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Ins Museum, um Kunst zn erleben

Im Jahr 1781, also genau vor 200 Jahren, schrieb der Verfasser des ersten Katalogs der kaiserlichen Gemäldegalerie in Wien, Christian von Mechel, in seinem bewundernswert prägnant formulierten • Vorwort folgenden Satz, der die Aufgabe der nach neuen Gesichtspunkten aufgestellten Gemäldegalerie definierte:

„Der Zweck alles Bestrebens ging dahin, daß die Einrichtung im Ganzen, sowie in Teilen lehrreich und soviel möglich, sichtba-

re Geschichte der Kunst werden möge. Einie solche große öffentliche, mehr zum Unterricht noch als nur zum vorübergehenden Vergnügen bestimmte Sammlung scheint einer reichen Bibliothek zu gleichen, in welcher der Wißbegierige froh ist, Werke aller Arten und aller Zeiten anzutreffen, nicht das Gefällige und Vollkommene allein, sondern abwechselnde Kontraste durch deren Betrachtung und Vergleichung - den einzigen Weg zur Kenntnis zu gelangen - er Keimer der Kunst werden karm."

Dieser Forderung gemäß wurden die Bilder im Gegensatz zur vorhergehenden barocken Aufstellung so angeordnet, daß sie eine möglichst lückenlose Geschichte der Malerei ergaben. Im selben Jahr wurde die Galerie als .erste in Europa für den allgemeinen Besuch geöffnet.

Mit der Aufklärung und ihrem Glauben an die Macht der Vernunft hatte sich die Fordenmg nach allseitiger Bildung aller Menschen, nicht nur eines bestimmten Standes, erhoben. Unter Bildung verstand man jedoch, anders als heute, etwas Allgemeines, den ganzen geistigen Menschen Umfassendes.

Dabei wurde der Kunst eine besondere Rolle zugeteilt. Die Kvmstsammlung sollte daher nicht nur zum Unterricht dienen, das Kunstwerk sollte darüber hinaus durch seine ästhetischen Werte veredelnd wirken und den seiner Sirmlichkeit unterworfenen Menschen zum sittlichen Wollen erziehen. Das war das Anliegen des ästhetischen Idealismus, wie ihn Friedrich Schiller vorbrachte.

Diese Anliegen blieben nicht miteinander verbunden. Hundert Jahre nach Mechels Worten, als man im neu erbauten Gebäude des Kunsthistorischen Museums

alle kaiserlichen Kunstsammlungen zusammenfaßte, wurde als Aufgabe der Bewahrer und Betreuer dieser Kunstschätze deren wissenschaftliche Bearbeitung postuliert. Das durch „Betrachtung und Vergleichung" erlangte Kennertum erfuhr eine Differenzierung durch die Wissenschaft.

Die immer intensivere Verwissenschaftlichung der Kunst mußte für das zweite, das philosophische Anliegen der Kunst, nämlich ihren Anspruch auf Menschenbildung, gefährlich werden. Werm das Vorhandensein absoluter Qualität bezweifelt wird, wenn der Künstler und sein Werk weitgehend von Einflußnahmen aller Art bedingt sind, sodaß die schöp»-ferische Leistung, das Einmalige des Kunstwerks immer mehr zum Verschwinden gebracht wird, Kunst allmählich zum Produkt wird, muß sie zwangsläufig ihren idealen Bildüngscharakter verlieren. Die hohe Meinung von der Kunst muß durch eine materialistische, von der Naturwissenschaft gezeichnete Weltanschauung abhanden kommen.

Und wo stehen wir heute? Die Kunst wird nicht nur stilgeschichtlich, nicht nur geisteswissenschaftlich angesehen, sie wird nun auch soziologisch betrachtet, wie auf die Einflüsse der Wirtschaftsgeschichte etc. untersucht. Sie wird nunmehr fast ausschließlich als Dokument ihrer Entstehungszeit aufgefaßt- was für moderne Kunst auch manchmal gelten mag. Hier ist aber von alter Kunst die Rede.

Nun hat sich inzwischen aus der idealistisch aufgefaßten Menschheit die Erkenntnis der sehr realen Masse der Menschen herausentwickelt, so wie der Mensch zur Spezies geworden ist. Diese Masse nun soll nach heute gültigen Richtlinien — und damit noch immer im allgemeinen nach jenen der Aufklärung - aus dem vorhandenen riesigen Lernangebot auch über das Kapitel Kunst unterrichtet werden.

Wurde vor noch gar nicht langer Zeit dieser Mensch ,4Cunsterzie-her" genannt, seine Aufgabe als JCunsterziehung" definiert, so wird er heute als „Museimispädagoge"

angesprochen. Denn die Kunst, die vermittelt wird, befindet sich weitgehend in Museen oder museumsähnlicher Umgebung. Das Wort „Kunsterziehung" ist heute aber verpönt. In ihm klingt ja noch der alte Anspruch auf höhere Werte an, die in der Kunst liegen!

Der Museumspädagoge aber, wie er jetzt verstanden wird, betreibt Didaktik. Für ihn ist das Museum ein „Lernort", ein Ort der „Information", der Unterrichtung und Mitteilung. Als Methode ist die Information den Naturwissenschaften entnommen, weshalb in Umkehrung ihrer Anwendung für den Museumspädagogen auch die Museen der Naturwissenschaften, der Technik, der Völkerkunde etc. dieselbe Wertigkeit besitzen wie ein Kunstmuseum.

Es soll nun nicht geleugnet werden, daß durch Information weitergegebenes Wissen Gewinn bringt. Ohne Zweifel werden unsere Kenntnisse über den Kunstbetrieb erweitert, wenn wir erfahren, wieviel man Dürer für ein Bild bezahlte oder über Industrie

und Wirtschaft, wenn wir hören wie der Schmelzofen auf dem Gemälde Lukas van Valckenborchs funktionierte. Es ist sogar notwendig zu wissen, warum Äneas in die Unterwelt hinabstieg und warum der Erzengel Michael so oft gemalt wurde.

Alles dieses Wissen sagt aber noch nichts aus über das Kunstwerk als selbständiges und einmaliges Wesen, als schöpferische Leistung, nichts über seine gleichsam magische Anziehungskraft, Information allein kann nicht die Freude, das Gefallen am Kunstwerk auslösen, durch bloße Information wird Kunst nicht' verständlich als das, was sie ist, nämlich Umsetzung, Verwandlung, Neuschöpfung von Wirklichkeit.

Um das zu erfassen, kann man sich nur einer Methode bedienen, die schon der alte Mechel angedeutet hat, die auch die Kunstgeschichte als Methode in allen Phasen ihrer Entwicklung benützt und die so überaus einfach und selbstverständlich erscheint: die „Betrachtung".

Dem Aufbau der Formen, der Stimmung der Farben, dem Aufleuchten im Licht, der Schattendämmerung, der Einbindung des Menschen in Raum und Landschaft, dem Zusammenwirken der Teile zum Ganzen sollte man nachgehen und es ablesen wie Poesie, langsam und ohne Hast. So informativ Information, Geheimnis des Museumspädagogen auch sein mag, sie ist letzten Endes doch nur ein Surrogat für verschwundene Werte.

Sicher, es hieße sich selbst belügen, wenn wir heutzutage behaupten würden, die Kunst in derselben Weise auffassen zu können wie Schiller. Seine Anschauung von ihrer hohen Bedeutung für die Menschenbildung wird wohl kaum mehr nachzuvoUziehen sein.

Uns bleibt nur eines: nämlich abseits und vor allen als solche keineswegs abgelehnten didaktischen und ergänzenden Maßnahmen, das Kunstwerk immer wieder als einzigen gültigen Beziehungspunkt ins Auge zu fassen. Denn nur das unmittelbar erkennende Erleben künstlerischer Schöpfung ist imstande, die Befriedigung und innere Befreiung zu bringen, wie wir sie — auch heute noch — von der Kunst erhoffen. Und das wäre kein Surrogat.

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