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Irak-Iran: Nur Verlierer stehen fest

1945 1960 1980 2000 2020

„Der Imam (Chomeini) kennt keine geographischen Grenzen”, hatte Irans Präsident Ali Chamenei vor einiger Zeit erklärt und damit unumwunden den expansionistischen Drang des radikal-theokratischen. Regimes von Teheran zugegeben. Vorige Woche marschierte Cho-meinis „Islamische Armee” auf irakisches Territorium los. Motive: religiöser Missionierungseifer, Rache, Ablenkung von inner-iranischen Problemen.

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„Der Imam (Chomeini) kennt keine geographischen Grenzen”, hatte Irans Präsident Ali Chamenei vor einiger Zeit erklärt und damit unumwunden den expansionistischen Drang des radikal-theokratischen. Regimes von Teheran zugegeben. Vorige Woche marschierte Cho-meinis „Islamische Armee” auf irakisches Territorium los. Motive: religiöser Missionierungseifer, Rache, Ablenkung von inner-iranischen Problemen.

Der iranische Angriff auf den Irak kam nicht unerwartet, er hatte sich seit Wochen abgezeichnet: Da waren einmal die militärischen Erfolge der aus regulären Streitkräften, Revolutionswächtern und Freiwilligen gebildeten „Islamischen Armee” auf dem Schlachtfeld Khusistan gegen die Iraker während ihrer Frühjahroffensive von März bis Juni.

Offensichtlich gelang die Koordination der vor allem religiös und revolutionär motivierten Revolutionswächter und Freiwilligen sowie der in erster Linie wohl nationalistisch gesinnten regulären Armee im Kampfgeschehen vorzüglich. Innerhalb von Wochen wurde Khorramschar zurückerobert und die seit dem 22. September 1980 auf iranischem Territorium stehenden irakischen Truppen über den Schatt al-Arab zurückgedrängt.

Auf der anderen Seite waren die Schwächen der irakischen Streitkräfte seit geraumer Zeit unübersehbar: Der Einsatz der Truppen war von vornherein begrenzt, Mängel bei der Handhabung des hochkomplizierten technischen Geräts traten auf.

Zwischen den älteren, noch englisch ausgebildeten, und jüngeren Offizieren, die sowjetische Kriegsschulen absolviert hatten, gab es wiederholt Meinungsverschiedenheiten über die taktische Kriegsführung — kein Wunder also, daß sich das irakische Offizierkorps, ohnedies schon an der Leine des Baath-Regimes in Bagdad gehalten, wenig entscheidungsfreudig zeigte.

Vor allem aber waren die irakischen Truppen bei ihrem Feldzug gegen den Iran nur wenig motiviert gewesen: Dem Kampfgeist der religiös und nationalistisch gesinnten iranischen Truppen, die schließlich ihr Heimatland gegen einen feindlichen Eindringling verteidigten, hatten sie nur wenig entgegenzusetzen.

Religiöser Feuereifer ist jetzt auch ein Hauptmotiv, daß die „Islamische Armee” bei ihrem Angriff auf den Irak vorantreibt. Schon aus dem vorangegangen Propagandafeldzug des Teheraner Mullah-Regimes ging hervor, daß Chomeini im Irak eine „Islamische Republik” errichtet sehen will und somit das säkulare, vom arabischen Nationalismus geprägte sozialistische Baath-Regi-me gestürzt werden muß.

Chomeini zählt dabei offensichtlich auf die Schiiten im Irak, die immerhin 55 bis 60 Prozent der rund 14 Millionen Irakis ausmachen, von den Schalthebeln der Macht in Bagdad aber ausgeschlössen sind: Dort sitzen überwiegend Sunniten, die etwa 25 Prozent der irakischen Bevölkerung ausmachen.

Trotzdem: Teheran könnte einem ebenso schweren Trugschluß unterliegen wie ehedem Iraks Präsident Saddam Hussein, der bei seinem Angriff auf den Iran im September 1980 erwartet hatte, daß unter der Wucht des irakischen Angriffs die arabische Bevölkerung in Khusistan sich gegen die Mullah-Herrschaft erheben würde.

Denn zum einen ist die schiitische Untergrundbewegung im Irak keineswegs geeint, sondern schwer zerstritten. Zum anderen ist es keine ausgemachte Sache, daß die irakischen Schiiten eine Herrschaft der Mullahs dem jetzigen Baath-Regime in Bagdad vorziehen!

Bis jetzt gab es keine Meldungen darüber, daß die Schiiten Iraks und die schiitischen Soldaten in der irakischen Armee dem Aufruf Chomeinis, das Baath-Regime zu stürzen, in irgendeiner Weise Folge geleistet hätten — im Gegenteil:

Die rund 100.000 irakischen Verteidiger um die südliche Hafenstadt Basra scheinen sich gegen die ebenso vielen iranischen Angreifer tapfer zu schlagen was darauf hindeutet, daß sehr wohl auch die schiitischen Soldaten ihren Beitrag im Abwehrkampf leisten und also für sie das nationale Motiv der Vaterlandsverteidigung doch mehr zählt als das religiöse, nämlich von Chomeinis „Islamischer Armee” „befreit” zu werden.

Jedenfalls: Ein militärischer „Spaziergang”, selbst wenn er von Missionseifer motiviert ist, konnte dieser Angriff auf den Irak nie werden. Denn trotz der Niederlage in Khusistan hält die Baath-Führung in Bagdad zusammen, wie der neunte Kongreß der irakischen Baath-Partei vor drei Wochen zeigte, wo Saddam Hussein seine Position und die seiner engsten Mitarbeiter festigen konnte.

Außerdem: Beim Feldzug in Khusistan kamen meist nur ein Drittel, aber nie mehr als die Hälfte der irakischen Truppen zum Einsatz. Das wirkte sich in dieser ersten Kriegsphase wohl negativ für die Irakis aus — jetzt aber, beim iranischen Angriff auf irakisches Territorium, verfügt Bagdad über frische Einheiten, die nicht an der Niederlage gegen die Perser zehren.

Chomeinis Angriff auf den Irak ist ein Spiel mit dem Feuer. Gewiß: Gelingt ihm letztendlich die Vertreibung des Bagdader Baath-Regimes, die „Bestrafung des Satans Saddam Hussein” (mit dem er eine persönliche Rechnung zu begleichen hat, weil er ihn 1978 aus der heiligen schiitischen Stadt Nadschaf, südlich von Bagdad gelegen, ins französische Exil trieb) und die Installierung einer Islamischen Republik im Irak, ist auch auf der arabischen Halbinsel niemand mehr vor ihm sicher.

Ein Sieg Chomeinis bewirkte ein machtpolitisches Erdbeben sondergleichen — nicht nur in der arabisch-islamischen Welt. Ein Blick auf die Landkarte genügt: Ein iranisch-irakisches Mullah-Regime, verbündet mit Syrien, hätte die prowestlichen Emirate, Scheichtümer und Königreiche der arabischen Halbinsel gleichsam im Würgegriff, nicht minder groß die Gefahr für Israel.

Eine Situation wohl, die die sich bislang neutral verhaltenden Vereinigten Staaten kaum hinnehmen könnten, die andererseits der Sowjetunion nur recht sein würde: Ihr Schatten lastet schon jetzt über diesem Golfkrieg, hat sie doch die Iraner massiv militärisch unterstützt und war ihr die von zunehmend pragmatischen Leitlinien geprägte Politik der Bagdader Baath-Sozialisten ein Dorn im Auge.

Immerhin: Im September soll in Bagdad die Gipfelkonferenz der

Blockfreien ”Staaten stattfinden. Dabei wollen die Irakis die Block -freien-Bewegung in eine unabhängigere Richtung steuern — weg vom kubanischen Kurs, der die Blockfreien ins Fahrwasser der sowjetischen Politik manövrierte. Eine Verschiebung der Block-freien-Konferenz kann Moskau ebenso wie Teheran nur recht sein.

Aber noch ist die Entscheidung in dieser zweiten Phase des Krieges am Golf nicht gefallen und im Moment schaut es trotz widersprüchlicher Meldungen aus Bagdad und Teheran danach aus, als ob Chomeini der irakische Brok-ken (vor allem auch aufgrund der Luftüberlegenheit Bagdads) im Halse stecken bleiben könnte. Und das würde wahrscheinlich unabsehbare Folgen für sein Mullah-Regime haben. Denn ein wesentliches Motiv für diesen iranischen Angriff auf den Irak war es, von inneren Schwierigkeiten abzulenken.

Der Iran balanciert seit längerem am Rand des wirtschaftlichen Ruins: Eine Arbeitslosigkeit zwischen drei und vier Millionen, knappste Rationierung der Grundnahrungsmittel, auslaufende Devisenreserven sind einige der Indizien dafür.

Eine Demobilisierung der einige hundertausend Mann starken „Islamischen Armee” hätte das wirtschaftliche Chaos nur vergrößert. Andererseits ist die reguläre Armee durch ihre militärischen Erfolge in Khusistan auch ein politisch wieder gestärkter Faktor, der den herrschenden Mullahs über kurz öder lang gefährlich werden muß. Was gab es da für Chomeini für eine bessere Lösung, als die „Islamische Armee” weiter in einem Krieg zu beschäftigen — und sei es nun a,uch ein Aggressionskrieg?

Das zeigt auch schon den schmalen Grat, auf dem Chomeini diesmal wandelt. Eine Niederlage seiner Truppen im Irak könnte ihm den Vorwurf eintragen, in einem Angriffskrieg sinnlos Menschenleben geopfert zu haben und die Opposition im Land wachsen lassen. Noch überdeckt der islamische Radikalismus soziale Unzufriedenheit. Aber tut er dies auch im Falle einer militärischen Niederlage, die zeigen würde, daß Allah nicht unbedingt auf der Seite der schiitischen Eiferer Teherans steht?

Im Golf-Krieg wird hoch gepok-kert. Die Sieger stehen noch nicht fest, wohl aber die Verlierer: das iranische und irakische Volk, die einen immer größeren Blutzoll zahlen müssen...

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