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In der Retorte endet das Humane

1945 1960 1980 2000 2020

„Das Natürliche und das Vernünftige“, „Die Krise der Modernität“ - hinter diesen Titeln zweier unlängst in Wien gehaltener Vorträge des deutschen Philosophen Robert Spaemann verbirgt sich eine fundamentale Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit.

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„Das Natürliche und das Vernünftige“, „Die Krise der Modernität“ - hinter diesen Titeln zweier unlängst in Wien gehaltener Vorträge des deutschen Philosophen Robert Spaemann verbirgt sich eine fundamentale Auseinandersetzung mit den Problemen unserer Zeit.

FURCHE: Herr Professor Spaemann, ist das Thema Ihres Wiener Vortrages für das Institut für die Wissenschaften vom Menschen, „Das Natürliche und das Vernünftige“, das an historische Auseinandersetzungen — an Voltaire und Rousseau — erinnert, heute noch, oder wieder, besonders aktuell?

PROFESSOR ROBERT SPAEMANN: Das Thema ist ein zentrales Thema der Philosophie. Was seine Aktualität betrifft, so denke ich an die Diskussion um die sogenannte Evolutionäre Erkenntnistheorie, zu der gerade in Wien eine Tagung stattfindet, an der ich teilnehme. Da wird ja der Versuch gemacht, Vernünftigkeit — also auch so etwas wie Wahrheit und Gerechtigkeit - auf natürliche Entwicklungsprozesse zurückzuführen, die in uns bestimmte überlebensdienliche Dispositionen hervorgebracht haben. Von solchen naturalistischen Theorien aus wird es sehr schwierig, das Selbstverständnis der Vernunft, den Anspruch, den sie ihrer Natur nach machen muß, überhaupt adäquat zu verstehen oder zu rekonstruieren.

FURCHE: Sie sagen: Anspruch der Vernunft ihrer Natur nach. Das heißt, die Vernunft ist eigentlich auch etwas Natürliches?

SPAEMANN: Ja. Die Vernunft ist etwas Natürliches. Aber das heißt nicht, daß sie in ihrem Geltungsanspruch aus dem natürlichen Entwicklungsprozeß erklärt werden kann, der vielleicht zu ihrer Bildung geführt hat. Die geometrischen Gesetze, denen ein Dreieck auf der Tafel unterworfen ist, haben nichts mit der Kreide zu tun, durch die es gezeichnet wurde.

So ist es auch mit dem, was wir unter Wahrheit oder unter dem Guten verstehen. Man kann vielleicht genetisch erklären, wie ein Wesen schließlich daraufkommt, daß es so etwas wie das Wahre oder das Gute gibt. Aber wir können diese Ideen nicht selbst aus einem biologischen Entstehungsprozeß erklären und sagen, Wahrheit sei das Resultat eines Anpassungsprozesses im Dienste des Uberlebens, und die Idee des Guten ebenfalls eine Idee, die man aus evolutionären Uberlebensstrategien erklären kann.

FURCHE: Sie können also mit der Theorie von der sogenannten Selbstorganisation der Materie nichts anfangen?

SPAEMANN: Das will ich so unmittelbar nicht sagen. Wie immer die Materie sich organisiert haben mag, das, was am Ende herauskommt, kann man nicht aus dem Prozeß ableiten. Das sagen ja evolutionäre Erkenntnistheoretiker selbst. Zum Beispiel hat Konrad Lorenz den Begriff der „Ful-guration“ geprägt. Er sagt, daß in bestimmten komplexen Zuständen der Materie plötzlich ganz neue Eigenschaften auftreten, die wir nicht aus dem Prozeß ihrer Entstehung ableiten können.

FURCHE: Ihr Buch ,J)ie Frage Wozu?“ gilt dem teleologischen, also zielgerichteten Denken. Nehmen Sie für die Evolution an, daß es auf ein ganz bestimmtes Ziel hingeht?

SPAEMANN: Nein. Ich glaube zwar, daß dieser Evolutionsprozeß im ganzen das Ziel hat, den Menschen hervorzubringen, aber dies ist keine wissenschaftliche These, sondern eine religiöse Uberzeugung. Ich glaube nicht, daß man den Evolutionsprozeß als Ganzen teleologisch deuten muß. Was man teleologisch deuten muß, ist jeweils der einzelne Organismus. Das heißt, wenn mein Hund einmal existiert, dann handelt es sich offenbar um ein teleologisches Gebilde. Ich weiß, die Biologen mögen das nicht gern, sie gebrauchen lieber den Begriff „Teleonomie“, aber Teleonomie heißt eigentlich nur, etwas sieht so aus als ob es teleologisch wäre. Eigentlich gibt es Teleologie nach dieser Ansicht nur beim menschlichen Handeln.

Darauf kann ich nur antworten, es müßte sehr merkwürdig sein, wenn eine Kategorie wie die der Zielgerichtetheit mit dem Menschen vom Himmel gefallen wäre. Wir sind ja auch in gewisser Hinsicht Tiere und in vielem offensichtlich den Tieren so ähnlich, daß wir die Zielstrebigkeit unseres eigenen Handelns, die niemand leugnet, sinnvollerweise den Tieren, die uns ähnlich sind, nicht einfach absprechen können.

Das Paradoxe liegt darin, daß die Leute, die sich so gegen Teleologie wehren, als sei das so eine Art Mythologie, selbst zu einer viel mythologischeren Annahme greifen müssen, nämlich, daß mit dem Menschen etwas so Andersartiges in die Welt komme, wie das kein Philosoph je behauptet hat, daß nämlich erst mit ihm Zielstrebigkeit in die Welt komme.

FURCHE: Und diese Ansicht lehnen Sie ab? SPAEMANN: Ja.

FURCHE: Man könnte jetzt zu diesem Thema Vernünftiges, Natürliches auch den heutigen Gegensatz Ökologie und Ökonomie herauslesen...

SPAEMANN: Die Natur, die unvernünftige Natur, reicht nur so weit, daß sie eine innere Zielstrebigkeit eines Organismus entstehen läßt, der sich in einer Umwelt behauptet, sich anpaßt und sein Uberleben und das seiner Art sichert. Mit dem Menschen taucht insofern etwas wirklich Neues auf, daß der Mensch ein Interesse nehmen kann daran, wie die Dinge sind, vollkommen unabhängig davon, was er davon hat.

Ich kann zum Beispiel in einem Akt des Wohlwollens, um nicht das Wort Liebe zu benutzen, mich einem anderen Wesen zuwenden, und zwar nicht insofern dieses Wesen in meiner Umwelt irgendwie vorkommt und insofern ein

Teil meiner selbst ist, sondern weil dieser andere selbst genauso Zentrum einer Welt ist wie ich es bin. Das heißt, er gehört nicht nur zu meiner Umwelt, sondern ich gehöre ebenso zu seiner Umwelt. Diesen Gedanken realisieren zu können, scheint mir das Spezifische der menschlichen Vernunft zu sein.

Wenn Sie auf die Ökologie zu sprechen kommen, so haben wir auf der einen Seite ein egoistisches Interesse an der Erhaltung der gesunden Umwelt, weil sonst unser Uberleben nicht gesichert ist. Aber auf der anderen Seite können wir auch ein Interesse am Reichtum der Welt um ihrer selbst willen haben. Wenn ich zum Beispiel traurig bin bei der Nachrieht, daß Tausende Schmetterlingsorten in Südamerika aussterben, dann frage ich mich: Woran liegt diese Traurigkeit? Ich selber werde sie nie sehen, ich habe gar . nichts von djesen Schmetterlingen. Aber dieses Bewußtsein, es gibt sie nicht mehr, berührt mich trotzdem, weil ich den Reichtum der Welt für etwas in sich Wertvolles halte, wofür wir Verantwortung haben.

Ähnliches gilt zum Beispiel für das Leid, das wir Tieren bei ihrer Haltung oder auch bei Tierversuchen zufügen. Es gibt Leute, die sagen: Was liegt daran? Der Mensch steht höher als das Tier. Aber wodurch steht er höher? Er steht dadurch höher, daß er ein vernünftiges Wesen ist, und Vernünftigkeit heißt, daß er imstande ist, Verantwortung für etwas zu tragen, was unmittelbar mit seinem Interesse gar nicht zusammenhängt.

Gerade deshalb, weil der Mensch höhersteht und wertvoller ist als das Tier, gerade darum hat er die Pflicht, auch Tieren gegenüber so etwas wie Zumutbar-keitserwägungen anzustellen. Das ist etwas Vernünftiges, es ist nicht etwas „Natürliches“. Man müßte also sagen, die Vernunft ist es, die erst den Respekt vor der Natur entstehen läßt.

FURCHE: Es gibt demnach keinen echten Gegensatz zwischen Vernünftigem und Natürlichem? Vernunft ist etwas, das dazu dient, einen Ausgleich zwischen den verschiedenen in der Natur vorkommenden Gegensätzen herzustellen. Ist das richtig?

SPAEMANN: Ja, so kann man es sagen. In der Natur gibt es immer das Interesse des einen natürlichen Wesens, das gegen das Interesse des anderen gerichtet ist. So sagen wir zum Beispiel vom Menschen, sein Tod sei unnatürlich, wenn er vom Löwen gefressen wird, aber wir sagen vom Lö-

wen, daß das Fressen des Menschen ihm natürlich ist. Das Vernünftige ist die Bewegung, in der wir uns über diesen Gegensatz erheben.

Das bedeutet nicht, daß wir nicht auch weiterhin über die Interessen anderer Wesen hinweggehen werden, wir werden auch weiter Tiere töten. Aber wir haben eine Verpflichtung, das, was uns anvertraut ist, für die Dauer seiner Existenz auf eine Weise leben zu lassen, die dem Wesen dieses Lebewesens angemessen ist.

FURCHE: Sie sprachen in Wien, für den Club „pro wien“, auch über iJDie Krise 4er Modernität“. Sie waren auch 1985 in Castel Gan-dolfo beim Symposion über die Krise. Ist das für Sie ein positiver oder negativer Begriff?

SPAEMANN: Die Krise in einer Krankheit ist eine Entscheidung, die zum Guten oder zum Schlechten ausgehen kann. Entweder der Patient stirbt, oder er wird gesund nach der Krise. So ähnlich scheint es mir mit der Krise der Modernität zu sein.

Wenn Sie zum Beispiel daran denken, daß neuerdings der Anfang des menschlichen Lebens abgekoppelt wird vom humanen Akt der Zeugung und daß sogar führende Kirchenleute instinktlos genug sind, das auch noch zu billigen, dann kann man natürlich sagen, daß das Ende des Humanen abzusehen ist. Es kann aber auch sein, daß die Fürchterlichkeit dieser Phänomene zu einer Besinnung führt, und das kann man ja auch schon bei vielen beobachten.

Nehmen Sie die Grünen bei uns in der Bundesrepublik: Sie sind in vieler Hinsicht verrückt und schizophren; sie sind für die Freigabe der Abtreibung, aber gleichzeitig sind sie zum Beispiel interessanterweise gegen die Genmanipulation und für ein Verbot der Menschenproduktion in der Retorte.

Man sieht, daß auf eine noch sehr unklare Weise doch ein Bewußtsein davon aufbricht, daß hier Grenzen erreicht werden, die man nicht überschreiten darf, wenn man nicht die Gestalt des Menschen zerstören will. Es gibt ja so etwas wie eine Zeitgestalt des menschlichen Lebens, zu der Zeugung, Geburt und Tod des Menschen gehören, ein menschenwürdiger und nicht sich im Griff der Technik abspielender Tod. Es scheint mir von allergrößter Wichtigkeit, daß man gerade im Christentum, wo die Achtung vor der Würde des Menschen doch etwas ganz Zentrales ist, nicht blind ist gegen die Phänomene“, durch die diese Würde auf das tiefste verletzt wird.

Wenn ich zum Beispiel lese, bei der Retortenzeugung oder bei der künstlichen Befruchtung käme es nur darauf an, ob die Eltern verheiratet sind, würde ich sagen, jede uneheliche wirkliche Zeugung ist immer noch humaner als das Zusammenrühren eines menschlichen Wesens von Hand.

Ein solches Kind hätte tatsächlich das Recht, eines Tages von seinen Eltern Rechtfertigung für seine Existenz zu fordern. Während ein natürlich gezeugtes Kind diese Frage nie stellen kann — wie Gottfried Benn einmal sehr schön sagte: „Glaubt doch nicht, daß ich an euch gedacht habe, als ich mit eurer Mutter ging - ihre Augen wurden immer so schön bei der Liebe.“ Das ist die natürliche Art, wie ein Kind entsteht.

FURCHE: Für die Zukunft brauchen wir also eher mehr Natürlichkeit als Vernunft?

SPAEMANN: Ich habe einen Begriff von Vernunft, der nicht durch den modernen Rationalismus auf bloß instrumentelle Vernünftigkeit eingeschränkt ist. Ich denke, wir brauchen mehr Vernunft. Aber unter Vernunft verstehe ich das Hellwerden der Natur, die Achtung vordem, wasvarb Natur ist. Das gibt es nicht in der Natur, das gibt es nur bei vernünftigen Wesen. Das heißt, Gewissen und Vernunft hängen auf das engste zusammen.

Nur ein vernünftiges Wesen hat Gewissen, und im Gewissen macht sich die Stimme der Vernunft geltend. Vernunft ist das Göttliche im Menschen. Wir haben uns leider daran gewöhnt, unter Vernunft nur die instrumenteile Vernunft der Wissenschaft zu verstehen. Aber Vernunft ist das Zu-sich-selbst-Kommen der Natur.

FURCHE: Das heißt, wenn wir unnatürlich leben, leben wir auch unvernünftig ?

SPAEMANN: Ja, so ist es.

Mit Robert Spaemann, Professor für Philosophie an der Universität München, sprach Heiner Boberski.

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