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Invasion ohne ein Konzept

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Ein Exklusiv-Bericht unseres Nahost-Mitarbeiters Heinz Gstrein erreichte uns nur verstümmelt: Plötzlich schwieg die Leitung aus dem inzwischen eingeschlossenen Beirut. Dafür ein Bericht unseres Israel-Korrespondenten und eine allgemeine Lage-Analyse.

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Ein Exklusiv-Bericht unseres Nahost-Mitarbeiters Heinz Gstrein erreichte uns nur verstümmelt: Plötzlich schwieg die Leitung aus dem inzwischen eingeschlossenen Beirut. Dafür ein Bericht unseres Israel-Korrespondenten und eine allgemeine Lage-Analyse.

Im Libanon schweigen an der wichtigsten Front — der zwischen den Israelis und der syrischen Armee — nach wie vor die Waffen. Und manche israelische Soldaten fragen schon, wann sie wieder nach Hause gehen dürfen.

Nicht lange gehalten hat indessen die Feuerpause zwischen den Israelis und palästinensischen Freischärlern. In Beirut wird nach wie vor geschossen, und in den von Israel eroberten Gebieten im Südlibanon gehen die Säuberungsaktionen weiter.

Ministerpräsident Menachem Begin glaubt zwar er könne die PLO mit einem fortdauernden Bombardement von Beirut völlig in die Knie zwingen. Doch die USA erinnerten daran, daß zuviel Unschuldige umkommen. Auch israelische Soldaten begannen immer wieder, ihren Kommandanten unangenehme Fragen zu stellen.

Premier Begin, der sich im allgemeinen seinem Volk gerne im Fernsehen zeigt, blieb während des gesamten Krieges dem Bildschirm fern. Nur einmal ließ er sich flüchtig ablichten, als er eine eroberte Festung inspizierte und dabei den Soldaten dumme Fragen stellte.

Bis heute weiß das Volk in Israel nicht genau, um was es im Libanon geht und was für einen Krieg seine Armee da überhaupt führt. Sogar Begins Leitblatt, die auflagenstarke Zeitung „Maariv” schrieb in einem ihrer Leitartikel:

„Der Schlachtennebel hat große Vorteüe. Er verhindert, daß wichtige Informationen an den Feind gelangen. Doch verhindert er auch, daß die notwendigen Informationen das israelische Publikum erreichen, damit es von der Berechtigung dieses Krieges überzeugt wird, ohne den man keine nationale Ubereinstimmung erzielen kann... Und wo dies wahrheitlich zum Ausdruck kommt, wüten die Gerüchte...”

„Ausländische Medien berichten von über 600.000 Obdachlosen, über das Zusammenbrechen der gesamten Versorgung im Südlibanon etc. Die israelische Reaktion ist tiefes Schweigen. Und allmählich kommen eben Zweifel auf — nicht nur bei einer kleinen Minderheit, die an eine Verständigung mit der PLO glaubt, sondern auch bei anderen, die sich nicht solchen Illusionen hingeben ... Wann wird Israels Regierung den Kontakt mit dem Volk wiederaufnehmen?”

Inzwischen zeigt sich aber auch, daß dieser Krieg politisch nicht richtig vorbereitet worden ist. Die Ziele waren zu kurz und zu weit zur gleichen Zeit gesteckt. Als erstes wollte die israelische Regierung nur eine 40 Küometer breite entmilitarisierte Enklave ohne Freischärler im Südlibanon schaffen, um damit Nordisrael aus der Schußweite der PLO-Ar-tillerie herauszuhalten.

Doch als sich dann die Gelegenheit ergab, die Freischärler viel vernichtender zu schlagen und einen großen Teil ihrer Infrastruktur zu zerstören, drangen die israelischen Panzer im Südlibanon weitere fünfzig Kilometer bis zu den Vororten von Beirut vor.

Auch hier ist aber der „Appetit” Begins und seines Verteidigungsministers Scharon noch nicht gestillt Sie wollen die PLO-Kom-mandatur in Beirut zerstören — als ob man damit das Palästinenserproblem auf Dauer lösen könnte.

Der Judenstaat wollte auch die syrische Armee zum Verlassen des Libanons zwingen. Syrien soll bei einer zukünftigen Ordnung im Libanon offensichtlich kein Mitspracherecht mehr haben. Doch wegen der Gefahr eines umfassenden Krieges mit Syrien und der inzwischen eingetretenen Feuereinstellung konnte dieses Vorhaben nicht verwirklicht werden. Und dies, obwohl die syrische Armee empfindlich geschlagen wurde.

Damaskus wurde durch diesen Krieg geschwächt, denn es erwies sich, daß es in der arabischen Welt isoliert dasteht und kein arabischer Staat bereit ist, Syrien zu Hilfe zu eilen.

Der Einfluß der stark angeschlagenen PLO hat sich ebenfalls vermindert. Es zeigte sich, daß auch für die PLO kein arabischer Staat bereit ist, einen Finger zu rühren. Vielleicht — so glauben Begin und Scharon — werden nun auch die gemäßigten arabischen Kreise in Westjordanien ein Sagen haben, wenn die PLO schwächer geworden ist. Doch zur Zeit ist dies nur ein Wunschtraum.

Scharons Plan, einen unabhängigen demokratischen Libanon zu bilden, hat — kaum erwähnt — sich schon wieder zerschlagen. Die christlichen Phalangisten waren viel zu schwach, sich in den Krieg einzumischen. Und sie sind auch heute zu schwach, um an der Spitze einer Regierung zu stehen, die die Freischärler außer Land treibt. Denn deren Verbündete sind die moslemische Bevölkerung, die über die Hälfte der Einwohner des Libanons stellt.

Auch Syrien, dessen Truppen immer noch im Libanon stehen, wird dies nicht zulassen. So bleibt nur die Möglichkeit übrig, eine vierzig Kilometer breite Enklave im Südlibanon zu bilden. Eine UNO-Truppe als Verwaltungsund Verteidigungsapparat für diese Region ist jedoch kaum zu realisieren, da die Mehrheit der UNO einer solchen UNO-Truppe nicht zustimmen wird.

Es bleibt der Ausweg, eine multinationale Truppe zu bilden, bestehend aus amerikanischen und französischen Einheiten, gewissermaßen als Rückgrat zur Verwaltung einer 40 Kilometer breiten freischärlerfreien Region. Beide Staaten, Amerika und Frankreich, sind an dem erneuten Erstarken der PLO wohl kaum interessiert. Dies ist auch der Grund dafür, daß sich Israels Außenminister Jitzak Schamir nach Paris begab und Ministerpräsident Begin zu Gesprächen zu US-Präsident Reagan nach Washington reisen wird, um eben diesen Plan zu besprechen.

Inzwischen wird sich Israel erst einmal als Besatzungsmacht etablieren müssen. Denn es werden noch viele Monate vergehen, ehe eine politische Lösung, die allen gerecht wird, gefunden ist.

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