typisch sind. Es ist verständlich, daß daher manche harten Worte in diesem Wahlkampf fallen. Unverständlich ist, daß aber außerhalb des Burgenlandes abwertende Stellungnahmen gegenüber dem Land und seinen Bewohnern gefallen sind. Eben dieses Burgenland hat durch die Ereignisse des Krieges vor allem in seiner letzten Phase in allen seinen Teilen Schweres durchgemacht, seine Bewohner haben in der Besatzungszeit unter schwersten Opfern gelebt und seither einen beispielhaften wirtschaftlichen, sozialen und politischen Wiederaufbau geleistet. Dieser war vom Geist der Solidarität und der Konsensdemokratie getragen. Zusammenarbeit gab es nicht nur zwischen den tragenden politischen Kräften und Parteien, sondern auch zwischen der Katholischen und den Evangelischen Kirchen, denen im Burgenland eine für Österreich überdurchschnittliche Bedeutung zukommt.

Das Burgenland hat in seiner bewegten Geschichte immer wieder bedeutende kultureile Werte hervorgebracht. Dieser Tradition hat dieses Land trotz seiner nur knappen finanziellen Mittel nach 1945 und seither immer wieder fortgesetzt. Dabei ist es nicht nur um die Restaurierung zahlreicher vom Krieg zerstörter oder beschädigter Objekte gegangen, sondern es wurde bewußt Neues geschaffen, Bildungsstätten der verschiedensten Art, und die Museen des Landes haben ein beachtliches Niveau erreicht: Die Dokumentation reichen einerseits weit in die Vergangenheit zurück, andererseits bewältigen sie wie im Jüdischen Museum in Eisenstadt die so tragische Geschichte des Landes während der Zeit des Nationalsozialismus.

Dieses Burgenland ist vielen Österreichern aus anderen Bundesländern, vor allem auch aus Wien, sehr wertvoll geworden. Manchen gewiß als Erholungsraum, manchen als Boden hochwertiger Weine. Für sehr viele Österreicher ist das Burgenland aber mehr: Es erinnert in seiner Differenzierung nach Volksgruppen an die Monarchie. Auch die unterschiedlichen Volksgruppen haben hier nach dem Grundsatz jenes „Miteinander” immer gelebt, das für die Nachkriegskultur Österreichs typisch geworden ist, zumindest in vielen Bereichen wie der Sozialpartnerschaft. Die Partnerschaft der Volksgruppen hat sich hier in besonderer Weise bewährt. Die Katholische Kirche hat dabei beispielgebend mitgewirkt - nicht zuletzt ein Verdienst des Bischofs, der alle drei Landessprachen beherrscht und allen Menschen immer offen entgegentritt.

Es ist im Rechtsstaat nicht sinnvoll, Betrachtungen über rechtskräftige Urteile anzustellen. Als Christen stehen wir grundsätzlich allen Menschen offen und vorurteilslos gegenüber. Es ist niemals unsere Aufgabe, selbst Richter zu sein. Es ist zu hoffen, daß die Burgenländer ihre politischen Probleme mit jener Gelassenheit lösen werden, die sie in einer so langen geschichtlichen Tradition immer wieder bewiesen haben.

Eine einzigartige Aufgabe

In der Politik gibt es gelegentlich „Uberreaktionen”: Die Zusammenarbeit der politischen Kräfte war im Burgenland an sich auch in den letzten Jahren gut; gewiß gibt es in der Demokratie (und nicht nur dort) immer wieder Spannungen und Konflikte. Dies wird auch nach dem 23. Juni der Fall sein.

70 Jahre bei der Republik Österreich - es mag eine relativ kurze Zeit sein - die Verbundenheit mit dem heutigen Österreich war aber auch in der Zeit sehr eng, wo das heutige Burgenland noch zur ungarischen Reichshälfte der Monarchie gehört hat. Jubiläumsjahre mögen Anlaß zur Neubesinnung sein. Im Burgenland kann es nur darum gehen, an eine bewährte Tradition anzuknüpfen, die wirtschaftlichen und politischen Chancen in einer

Zeit der Öffnung zum Osten hin mehr denn je wahrzunehmen.

Hier hat das Burgenland eine Aufgabe, die sonst niemand in dieser Welse für Österreich erfüllen kann. Die Burgenländer haben schon bisher durch ihre Opl'erbereitschaft für Flüchtlinge und Vertriebene, durch gezielte Hilfen an die Nachbarregionen bewiesen, daß für sie die neue politische Entwicklung eine Herausforderung besonderer Art ist. Persönliches Engagement, Fleiß und Verläßlichkeit sind Eigenschaften, die man auch an den Burgenländern schätzt, die außerhalb ihrer Heimat arbeiten und wirken.

Im Burgenland selbst sind zahlreiche Persönlichkeiten hervorgetreten, die sich gegen kollektive Verdächtigungen gewandt haben, gegen unsinniges Reden und Schreiben von einer „moralischen Tiefebene”. Für die politische Kultur eines Landes ist kennzeichnend, wie politische Auseinandersetzungen geführt werden. Im Burgenland muß man an jene Denkweisen anknüpfen, die aus der Zeit stammen, wo die Zusammenarbeit der tragenden politischen Kräfte aus der Not der Zeit geboten war.

Österreich hat mit seinen neun Bundesländern in gewissem Umfang eigenständige kulturelle Regionen aufzuweisen. Eine der interessantesten ist dabei das Burgenland, dessen Geschichte sehr von er der anderen Bundesländer abweicht. Heute ist es - trotz der unterschiedlichen Herkunft seiner Bewohnereine geistig-kulturelle Einheit geworden, mit jener Offenheit gegenüber den Nachbarländern sowohl innerösterreichisch als auch gegenüber den angrenzenden osteuropäischen Ländern, die heute mehr denn je notwendig ist. Wir werden dieses neue Europa und besonders „Ostmitteleuropa” nur dann als eine zukunftsweisende Region des Friedens und der Zusammenarbeit aufbauen können, wenn wir aus der Tradition und Kultur der kleineren Einheiten schöpfen können. Dabei kommt dem Burgenland eine unverzichtbare Rolle zu.

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