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Ist ein Umsturz in Rußland denkbar?

Ich behaupte ja nicht, wie ich schon sagte, daß es unmöglich ist, eine bessere Gesellschaft zu schaffen. Im Gegenteil: Ich bin ganz sicher, daß sich die Gesellschaft zum Besseren entwickelt.

Nur vergleiche ich die bestehende Gesellschaft nicht mit der „himmlischen Gesellschaft", die ich nicht kenne, sondern ich vergleiche sie mit den Verhältnissen von gestern und vorgestern. Und da stelle ich fest, daß die Menschheit in diesem Jahrhundert—trotz all der schrecklichen Dinge, die geschehen sind — ein gewaltiges Stück vorangekommen ist.

Wenn ich mich an meine Kindheit und Jugend erinnere: Damals konnte man von jedem Menschen, dem man begegnete, sagen, welcher Klasse, welcher Schicht er angehörte; ob er ein Arbeiter war (und was für ein Arbeiter), ob er ein kleiner Geschäftsmann, ein Bankbeamter, ein Advokat, ein Arzt usw. war.

Der Anzug, den man besaß, blieb zwei, drei und mehr Jahre neu, man trug ihn nur am Sonntag oder an Feiertagen, im übrigen mußte der arbeitende Mensch mit geflickten Kleidungsstücken vorliebnehmen. Es gab die Erniedrigung des Menschen durch den Mangel an persönlichen Gebrauchsgütern. Das alles hat sich inzwischen grundlegend geändert! ...

Die Menschheit macht durchaus Fortschritte, sie erzielt sie aber immer nur auf Umwegen, wie es ja auch in unserem persönlichen Leben der Fall ist. Leben kann nicht oder nur sehr schwer gelehrt werden. Wir tasten uns mit unsicheren Schritten mehr und mehr in Richtung auf ein bestimmtes Ziel vor.

Unsere Problematik besteht gerade darin, daß es keine Vorversuche gibt, die uns in dieser oder jener Hinsicht ein für allemal den Beweis liefern, daß es funktioniert oder nicht funktioniert. Jedes Experiment im Leben ist schon das Leben selbst, es gibt keine Wiederholung.

Wenn ich einem Test zum zweiten Male unterworfen werde, bin ich nicht mehr der gleiche, der ich früher war. Das ist nur eines der möglichen Argumente gegen die sogenannte experimentelle Psychologie. Wir alle sind dazu verurteilt, unser Leben ständig zu improvisieren — außer in den Dingen, in denen wir zu einer Art Automatisierung gelangt sind.

Von Voltaire stammt der Ausspruch: „Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weiß, daß es sterblich ist." So sind wir auch die einzigen Lebewesen, für die alles Fortsetzung ist und nichts wirklich neu beginnt. Der ungeheuerliche Anspruch jeder jungen Generation, daß einzig aus dem Grunde, daß sie jetzt lebt, auf einen Schlag alles verändert, entdeckt und vollbracht werden müsse, ist eine wahnwitzige Kinderei. Warum gerade jetzt?

Wir wissen, daß unsere Erkenntnisse über das Verhältnis des Menschen zur außermenschlichen Natur, die während der letzten hundert Jahre gewonnen wurden, die der vorangegangenen Jahrtausende grenzenlos übertreffen. Endlich stehen wir an der Schwelle der Tür, durch die die Menschheit aus dem Kindergarten in die Schule des Lebens gelangen könnte.

Gewiß verstehen Sie nun, warum ich Optimist und Skeptiker zugleich bin. Es kommt immer darauf an, mit welchem Maß man mißt. Das Tempo einer Schnecke kann man nicht gut mit dem Kilometerzähler eines Autos messen — das gibt keinen Sinn. Und so messe ich den menschlichen Fortschritt daran, daß zumindest seit Beginn dieses Jahrhunderts einer wachsenden Zahl von Menschen mehr Möglichkeiten geboten werden, Würdig zu leben, das heißt: zu leben, ohne versklavt zu sein und ohne Mangel an materiellen Gütern zu leiden.

Daneben aber gibt es noch immer die Versklavung von Hunderten, von Völkern, die zuweilen weit Schlimmeres bewirken kann als die materielle Not breiter Schichten in der Vergangenheit...

Eben aus dem Grund, weil ich ein entschiedener Feind jeder Diktatur bin, bin ich auch ein entschiedener Gegner aller östlichen Regierungssysteme. Damit trete ich in keiner Weise für die Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ein, ich bleibe ein Sozialist. Aber ich würde niemals sagen, daß durch , die Verstaatlichung der Produktionsmittel alle Probleme im Sinne des demokratischen Sozialismus gelöst werden könnten.

Wenn die Sozialisierung in ihren praktischen Auswirkungen nicht dazu führt, daß die Menschen besser und freier leben können, dann dient sie einer neuen herrschenden Schicht, nicht dem Volke...

Ist eine Revolution oder ein Umsturz in Rußland denkbar? Auf diese Frage würde ich sagen:

Diese Revolution könnte nur ausbrechen nach einem verlorenen Krieg — eine Möglichkeit, die wir wphl ausschließen müssen — oder aber durch innere Unruhen, was wesentlich wahrscheinlicher ist.

So könnten beispielsweise der niedrige Lebensstandard, der Mangel an Gebrauchsgütern, die Notwendigkeit, daß alle Mitglieder einer Familie arbeiten müssen, um ihr Auskommen zu finden, in der Bevölkerung ein solches Maß von Unzufriedenheit, ja Verbitterung erzeugen, daß Teilstreiks in wichtigen Wirtschaftsbereichen ausbrechen, denen sich dann auch jene Menschen spontan anschließen, die es bislang aus Furcht vor Repressalien nicht gewagt haben, offen gegen das Regime Stellung zu beziehen.

Vergessen Sie nicht: Am Beginn jeder Revolution oder jedes wie auch immer gearteten Umsturzes stehen die Uberläufer, die sich brüsk von den Herrschenden lossagen, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn das Erbe der Gestürzten von den Repräsentanten der aufsteigenden Macht verteilt wird.

Sollte es eines Tages — was durchaus anzunehmen ist — in der Sowjetunion zu dieser Entwicklung kommen, würden die Herrschenden natürlich mit Massakern reagieren, denn das Sowjetregime würde keineswegs widerstandslos auf die Diktatur verzichten ...

Alle Völker Osteuropas und die Völker in der Sowjetunion selbst haben seit Jahrzehnten gehofft, daß der Westen irgend etwas unternimmt, um die in diesen Ländern herrschenden Regime politisch und vor allem ökonomisch zu isolieren.

Aber Westeuropa und die USA überbieten sich gegenseitig, diese Regime zu stützen — natürlich nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus rein ökonomischen Erwägungen. Damit behaupte ich nicht, daß die Sowjetunion und die kommunistischen Regime in Osteuropa ohne die Hilfe des Westens an ihren ökonomischen Schwierigkeiten zugrunde gingen — nein, aber diese Schwierigkeiten würden die Konflikte im Innern beträchtlich verschärfen.

Wir sprachen schon davon, daß die Sowjetunion nicht in der Lage ist, sich selbst zu ernähren, sondern immer wieder Einkäufe im Westen tätigen muß, um die schlimmsten Versorgungslücken zu schließen. Nun wäre ich gewiß der letzte, der dafür plädierte, kein Getreide, keine Lebensmittel an den Osten zu verkaufen. Ich. bin durchaus für solche Verkäufe an alle, die in der Welt hungern — wer auch immer sie sind.

Aber der Westen liefert an den Osten nicht nur Getreide und andere Lebensmittel, sondern er liefert auch komplette Industrieanlagen und errichtet sogar Lizenzunternehmen. Obwohl er aus seinen bisherigen Erfahrungen mit der sowjetischen Politik gelernt haben müßte, verhält sich der Westen auch auf diesem Sektor genauso wie im Jahre 1945.

Damals bestand durchaus die Möglichkeit, Stalin Bedingungen aufzuzwingen, die ihn davon abgebracht hätten, Osteuropa zu kolonisieren und auszurauben...

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