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Digital In Arbeit

Irrweg Produktivität

Wer über die Arbeit nachdenkt, soll nicht auf die Natur des Menschen vergessen. Aus christlicher Sicht ist es für unser Leben wesentlich, uns ständig zu bewähren und damit zu einem höheren sittlichen und moralischen Wert zu gelangen.

Diese Bewährung spielt sich auf der Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse ab, aber ebenso in der Auseinandersetzung mit den Hindernissen, welche außerhalb und innerhalb von uns sind, nicht zuletzt die Trägheit des Geistes und des Leibes.

Die Bejahung der menschlichen Leistung hat unerhört viele Aspekte, die durch eine einseitige Konzentrierung auf die abzuwehrende Überforderung und Ausbeutung des Menschen verdeckt wurde. Nur wer Leistung bejaht und erbringt, kann einen Beitrag zur Verbesserung der Welt, in der wir leben, leisten.

Was der einzelne schafft, muß allerdings nicht immer nur Produktives im . engeren Sinn hervorbringen. Es kann auch die Frucht der eigenen Disziplin, schöpferischen Nachdenkens oder der Phantasie sein.

Wie gestört das Verhältnis vieler zu diesen natürlichen Dingen ist, mag man etwa daraus ersehen, wie sie in quasi nationaler Begeisterung dem Skirennläufer eine zusätzliche Zehntelsekunde herausgepreßt sehen wollen, aber wehleidig aufschreien, wenn man von einem Schüler eine Prüfung seines Lernerfolges erwartet. Einerseits sieht man zu, wie sich Frauen von Nebenerwerbsbauern täglich in Haus, Stall und Wirtschaft abschinden, auf der anderen Seite diskutiert man nimmermüde und hingebungsvoll Gesetze der Urlaubs-, Krankenstands- und verlängerten Wochenendmathematik.

Eine der sinnvollsten Aufgaben für die Menschheit ist heute, die Ungleichheit in den Bedingungen und in den Möglichkeiten in der Erbringung persönlicher Leistungen zu beseitigen. Hier ist noch nicht einmal der erste und entscheidende Schritt gelungen, nämlich die Ausschaltung schädlicher oder belastender Arbeitsbedingungen.

Die aktuelle österreichische Diskussion in der Schicht- und Schwerstarbeiterfrage hat uns die Tatsache neuerlich in Erinnerung gerufen, daß nicht wenige Arbeitnehmer Tür die Abgeltung durch Lohnzuschlag nicht einmal ungern ihre Gesundheit zum Verkauf anbieten. Der technologische Fortschritt dient in erster Linie einer Verbesserung der Produktionsverhältnisse im Sinne einer billigeren und rascheren sowie qualitativ besseren Produktion, aber nicht mit dem Ziel humanerer Arbeitsverhältnisse.

Wer allerdings glaubt, durch die Abschaffung des sogenannten kapitalisti schen Produktionssystems dieser Tatsache beizukommen, irrt gewaltig. Alle sozialistischen Systeme haben die Identität der Staats- und Wirtschaftsmacht gemeinsam, welche einer humanen Produktionsform noch mehr Hemmnisse entgegenstellt als ein gewinnorientierter Unternehmer vis-ä-vis der Sozialrechtsordnung.

Die Vervollkommnung des technischen Arbeitsschutzes löst aber nicht ein mindestens ebenso gewichtiges Problem, nämlich die Unterschiede in der Sinnhaftigkeit der Arbeit. Wenn man beobachtet, welche Frauen nach der Geburt eines Kindes möglichst rasch wieder in den Erwerb treten, stellt man fest, daß es zwei Kategorien sind:

Einerseits die, die aus materiellen Gründen unbedingt arbeiten müssen; und andererseits jene, die einen befriedigenden Beruf oder die Chance sozialen Aufstiegs haben, so etwa Akademikerinnen, Künstlerinnen*' Journalistinnen usw.

Bekanntlich hat die industrielle Produktionsweise mit ihrer Arbeitsteilung die Berufe, die Leistungsfreude vermitteln, arg in eine Minderheit gedrängt und das geist- und seelenlose Bedienen von Maschinen wuchern lassen.

Wenn man mit Frauen und Männern, die auf diese Weise zu Sklaven der Maschinen degradiert werden, spricht, findet man oft, daß sie ihr Arbeitsleid dadurch überwinden, indem sie über die Routine hinweg sich geistig mit anderen Dingen beschäftigen. Die völlige Sinnentleerung der Arbeit wird damit in einem erschreckenden Maße dokumentiert.

Man müßte daher Anreize dafür schaffen, sinnentleerte Arbeit, die der kreativen Kraft des Menschen oder einem Sichtbarwerden eines Erfolges keinen Raum mehr lassen, zu beseitigen. Die vor uns stehende Revolutionierung der Technik durch Mikroprozessoren und andere Hilfsmittel muß daher in erster Linie dazu dienen, sinnentleerte Arbeit zu beseitigen.

Wenn die Gesetze des Marktes das nicht ohnedies herbeiführen, etwa weil z. B. menschliche Arbeit zu teuer wird, um für mechanische Verrichtungen herangezogen zu werden, muß die Sozialordnung Anreize in dieser Richtung schaffen. Es ist nämlich durchaus nicht auszuschließen, daß die Konjunktursituation und andere Probleme uns nur wieder darüber nachdenken lassen, ob man Arbeit hat, aber nicht auch darüber, welche.

Hier gilt es humane Aufgaben zu lösen, die von den traditionellen Interessenorganisationen mit ihren Apparaten sicher nicht geschafft werden können, sondern hier müssen neue soziale Kräfte ans Werk gehen.

Der Autor ist Bundesobmann des österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbundes der ÖVP.

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