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INVASION DER COMPUTER: VOM BÜRO IN DIE KINDERZIMMER

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Mit gekrümmtem Rücken, bleich, nägelbeißend, hockt ein Kind vor seinem Computer, starrt süchtig auf den Bildschirm, hämmert seitenlange Programme in die Tastatur, sieht und hört nichts, ißt, trinkt und schläft nicht: ein Verlorener, ein neurotischer Computer-Freak! Diese Schrek-kensvision plagt immer noch viele Eltern, wenn ihre Sprößlinge den Wunsch nach einem Computer äußern. Sieht so die Realität aus?

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Mit gekrümmtem Rücken, bleich, nägelbeißend, hockt ein Kind vor seinem Computer, starrt süchtig auf den Bildschirm, hämmert seitenlange Programme in die Tastatur, sieht und hört nichts, ißt, trinkt und schläft nicht: ein Verlorener, ein neurotischer Computer-Freak! Diese Schrek-kensvision plagt immer noch viele Eltern, wenn ihre Sprößlinge den Wunsch nach einem Computer äußern. Sieht so die Realität aus?

Es mag tatsächlich derartige Fälle geben, sie sind aber sicher seltene Ausnahmen und sollten die Eltern nicht verwirren. Denn die Realität für die überwiegende Mehrheit der Kin-derund Jugendlichen sieht anders aus, wie eine Studie über österreichische Schülerinnen und Schüler zwischen elf und 18 und ihren Umgang mit dem Computer gezeigt hat. Demnach gehörte bereits 1989 für 40 Prozent aller Kinder und Jugendlichen der Computer zum häuslichen Alltag, und es ist anzunehmen, daß in ein bis zwei Jahren „computerlose" Kinder die Ausnahme sein werden; zumal das offensichtlich große Interesse, das Buben wie Mädchen mehrheitlich am Computer haben, durch den Schulunterricht weiter gefördert wird. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß auch in den bisher computerfreien Familien in absehbarer Zeit die Frage der braven Kleinen nicht mehr zu überhören sein wird: „Wann?". Und dann hilft es den von ihren Kindern gut erzogenen Eltern, wenn auch sie ein bißchen genauer wissen, wie sich gegenwärtig der Einzug der „Kistin" in die Kinder- und Jugendzimmer abspielt.

Zumeist ist es der Schulfreund, ein Bruder des Freundes, kurz ein gleichaltriger oder etwas älterer Bub aus

dem Freundeskreis (denn Computer sind immer noch sehr ausgeprägt „Männersache"), der schon einen Computer zu Hause hat. Und der berichtet Wunderdinge darüber, was er und sein Computer alles können, was für ein Spaß das sei. Die Neugier ist geweckt, die Einladung, sich das Gerät einmal anzusehen, kommt schnell. Der Einstieg erfolgt dann in den meisten Fällen spielerisch im wörtlichen Sinn: Über das Spielen am Computer mit den Freunden erwerben die Neulinge die ersten Kenntnisse, und dies ganz angst- und streßfrei (im Gegensatz zu vielen Erwachsenen). Nicht nurdie Vielfalt der Spiele, sondern auch die Faszination, bereits mit sehr bescheidenen Programmierkenntnissen erstaunliche Resultate erzielen zu können, festigt den Entschluß: „Ein Computer muß her!"

Kinder haben gute Argumente

Zumeist geht also der Wunsch von den Kindern selbst aus; die ehrgeizigen Eltern, die die zukünftige Berufskarriere ihrer Kinder ins Auge fassen („Ohne Computer geht heute nichts mehr!"), sind wiederum eher Ausnahmen. Das Argument der Kinder, das sich am wirksamsten erweist, ist derzeit noch der EDV-Unterricht in der Schule. Welche Eltern könnten widerstehen, wenn die strebsamen Schüler mit Wissenserwerb und Übungsmöglichkeiten zu Hause aufwarten wollen? Wenn sich dann even-tuell noch eine geschwisterliche Koalition für die Anschaffung bilden läßt und Selbstgespartes in die Debatte geworfen wird, haben die meisten Eltern dem nichts mehr entgegenzusetzen.

Da die Kinder und Jugendlichen bei den Freunden bereits sehr viel gelernt haben, ihr Wissen und ihre Kompetenz durch den Schulunterricht

noch verstärkt wird, sind sehr viele Eltern hilflos, wenn der Augenblick des Kaufs gekommen ist. Zumeist wird jenes Gerät gewählt, das auch die Freunde haben, denn damit scheint die Versorgung mit entsprechender Software gesichert. Selbst diejenigen Eltern, die bereits Erfahrung mit Computern haben, setzen sich nur selten gegen die Gerätewünsche durch. Und an ernstzunehmender fachlicher Beratung im Handel für geplagte elterliche Laien fehlt es leider ohnehin fast gänzlich.

Ist der Computer endlich da, wird überdurchschnittlich viel Zeit damit verbracht; ganz ähnlich wie bei allen neuen Spielzeugen, also kein Anlaß zur Besorgnis. Mit der Zeit schrumpft das Interesse, das „Kistl" ist in den Alltag integriert und es gibt wieder Wichtigeres. Der Computer zu Hause wird am häufigsten zum Spielen verwendet; und zwar sehr oft zusammen mit Freund(inn)en. Selbständiges Programmieren ist zwar beliebter als Spielen, doch hier billigen sich nur wenige Kinder und Jugendliche tatsächliche Kompetenz zu. Verglichen mit durchschnittlichen Erwachsenen sind sie aber erstaunlich schnell sehr routiniert im Umgang mit dem Gerät. Gibt es Probleme, werden als Helfer zumeist die EDV-Lehrer oder die Freunde, aber praktisch nie die Eltern herangezogen, denn diese „kennen sich halt überhaupt nicht aus".

Vor vielen Jahren stellte die berühmte Ethnologin Margaret Mead eine sehr weise und heute sicher wieder für viele Eltern tröstliche These auf: In Zeiten sehr schnellen kulturellen Wandels kehrt sich das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden häufig um, und die Kinder, weil flexibler und vorurteilsfreier, werden zu Lehrmeistern ihrer Eltern. Kluge Eltern, empfahl Mead, sollten mit offenem

Herz und Verstand auf solche Situationen reagieren.

Das gilt auch heute ganz besonders, zumal sich aus den bisherigen Erfahrungen (über 1.200 Kinder und Jugendliche konnten sich zum Thema Computer äußern) einige Hinweise ableiten lassen.

Zu Beginn gleich die wohl schwierigste Empfehlung:

- Eltern - zumal wenn sie Computer-Laien oder Anfänger verglichen mit ihren Kindern sind - sollten die Angst ablegen, sich durch ihre mangelnden Kenntnisse zu blamieren. Kinder können erstaunlich gute Pädagogen sein, die zumeist gerne das vermitteln, wovon sie selbst etwas verstehen.

Die Töchter mehr fördern

Weiter sollten Eltern

- sich an Empfehlungen österreichischer Experten halten und Kinder unter zehn auf später vertrösten;

- vor der Anschaffung eines Computers mit den (zukünftigen) EDV-Lehrern reden, die ihnen sicher ganz realistisch sagen können, was wichtig, was unwichtig ist;

- darüber hinaus auch mit den Freunden ihrer Kinder reden, die bereits einen Computer haben, sich alles zeigen lassen, die ihnen wichtigen Fragen stellen;

- viel stärker, als das bisher geschieht, auch das - zumeist vorhandene - Interesse ihrer Töchter am Computer fördern und das Vorurteil der „Männersache" überwinden;

- versuchen, mit ihren Kindern zu lernen, und zwar nicht nur das, was im EDV-Unterricht vermittelt wird, sondern auch das, was ihre Kinder von Freunden lernen oder sich selbst beibringen.

Die Autorin ist Assistentin am Institut für Soziologie der Universität Wien.

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