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Industrie: Gesellschaft mitgestalten!

1945 1960 1980 2000 2020

Wir sprechen von „moderner Industriegesellschaft" und meinen Wohlstand, Wirtschaftswachstum, soziale Sicherheit, marktkonforme Produktion, sichere Arbeitsplätze, hohen Lebensstandard, freie Berufs- und Arbeitsplatzwahl und vieles andere mehr. Für alles das steht das Wort „Industrie", im weitesten Sinne als Symbol für eine fortgeschrittene wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, keineswegs nur als Bezeichnung für die Summe riesiger Produktionsstätten.

1945 1960 1980 2000 2020

Wir sprechen von „moderner Industriegesellschaft" und meinen Wohlstand, Wirtschaftswachstum, soziale Sicherheit, marktkonforme Produktion, sichere Arbeitsplätze, hohen Lebensstandard, freie Berufs- und Arbeitsplatzwahl und vieles andere mehr. Für alles das steht das Wort „Industrie", im weitesten Sinne als Symbol für eine fortgeschrittene wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung, keineswegs nur als Bezeichnung für die Summe riesiger Produktionsstätten.

Diese Bedeutungen werden dem Industriestaat oder der Industriegesellschaft von heute nicht zufällig unterlegt. Sie bringen vielmehr einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungsstand zum Ausdruck, an dessen Zustandekommen die Industrie maßgeblich als Schrittmacher beteiligt war. Im Bewußtsein ihrer Verantwortung und getreu ihrer traditionellen Rolle hat nun die Vereinigung österreichischer Industrieller ihren Weg in die achtziger Jahre programmatisch festgehalten.

Aus dem Selbstverständnis der Industrie ergibt sich von selbst, daß das im Oktober 1979 veröffentlichte PROGRAMM '80 nicht nur ein auf die Lösung wirtschaftspolitischer Probleme reduzierter Katalog ist, sondern vielmehr über wirtschaftliche Zusammenhänge hinaus die Mitverantwortung der'. Industrie für das Gemeinwesen überhaupt dokumentiert.

Dabei darf nicht übersehen werden, daß die Industrie selbst zum Instrument gesellschaftspolitischer Veränderungen mißbraucht werden kann, nämlich dann, wenn es um staatliche Eingriffe in den Produktionsbereich geht. Sicher ein Grund mehr für die Industrie, ein klares Bekenntnis zum gesellschaftspolitischen Engagement über das unmittelbare Wirtschaftsleben hinaus abzulegen.

Im PROGRAMM '80 lautet die Begründung, aus der die Industrie ihre Legitimation zur programmatischen Standortbestimmung ableitet: Da die Entscheidungen über die Wirtschaft außerhalb der Wirtschaft fallen, bedarf es eines Kompasses, welcher der Industrie in allen Bereichen der gesellschaftlichen Ordnung Orientierung ermöglicht. Die Industrie versteht sich nicht nur als Träger des wirtschaftlichen Fortschrittes, sie will mehr sein: ein Gestaltungselement der Gesellschaftsordnung.

Daraus leiten sich Auftrag und Verantwortung der Vereinigung österreichischer Industrieller für die Zukunftsbewältigung ab. Sie will ihre Aufgabe zum Nutzen aller Menschen wahrnehmen, wie es im Programm heißt, und nicht etwa nur im Sinne einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe.

Ihr Bekenntnis gilt einer demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnung in Verbindung mit der Sozialen Marktwirtschaft. Rechtsstaat, Demokratie und Soziale Marktwirtschaft ergänzen einander, heißt es im Programm. Der gewerblichen Wirtschaft wird oft der Vorwurf gemacht, sie habe ein gestörtes Verhältnis zur Rolle des Staates in der Wirtschaft. Diesen Vorwurf weist die Industrie zurück. Ihr Bekenntnis zur Sozialen Marktwirtschaft ist das zu einem marktwirtschaftlichen System, welches dem Staat sehr wohl einen - klar definierten - Einfluß zugesteht.

„Integraler Bestandteil des wirt-schafts- und gesellschaftspolitischen Leitbildes der Marktwirtschaft ist ihre soziale Dimension. Markt und Wettbewerb, die die materiellen Voraussetzungen schaffen, ermöglichen in der Sozialen Marktwirtschaft die Verfolgung und Entwicklung sozialer Ziele, wie den Schutz der Schwachen und der Leistungsbehinderten", heißt es im PROGRAMM '80.

Der Staat hat gemäß PROGRAMM '80 die Aufgabe, darauf zu achten, daß die freie und offene Wirtschaftsverfassung und die Wettbewerbsordnung erhalten bleiben. Er muß die wirtschaftliche Weiterentwicklung genauso ermöglichen wie die Bedingungen dezentraler Planung und Entscheidung gewährleisten bzw. sie dort wiederherstellen, wo sie gestört sind. Der Staat sorgt somit für die Rahmenbedingungen, unter denen Wettbewerb und Freiheit unternehmerischen Handelns gewährleistet sind.

Seine Aufgabe ist allerdings subsidiärer Natur Er soll in der Sozialen Marktwirtschaft nur dort unmittelbar eingreifen, wo durch sein Mitwirken eine notwendige Anpassung eines Wirtschaftszweiges an neue Verhältnisse erleichtert werden kann.

Das Bekenntnis zum „offenen System" der Sozialen Marktwirtschaft darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich die Vereinigung im Bereich der Gesellschaftsordnung zur Erhaltung von Grundwerten bekennt, für die. sie sich mitverantwortlich betrachtet. Verbände, so heißt es im PROGRAMM '80, seien Bestandteil eines Systems dezentralisierter Verantwortung, wie man es im rechtsstaatlich-demokratisch organisierten Gemeinwesen antrifft.

Als ein solcher habe die Industriel-lenvereinigung die Aufgabe, zwischen dem einzelnen und den anonymen Großstrukturen des öffentlichen Lebens zu vermitteln. Dem einzelnen Mitglied obliegt es aber ausdrücklich, über die Verbandsaktivität hinaus, bei politischen und wirtschaftlichen Entscheidungspro-zessen, besonders wenn es um gesellschaftliche Grundwerte geht, in Erscheinung zu treten.

Die Bedeutung einer Zukunftsorientierung wird noch deutlicher, wenn man bedenkt, daß wir eine Trendwende in der Wirtschaftsent-Wicklung erleben, die das PROGRAMM '80 mit einigen geläufigen Schlagworten charakterisiert:

Wachstumsskepsis, Entindustriali-sierung, fortdauernde Inflation, Schwächung marktwirtschaftlicher Anpassungsmechanismen, Gewinnrückgang und Ende des Systems freier Wechselkurse.

Uber all dem steht die Frage, ob unserer Wirtschaft die Anpassung an neue Techniken und „die notwendige dritte IndüstrialisierurigsweÜo" gelingt. Das Programm gibt in diesem Zusammenhang auch Anlaß zum Optimismus: Viele Unternehmen hätten bereits erfolgreich neue Techniken eingeführt, Fortschritte in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen zeigten erste positive Auswirkungen in diversen Wirtschaftszweigen.

Das PROGRAMM '80 beginnt in seinem Sachteil bewußt mit dem Thema „Der Mensch als Maß". Die Forderung nach menschengerechter Arbeitsgestaltung, die den Wunsch der Mitarbeiter nach selbständigen Gestaltungsmöglichkeiten, Verant-wortungs-, Entfaltungs- und Freiheitsräumen sowie mehr sozialem

Kontakt miteinschließt, steht daher an der Spitze.

Dem folgt ein Bekenntnis zum kooperativen Führungsstü, der gekennzeichnet sein soll durch klare Formulierung unternehmerischer Zielsetzungen, klare Definitionen der Funktion einzelner Mitarbeiter, innerbetriebliche Information und Delegation von Aufgaben, Befugnissen urld Verantwortung an den Mitarbeiter innerhalb klar gesetzter Arbeitsziele.

Den Betrieb sieht die Industrie als eine soziale Gemeinschaft an, die vom Prinzip der Partnerschaft bestimmt sein soll. Wenn es auch für den kooperativen Führungsstil kein Patentrezept gebe, so komme doch in diesem Zusammenhang einer ausreichenden und zweckentsprechenden Information des Mitarbeiters im Unternehmen größte Bedeutung zu.

Ehe und Familie, warnt das PROGRAMM '80, sollten nicht unter dem Einfluß ideologischer Zielsetzungen und eines zunehmend materiell orientierten Lebensstils herabgewürdigt werden. Die Famüie habe sowohl für den einzelnen als auch für die Gesellschaft eine elementare Funktion. Kindererziehung, Kranken- und Altenbetreuung seien unmittelbar menschliche und damit auch an eine intakte Familie gebundene Aufgaben.

Familienpolitische Fehlentwicklungen hätten zu einem starken Geburtenrückgang und steigenden Scheidungsziffern geführt Im Zusammenhang mit dem Geburtenrückgang verweist das Programm auch auf die Auswirkungen für die Pensionsfinanzierung. Gerade die kinderreichen Familien, heißt es im Programm, ermöglichten das auf dem Umlagesystem basierende Pen-sionsversicherungssystem.

Das PROGRAMM '80 verlangt deshalb gezielte finanzielle Förderung der Familien. Zahl und Alter der Kinder sollten dabei berücksichtigt werden; direkten Beihilfen sei vor Sachleistungen der Vorzug zu geben. Steuer-, Sozial- und Beihilfenrecht müßten der schwierigen finanziellen Situation kinderreicher Familien

Rechnung tragen. Da am Beginn der Familiengründung meist der Wunsch nach Anschaffung geeigneten Wohnraumes steht, sollte mit verstärkter Subjektförderung den Jungfamilien wertvolle Starthilfe gegeben werden.

Für die soziale Sicherheit gilt im PROGRAMM '80 der gleiche Grundsatz wie für die Familienpolitik: keine Bevormundung durch den

Staat und größtmögliche persönliche Entfaltung des einzelnen. Soziallei-stungen dürften nicht nach dem Gießkannenprinzip verteüt werden; sie seien vielmehr gezielt - „bedarfsgerecht und daher wirklich sozial" -einzusetzen.

Das Programm spricht einer flexiblen Sozialpolitik das Wort: Der Leistungskatalog müsse ständig überprüft werden, ob er nicht überholte, unzeitgemäße Leistungen enthält, die weiterhin gültig bleiben, obwohl dadurch die Mittel für dringende neue Ausgaben fehlen. Mit einer anpassungsfähigen Sozialpolitik könnte der soziale Nutzen wesentlich erhöht werden.

Damit ist das Themenspektrum des PROGRAMMS '80 keineswegs erschöpft. Themen wie Umweltpolitik, verstaatlichte Industrie, technischer Fortschritt, gesellschaftsbezo-gene Berichterstattung, Bildung,

Forschung und viele andere mehr werden ausführlich behandelt. In der

Forschühg sreHt das Programm den Inbegriff des technischen Fortschritts und die wichtigste Quelle für Produktivitätsfortschritte in der Wirtschaft.

Das Programm weiß aber auch die soziale Seite des technischen Fortschritts hervorzuheben: In ihm liege die größte Chance, „die interne Betriebsumwelt und die Arbeitsbedingungen der in der Wirtschaft tätigen Menschen zu verbessern".

Die Industrie, so kommt es im PROGRAMM '80 deutlich zum Ausdruck, hat großes Vertrauen in das kreative Potential der Österreicher, das gewisse Standortnachteile unserer Unternehmen und den Rohstoffmangel im Inland wettmachen könne.

Das Programm fand und findet noch immer, wie Stellungnahmen aus dem In- und Ausland beweisen, große' Beachtung in verschiedenen Kreisen, weit über Wirtschaft und Politik hinaus. Von den zahlreichen Zu-

Schriften sei abschließend ein Brief des Nestors der Katholischen Soziallehre in Österreich, em. Univ.-Prof. Dr. Johannes Messner, an den Generalsekretär der Industriellenvereinigung zitiert. In diesem Schreiben spricht der führende Sozialethiker dem PROGRAMM '80 anerkennende Worte aus:

„Ich muß Ihnen endlich sagen, was ich schon lange vorhabe: Das PROGRAMM '80 der Vereinigung österreichischer Industrieller bedeutet eine große Hoffnung für die wahrscheinlich schwierigen Jahre der nächsten Zukunft."

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