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Israels harte Südlibanon-Politik ist völlig gescheitert

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Die Besetzung des Südlibanon kommt Israel immer teurer zu stehen. Die Politik der starken Hand erweist sich als kontraproduktiv. Jetzt wird in Israel selbst immer lauter der Rückzug der Truppen gefordert.

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Die Besetzung des Südlibanon kommt Israel immer teurer zu stehen. Die Politik der starken Hand erweist sich als kontraproduktiv. Jetzt wird in Israel selbst immer lauter der Rückzug der Truppen gefordert.

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Die Parolen auf den Schildern der Demonstranten ließen keine Zweifel aufkommen. Sie lauteten: „Den Libanon ohne Phase und ohne Tote verlassen”; „Kriegsmaterial ist teuer, Menschenleben jedoch unbezahlbar”; „Die große Koalition ist keinen Blutstropfen wert”.

Die etwa 50.000 Demonstranten, die am vergangenen Samstag diese Plakate mit sich auf den Platz der Könige in Tel Aviv führten, machten einen abgekämpften Eindruck, der auch durch die energischen jungen Redner auf der Tribüne nicht überspielt werden konnte. Die Anwesenden waren von der Gerechtigkeit ihrer Forderung mehr als je überzeugt.

Die Israelis machen heute insgesamt einen apathischen und verzweifelten Eindruck, für den Libanon-Krieg sind sie überhaupt nicht mehr zu motivieren. Wer sich vor dem Reservedienst in Libanon drücken kann, sei es durch simulierte Krankheit oder ähnliches, bedient sich dieser Mittel auch. Denn jeder Soldat, der dort dient — und dies sind Zehn-tausende junge Israelis —, fragt sich immer wieder, für was und für wen er sein Leben dort gefährden soll.

Die Politiker jedoch lassen sich Zeit. Denn noch mehr als den Volkswillen fürchtet Shimon Peres zur Zeit, keine Mehrheit im Parlament und im Kabinett für den Rückzug zu erhalten. Deswegen muß er hier vorsichtig vorgehen, um die rechtsgerichteten Li-kud-Minister nicht völlig vor den Kopf zu stoßen.

Inzwischen leiden die israelischen Soldaten unter Terrorangriffen. Mal ist es eine Höllenmaschine, die ein Selbstmord-Terrorist in einen Militärkonvoi fährt, mal ein Feuerüberfall aus dem Hinterhalt, mal eine Mine mitten auf dem Weg oder ein Spr engstof f-attentat aus der Ferne, mit elektronischer Zündung zur Explosion gebracht.

Dabei kommen Menschen um, viele werden verwundet. Die Verzweiflung unter den Soldaten wird immer größer.

Als Reaktion setzt die Militärbehörde ,auf eine Politik der harten Hand im Südlibanon. Es ist eine Politik, die auch die wenigen, die sich bisher neutral verhalten haben, zu Israels Feinden macht und vielfach sogar die Christen, die einst Verbündete des Judenstaates waren, auf die Seite der Feinde zieht.

Sowie eine Kompanie verängstigter Soldaten — und wer ist der Held, der keine Angst vor einem Anschlag aus dem Hinterhalt hat — in ein Dorf kommt, wird sie hart sein, und sei es auch nur zur eigenen Sicherheit. Ein Beispiel: Ein Auto mit einigen Passagieren wird durch die Israelis zum Stehenbleiben aufgefordert, damit es nach Waffen durchsucht werden kann. Wenn der Fahrer sofort pariert, ist alles in Ordnung. Wenn nicht und er fährt weiter, schießen die Soldaten. Es könnte ja auch ein Terrorist sein, der fliehen will oder einen Anschlag im Sinne führt.

Wenn in einem der Häuser Kriegsmaterial gefunden wird, so können dies Waffen sein, die Terroristen gehören. Immerhin haben die libanesischen Schiitenführer Israel den heiligen Krieg erklärt. Doch vielleicht dienen die

Waffen auch nur zur Selbstverteidigung, denn im Libanon sind Schiiten Feinde der Christen, Sunniten sehen in den Schiiten Ungläubige und so weiter.

Den Israelis ist dies egal. Ihr Befehl lautet, jedes Haus, in dem Sprengstoff und Waffen gefunden werden, wird dem Erdboden gleichgemacht. Wenn hierbei auch die Häuser der Nachbarn in Mitleidenschaft gezogen werden, vielleicht hatte man zuviel Sprengstoff verwendet, so ist das Geschehene nicht mehr rückgängig zu machen.

Kein Wunder also, wenn nach der Durchsuchung eines Dorfes durch die Israelis auch diejenigen, die bis dahin keine Feinde Israels waren, es durch einen solchen Besuch dann tatsächlich werden. So reagiert die israelische Besatzungsarmee auf den Terror, ohne ihn jedoch wirklich bekämpfen zu können. Denn dies ist—wenn überhaupt—nur mit politischen Mitteln möglich.

Mit oder ohne harte Hand: Solange israelische Soldaten im

Südlibanon sind, werden sie mit dem Terror leben müssen.

Israel hat zwar den Terror der PLO im Südlibanon gebrochen, doch wurde dieser durch das Erwachen des schiitischen Terrors ersetzt, der viel gefährlicher ist, da die Schiiten aus religiösen Gründen zum Selbstmord bei den Anschlägen bereit sind.

Der Mythos, daß man Israels Sicherheit in seinen Nordbezirken durch einen 40 bis 45 Kilometer breiten Landstreifen längs der Grenze sichern kann, hat sich auch nicht bewahrheitet: Auch in Zukunft können Katjuscha-Ra-keten nach Israel gefeuert werden.

Und auch die Annahme, daß Israel mit den Schiiten ein Abkommen schließen kann, hat sich nicht bewahrheitet. Deswegen hatte bekanntlich noch die frühere Likud-Regierung von Yitzhak Schamir den Rückzug aus dem Südlibanon verschoben.

Weiters: Die Annahme, daß eine israelhörige libanesische Armeegruppe, bestehend aus etwa 2.000

Mann, für die israelische Armee in den geräumten Gebieten einspringen könnte, war ebenso falsch. Die Zeiten haben sich geändert und diese Armee wurde zu einer Söldnereinheit, auf die kein Verlaß ist.

Auch an den UNO-Einheiten, Unifil genannt, hat Israel jegliches Interesse verloren, nachdem

„Solange israelische Soldaten im Südlibanon sind, werden sie mit dem Terror leben müssen” diese Truppen aus verschiedenen politischen Gründen keinerlei Sicherheitsfunktionen befriedigend ausführen.

So wird jeder Tag, an dem Israel länger im Südlibanon bleibt, zu einer weiteren Bürde. Die Israelis haben im Südlibanon keinerlei Motivation mehr — außer, ihre eigene Haut zu retten. Die Schuten hingegen kämpfen hier ihren nationalen Befreiungskrieg.

Israels Politik der harten Hand wird schnell dazu führen, daß die Popularität des Landes in der Welt noch weiter sinkt. Und die militärische Ehre kann auch nicht mehr durch einen langsamen Rückzug gerettet werden. Sie ist schon längst durch den Schlamm gezogen. So bleibt den Israelis nichts anderes übrig, als die Truppen so schnell wie möglich zurückzuziehen.

Doch das Schwerste steht allen Likud-Ministern und auch denjenigen des sozialistischen Maarach, die direkt oder indirekt den Libanon-Krieg unterstützt haben, noch bevor: nämlich eingestehen zu müssen, daß dieser Krieg völlig überflüssig war.

Israel hat 200 Menschenleben geopfert. Dazu kommen 4.000 Verwundete. Ministerpräsident Peres versprach denn auch schon, alles zu tun, damit Israel „in acht bis zehn Wochen den allergrößten Teil des Südlibanon geräumt haben wird”.

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