7048495-1990_43_10.jpg
Digital In Arbeit

In der Villa Elsa

Die kochende Milch hob sich in Form einer weißen beben- den Kuppel über den Topfrand, während ein Soldat in Pickelhaube die Herdtür aufriß, sodaß sein Schatten im zuckenden Wider- schein des Feuers an der Wand und an der Zimmerdecke erschien. Später hörte ich sein heiseres La- chen und die ruhige Stimme meiner Amme, die die Korbflasche aus der Ecke hob, einen Bierstutzen mit Wein füllte und auf die Tischkante stellte, wie sie es jedesmal tat, wenn ihr Bruder zu Besuch kam. Der Soldat hatte sich währenddessen aus einem Blatt Zeitungspapier einen Fidibus gedreht, den er ins Herdfeuer tauchte, brennend em- porhielt und mit glänzenden Augen solange betrachtete, bis die Flam- men bläulich und so klein waren, daß er seine Tabakspfeife gemäch- lich anzünden konnte.

Ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen hob der Soldat meinen Milchbruder Arthur von seinem Stühlchen, warf ihn ein paarmal in die Luft, stellte ihn auf den Tisch und kam, Tabakrauch paffend, auf mich zu, um auch „den anderen niedlichen Knaben", wie er mich nannte, gehörig durchzubeuteln, ich aber starrte auf die Milch, als könn- te ich durch den beängstigenden und fesselnden Anblick, an dem ich mich gleichsam festhielt, seinen klobigen Händen entkommen. Und so geschah es tatsächlich. Der Sol- dat folgte meinem Blick, sah, daß die Milchkuppel im nächsten Au- genblick platzen und über den Topfrand auf die Herdplatte rin- nen mußte, zog den Topf mit einer energischen Bewegung vom Feuer, und nahm gutmütig grinsend die lebhaften Dankesworte meiner Amme entgegen. Er saß noch eine Weile am Tisch, trank seinen Wein aus und war dann in der Dunkel- heit, die durch die offene Tür kühl hereinströmte, plötzlich ver- schwunden.

Diese Szene, die ich lange Zeit für einen Traum hielt, hatte weit- reichende Folgen. Die kindliche, ja eigentlich tierische Anhänglichkeit meiner Amme gegenüber hatte sich wie auf einen Schlag in Bewunde- rung verwandelt. Von nun an war sie für mich das einzige menschli- che Wesen, dessen unerschütterli- che Standhaftigkeit und umsichti- ge Ruhe aller Schwierigkeiten Herr werden konnte, sodaß ich mich auch späterhin immer wieder veranlaßt sah, in verwirrenden, ja delikaten Angelegenheiten um ihren Rat und ihre Hilfe zu bitten. In bezug auf Arthur plagte mich von da an, obwohl ich dazu keine Veranlas- simg hatte, ein schlechtes Gewis- sen. Ich bildete mir ein, im Ver- gleich zu ihm ein Glückspilz zu sein, und befürchtete, daß ihn das Schicksal alle paar Jahre durch- rütteln würde, und zwar sozusagen aus heiterem Himmel, ohne begreif - bare Ursache, denn Arthur war wohl ein wenig verschlafen und hin und wieder vielleicht sogar apathisch, aber sicherlich unfä- hig, etwas Böses zu tun.

Noch wichti- ger erwies sich aber für mein künftiges Le- ben, daß ich durch dieses Erlebnis offen- bar jede Angst vor Soldaten und dem, was mit ihnen zu- sammenhing, verloren hatte. Ich war von da an überzeugt, daß sie, wie auch die meisten an- deren Men- schen, im Ge- gensatz zu ihrer wilden Erschei- nung nichts anderes wollten als ein Glas Wein trinken, ihre Pfeife rauchen, und in der Wärme einer Küche ein wenig auszurasten. Die- se Erkenntnis oder, besser gesagt, Gewißheit, war es, die mich später in die Lage versetzte, das väterliche Unternehmen einer auch für mich überraschenden Blüte zuzuführen und dabei, wie ich gerne zugeben will, auch ungewöhnliche, ja in ge- wisser Hinsicht gefahrvolle Wege zu beschreiten.

Dieses Unternehmen, eine kleine Textilfabrik, war die Gründung meines Großvaters väterlicherseits gewesen und befand sich im Nor- den des damaligen Königreiches Böhmen zwischen Chlum und Smi- fitz in einer parkähnlichen Land- schaft an einem nach der Schnee- schmelze und zuweilen auch nach dem Einsetzen der Herbstregen be- drohlich anschwellendem Bach. Zur Zeit meiner Geburt lebte mein Großvater nicht mehr. So weit mir bekannt, war er in jungen Jahren Textilarbeiter gewesen, hatte es durch Fleiß, Tüchtigkeit und durch eine besondere Begabung rasch zum Werkmeister gebracht und sich gerade zur richtigen Zeit in eine reiche Tochter verliebt. Er war, nach den Bildern zu urteilen, ein unter- setzter, später zu Fülle neigender, aber gutaussehender Mann mit me- lancholischen Augen und einem ver- schmitzten Lächeln. Kein Wunder, wenn er sich von . einem weiblichen Wesen, das in seiner Zerbrechlichkeit, feinfüh- liger Kränklichkeit und Blässe mit einer gewissen Anmut, aber sonst linkisch und zerstreut durch das Leben schwebte, angezogen fühlte. Die zielstrebige, soziale Schranken kühn durchbrechende Werbung wurde zuerst natürlich zurückge- wiesen, dann aber endlich doch angenommen; es folgte die Zeit einer geheimen Beziehung, täglich be- droht von der Gefahr eines offenen Skandals; endlich war die junge Dame so weit, ihren Eltern alles zu gestehen, sich noch am selben Tag ins Krankenbett zu legen und mit- zuteilen, daß sie lieber sterben als weiterhin in Schande leben wolle. Nach der Familienlegende war die Ehe glücklich, zudem wurde der junge Mann durch die beachtliche Mitgift endlich in die Lage versetzt, seinen Traum zu verwirklichen und einen eigenen Betrieb zu gründen.

Der Begriff „Textilfabrikant" hatte für ihn, wohl aufgrund der Erfahrungen seiner Jugend, einen besonderen, alles überstrahlenden Glanz, zudem wollte er seiner Frau, die er auch weiterhin für ein gera- dezu überirdisches Wesen hielt, eine ihrer feinen Wesensart entsprechen- de Lebensform sichern und den Schwiegereltern beweisen, daß er willensstark und fähig genug war, ihr Geld nicht zu verprassen, son- dern zu vermehren. Jene besondere Begabung, die ihm bereits als Ar- beiter nützlich gewesen, kam nun zur vollen Wirkung: Er war großzü- gig und zugleich berechnend, spiel- freudig und dabei diszipliniert, abenteuerlustig, aber auch in be- rauschenden Augenblicken des Wa- gemuts nüchtern und erdgebunden.

So gelang es ihm, den bescheide- nen Betrieb zwischen Chlum und Smif itz nach und nach auszubauen und für seine Frau eine sogenannte Traumvilla zu errichten. Er bestand darauf, die Textilfabrik nach dem Mädchennamen seiner Glücksbrin- gerin zu benennen und auf der Fas- sade der Villa ihren Vornamen an- zubringen. So wurde die Firma Oplatka & Co. in der ganzen Mon- archie Österreich-Ungarn bekannt und auch die Villa Elsa mit ihren malerischen Türmchen und Erkern viel bewundert. Die Erziehung der beiden Söhne überließ er seiner Frau, denn er meinte, er würde sie bloß in den Straßenkot, aus dem er selbst aufgestiegen war, zurückzie- hen, Elsa Oplat- ka aber - er nannte seine Frau immer wie- der so, als wollte er die besondere Feinheit ihres Wesens, indem er ihren Mäd- chennamen aus- sprach, gleich- sam mit den Lip- pen genießen - könnte sie in jene höhere Lebens- art einführen, an dem sie doch, nach all den Mühen ihres Vaters, teilha- ben sollten. So- bald er sein Ziel im großen und ganzen erreicht hatte, wurde er vom Schlag ge- troffen. Meine Großmutter überlebte ihn um mehr als zwan- zig Jahre.

Ich habe sie als dürre, wortkar- ge, launenhafte Greisin in Erinne- rung. Mein Vater und mein Onkel verehrten ihre Mutter, so weit ihr ein gewisser Respekt nach Sitte und Gebrauch in der Tat zukam, aber „das Überirdische" und „dem Jen- seits zugewandte", das ihren Vater so sehr bezaubert hatte, war ihnen verschlossen geblieben. Sie bemerk- ten bloß, daß sie - wie man das da- mals nannte - „ihre Stimmungen hatte". Tagelang blieb sie unsicht- bar; sie verbrachte die Zeit im prächtig eingerichteten ersten Stock der Villa Elsa mit einem Buch oder mit ihren Patiencekarten.

An manchen Tagen wollte sie sich der Fabrik, dem Haushalt und den Enkelkindern widmen, ließ bereits früh am Morgen die Kutsche vor- fahren, jagte von einem Ort auf den anderen, ließ sich von den Söhnen über die Geschäftslage berichten, durchschritt sogar die Hallen der Weberei und der Spinnerei, sprach aufs Geratewohl eine Arbeiterin oder einen Arbeiter an, besuchte ihren Rechtsanwalt und ihren Beichtvater, lud uns, Enkelkinder, nach Chlum oder nach Smifitz in die Konditorei und bestand darauf, zum Abendessen die gesamte Fami- lie um der langen Tafel zu versam- meln, wobei ihre beiden Schwie- gertöchter besonders aufgeputzt und feierlich erscheinen mußten. Danach fuhr sie ab, unterwarf sich mit einem geradezu selbstquäleri- schen Eifer den strengsten Bestim- mungen eines Kuraufenthaltes in Marienbad, in Gleichenberg oder in Teplitz, und kehrte dann wie ge- läutert, schweigsam in sich hinein- lächelnd in die Villa Elsa zurück.

Meine Erinnerungen an die Großmutter sind freilich bruchstückhaft. Nur die Monate der Sommerfrische verbrachten wir in der Villa Elsa. Den ausgedehnten Garten fand ich am Anfang des er- sten Aufenthaltes bedrohlich und zugleich verführerisch. Im Schat- ten der großen Bäume bewegten sich, sobald ein Wind aufkam, un- berechenbar die Lichter, und manchmal, in frühen Stunden, lag Nebel über den Hecken. Meine Amme, die Bozena hieß, die wir aber aus unerklärlichen Gründen Ludmilla nannten, ließ mich inmit- ten all dieser Bedrohungen und Wunder niemals allein. Die Abende verbrachte ich mit Ludmilla und Arthur meistens in der großen, ge- mütlichen Küche. Arthur war so alt wie ich, mager und nervös, aber sei- ne Unruhe kam nur selten zum Ausbruch; meistens nickte er ru- hig, ja teilnahmslos, und also jeder- zeit bereit, beim Spielen meine Ideen aufzugreifen. Einen kleinen körperlichen Unterschied zwischen uns beiden entdeckte ich bald: mein Nabel wareine kleineEinbuchtung, seiner ein fester, nach außen ge- stülpter Knoten. Das wirkte be- fremdlich und anziehend zugleich.

In dieser Küche befanden wir uns, als der Soldat mit der Pickelhaube mit großem Getöse erschien, und zwar, wie man mir später erklärte, genau einen Monat nach meinem fünften Geburtstag. Danach ist der Zeitpunkt genau bestimmbar. Es war der Abend des 4. Juli des Jahres 1866.

Erstes Kapitel eines unveröffentlichten Ro- manfragments György Sebestyens. Der Autor versucht in diesem Fragment - so wie in anderen seiner letzten Arbeiten - dem Ideenaufbruch, den Widersprüchlichkeiten und Hysterien des beginnenden 20. Jahrhunderts nachzuspüren. Er wolltedamitgeistigeEnrwicklungen anhand von menschlichen Schicksalen nachzeichnen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau