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Ist die Menschheit zum Verhungern verurteilt?

Sechs technologische Neuerungen haben nach Lester R. Brown („By Bread Alone") die Fähigkeit der Menschheit, sich zu ernähren, dramatisch verbessert:

1. Bewässerungsmaßnahmen;

2. die Zähmung von Tieren und ihr Einsatz bei der Bodenbearbeitung;

3. der Ernte-Austausch großen Stils zwischen Alter und Neuer Welt;

4. chemische Dünge- und Insektenvertilgungsmittel;

5. Pflanzengenetik;

6. die Erfindung des Verbrennungsmotors.

Die Leistungen von eins bis drei fallen in frühere Jahrhunderte, Punkt drei bis sechs sind Errungenschaften des unseren. So hat die Verwendung von Kunstdünger die Gesamtproduktion an Nahrungsmitteln etwa versechsfacht. Schätzungsweise ein Viertel der heutigen Nahrungsproduktion der Erde ist eine Folge der Kunstdüngeranwendung.

Die Züchtung von Hybridenmais, um den Fortschritt durch Pflanzengenetik zu illustrieren, hat die Maiserträge innerhalb einer Menschengeneration verdreifacht. Nach derselben Quelle (immer noch Brown) werden etwa zwei Drittel des Agrarlandes auf unserem Planeten heute mit Maschinenhilfe bearbeitet.

Bis etwa 1950 ging jede Steigerung der Nahrungsproduktion im Weltmaßstab auf die Erschließung zusätzlichen Ackerlandes zurück. Erst seit 30 Jahren stammt die Mehrproduktion im wesentlichen aus Mehrerträgen und nicht mehr Land.

Die Fünfzigerjahre waren die Dekade der „Grünen Revolution", die im Nordwesten Mexikos ihren Ausgang nahm. In manchen Gegenden Mexikos verdoppelten sich die Weizenerträge innerhalb eines Jahrzehnts, und ein zweites Mal in den Sechzigerjahren.

Durch Qualitätskreuzungen bei Reispflanzen wurden die Philippinen innerhalb von sieben Jahren reisautark. Indien verdoppelte in der gleichen Zeitspanne seine Weizenerzeugung.

Zwischen 1961 und 1971 wuchs die Gesamtproduktion an Nahrungsmitteln auf der ganzen Erde um 26 Prozent. Die Grüne Revolution schien das Hungergespenst in Kürze für immer zu verbannen.

Dann kam der spektakuläre Umschwung zu Beginn der Siebzigerjahre, den eine Mehrzahl von Ursachen bewirkte: Mißernten, steigende Energiepreise, Verknappung des Kunstdüngerangebots und explosive Bevölkerungszuwächse.

Die Weltnahrungsproduktion sank, Mexiko wurde von einem Agrarexport-land wieder zu einem Agrarimport-staat, die Philippinen wieder ein Reisimportland - und die Sowjetunion, traditioneller Uberschußproduzent, zum größten Getreideimporteur der Welt.

Die Folge waren rasant steigende Getreidepreise in aller Welt, die wieder vor allem die ärmsten Nationen am härtesten trafen - und angesichts gleichfalls rasant steigender Energiepreise doppelt und dreifach hart.

Am relativ besten bewältigte den Preisauftrieb bei Energie die Supermacht USA, weil diese gleichzeitig ihre Getreideausfuhren vervielfachen und auf dem Weltgetreidemarkt nahezu

eine Monopolstellung erzielen konnte.

In den Achtzigerjahren wird es notwendig sein, um rund 750 Millionen mehr Menschen als in den Siebzigerjahren zu ernähren. 90 Prozent der bis 2000 neu Geborenen werden in den armen Ländern zur Welt kommen.

Getreideimporte der Entwicklungsstaaten sind von rund 30 Millionen Tonnen im Jahr 1971 auf rund 70 Millionen im Jahr 1979 angestiegen. 1985 dürften es an die 100 Millionen Tonnen sein: zwischen 10 und 15 Prozent des Nahrungsmittelverbrauches in der Dritten Welt.

Was tun?

Eine Lehre, die nach Keith O. Campbell („Food for the Future") aus den

Erfahrungen der Grünen Revolution zu ziehen ist: Um die Hungrigen der Welt zu nähren, genügt es nicht, einfach mehr Getreide zu produzieren. Das Problem sei vor allem eines der Einkommensverteilung.

Begründung: In Ländern, wo der Boden reichen Farmern und Stadtgeschäftsleuten gehört, die selber sich gar nicht um die Produktion kümmern, dominiert meist die Viehwirtschaft. Vieh können sich die Kleinbauern nicht leisten. Oder es werden Monokulturen für den Export gezüchtet, die wieder nicht die hungrigen Münder des eigenen Volkes stillen.

Daher empfiehlt dieser Autor als Hauptziel einer sinnvollen Politik für die Entwicklungsländer das Streben nach Selbstversorgung bei Grundnahrungsmitteln. -

Voraussetzung sind u. a. umfassende Landreformen (bei denen freilich darauf zu achten wäre, daß nicht durch die Totalzerstückelung großer Ländereien deren Gesamtertrag erheblich sinkt).

Durchaus im Einklang damit stehen die drei Empfehlungen von Sterling Wortman und Ralph W. Cummings („To Feed This World"):

1. Förderung der Nahrungsmittelerzeugung „im Kleinformat" für den Eigenbedarf der Entwicklungsländer;

2. Anlegen internationaler Lebensmittellager (was zwar teuer kommt, aber zu einer Stabilisierung der Weltmarktpreise und zu besserer Vorsorge gegen Naturkatastrophen führen würde);

3. Bewältigung der Bevölkerungsexplosion.

Dazu hat die amerikanische Zeitschrift „The Futurist", der auch die bisherigen Statistiken entnommen sind, im Aprilheft einen Aufsatz von Jean van der Tak, Carl Haub und Elaine

Murphy veröffentlicht, der von einer Vermehrung der Weltbevölkerung um derzeit etwa 74 Millionen Menschen pro Jahr, also einem Wachstum von 1,7 Prozent, ausgeht.

In der Steinzeit dürfte die Weltbevölkerung Hunderttausende Jahre lang stagniert und niemals zehn Millionen überschritten haben. Die,erste Milliarde wurde um 1800 erreicht (fünf oder mehr Millionen Jahre nach Erscheinen des ersten Menschen), die zweite Milliarde bereits 1930, die dritte 1960, die vierte 1975 schon. 1979 lebten 4,3 Milliarden Menschen auf der Erde.

Wieviele es 1990, wieviele um die Jahrhundert- und Jahrtausendwende sein werden, mag im Detail umstritten sein. Auf jeden Fall sind es mehr, als mit den derzeitigen Mitteln ernährt werden können.

Und sie werden vor allem dort leben, wo die Ernährung am schwierigsten ist: in Lateinamerika, Afrika und Asien, wo schon heute drei von vier Erdbewohnern ihr Dasein fristen.

Dort beträgt die Geburtenrate (Lebendgeburten pro 1000 Bewohnern) 33 Promille, die Sterberate 12 Promille und der Bevölkerungszuwachs derzeit 2,1 Prozent im Jahresschnitt. In Nordamerika, Europa, UdSSR, Japan und Ozeanien liegen die durchschnittliche Geburtenrate bei 16, die Sterberate bei neun Promille und das Bevölkerungswachstum bei knapp 0,7 Prozent.

Erste Anzeichen einer Verlangsamung der Geburtenrate, aber auch einer Verlangsamung des Rückgangs der Sterberate in der Dritten Welt sind feststellbar.

Nur: Von selber kommt das alles nicht. Aufklärung, Bildung, praktische Lebenshilfe sind unverzichtbar. Viele Staaten tun etwas, einige mit deutlichem Erfolg.

1978 hatten 35 weniger entwickelte Länder, in denen 77 Prozent der Bevölkerung der Dritten Welt leben, offizielle Programme zur Einschränkung

des Bevölkerungszuwachses. Weitere 30 unterstützten Empfängnisregelung aus anderen als demographischen Gründen.

Wie schon in der Geschichte der Industriestaaten zeigt sich, daß mit wachsendem relativem Wohlstand die Bevölkerungsvermehrung zurückgeht, was etwa durch Erfahrungen in Taiwan, Südkorea, Sri Lanka (früher Ceylon) neu belegbar ist.

Erfolgreiche Regierungsprogramme können vor allem Stadtstaaten wie Hongkong und Singapur - und das kommunistische China nachweisen. 1978 betrug in China die Geburtenrate 20, die Sterberate acht Promille, der Bevölkerungszuwachs 1,2 %: US-Werte von 1964! Bis 2000 wird Nullwachstum angestrebt.

Um einen Zusammenbruch der wichtigsten Biosysteme der Welt zu verhindern, wäre es nach Lester Brown (World Watch Institute) notwendig, die Weltbevölkerung um das Jahr 2015 um knapp sechs Milliarden herum zu stabilisieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, müßte kein Land der Erde seine Geburtenrate

stärker bremsen, als es China, Costarica, Indonesien, Singapur und Barbados schon getan haben. Aber umdenken müßte nicht allein die Dritte Welt.

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