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Irrgarten der Philosophie

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Seit Jahrtausenden wird Philosophie betrieben -und weniger denn je bieten philosophische Aussagen einen sicheren Halt. Trotzdem studieren immer mehr dieses Fach.

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Seit Jahrtausenden wird Philosophie betrieben -und weniger denn je bieten philosophische Aussagen einen sicheren Halt. Trotzdem studieren immer mehr dieses Fach.

Junge Menschen entscheiden sich häufig für das Studium der Philosophie, um ihrer inneren Leere entgegenzuwirken. Sie wollen etwas über die Zusammenhänge ihres Erkennens oder über den Sinn der Existenz erfahren und feste Regeln gewinnen, nach denen sie sich orientieren können. Aber, diese Erwartungen enden sehr schnell in einer Enttäuschung, wenn sie statt sicherer Erkenntnisse nur eine Fülle unterschiedlicher Weltanschauungen antreffen.

Von Leibniz erfahren sie, daß Gott der Ursprung der Moral ist, während Spinoza lehrt, daß der Mensch seine Moral selber macht und Gott nur sehr indirekt mit sittlichen Dingen zu tun hat. Kant plädiert für die Freiheit des Willens, wogegen Schopenhauer die Freiheit in Abrede stellt.

Diese Meinungsverschiedenheiten sind der Grund dafür, daß die Philosophie trotz jahrtausendelanger Bemühungen noch kein homogenes, geschlossenes, wissenschaftliches Lehrgebäude hervorgebracht hat. Gemessen an den evidenten Erkenntnissen der Mathematik ist die Philosophie keine strenge Wissenschaft.

Die Mathematik und die Naturwissenschaften beruhen zwar auch auf Axiomen, aber sie werden nicht hinterfragt, weil dies in dem Auftrag der exakten Wissenschaften nicht angelegt ist. Die Philosophie dagegen hinterfragt alles und strebt ins Unendliche — darum ist es ihr nicht gelungen, sichere Grundlagen hervorzubringen.

Man braucht allerdings nicht in die Geschichte abzuschweifen, um die innere Widersprüchlichkeit der Philosophie einzusehen. Schon im Verkehr mit seinen Kollegen kann jeder Philosoph erkennen, daß es grundsätzliche Meinungsverschiedenheiten gibt, die auch durch längere Diskussionen nicht überwunden werden können. Dieser Umstand ist nicht weiter merkwürdig.

Merkwürdig ist nur, daß manche Universitätsdozenten ungeachtet aller Dissonanzen die Philosophie auch weiterhin als Wissenschaft behandeln. Jeder Philosoph sieht, daß sein Kollege andere Auffassungen hat, aber kaum jemand denkt daran, diese individuellen Abweichungen zu untersuchen.

Ich habe schon des öfteren die Vertreter einer wissenschaftlichen Philosophie gebeten, sie möchten mir auf wissenschaftlichem Weg erklären, warum sie sich für Philosophie interessieren (was ja die Mehrheit der Bevölkerung nicht tut).

Ich habe darauf noch nie eine Antwort erhalten. Das gleiche Problem gilt für die Spezifikationen innerhalb der Philosophie: der Hegelianer kann mit Hilfe der Hegeischen Philosophie nicht erklären, warum er sich für Hegel interessiert, genausowenig wie der Marxist seine Vorlieben aus dem Marxismus ableiten kann.

Es ist offensichtlich, daß die Philosophie von persönlichen Implikationen durchsetzt ist, aber man kümmert sich nicht darum, denn: die Subjektivität gilt als etwas Schlechtes, daher wird sie ausgeklammert oder tabuisiert. „Sie schrecken vor ihr zurück oder aber nehmen sie unbefragt hin“, schreibt Robert Ginsberg. Der Grund für diese Ablehnung liegt in der Relevanznahme der Szientisten: für sie gilt Wissenschaftlichkeit als höchster Wert.

Aber diese Festsetzung ist selber nur eine subjektive Äußerung, die sich auf wissenschaftlichem Wege nicht verifizieren läßt. Wissenschaftlichkeit ist nur ein Wert unter vielen. Wer die Wissenschaft zum absoluten Wert hochstilisiert und Religion, Kunst und Kultur als zweitrangige Phänomene betrachtet, kann für diesen Grundsatz nur seine persönliche Auffassung geltend machen.

Wenn man die subjektiven Momente in der Philosophie ausspart, wird man niemals begreifen, warum der kluge Leibniz zu ganz anderen Uberzeugungen gelangte als der nicht minder kluge Spinoza.

Andererseits ist es unbezweif el-bar, daß die Philosophie auch wissenschaftliche Ambitionen aufweist. Im Gegensatz zur Kunst bemüht sich die Philosophie um die Erhellung der allgemeinen Strukturen unserer Existenz. Die

Abstrahierung, die Abkehr von den einzelnen Phänomenen und die Erzielung einer inneren Stimmigkeit sprechen für die wissenschaftliche Natur der Philosophie.

Man kann sich ihr also nur annähern, wenn man begreift, daß sowohl wissenschaftliche als auch individuelle Grundkräfte in ihr wirksam sind. Jede einseitige Akzentuierung würde einen Teil der Wahrheit verschleiern und dem Sinn und Wesen der Philosophie entgegenwirken.

Der Autor ist Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut fur Neuere Osterreichische Geistesgeschichte in Wien.

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