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Ist Spanien katholisch?

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Wie sieht der ehemalige Erzbischof von Madrid-Al-calä, Symbolfigur der Wende vom Franco-Regi-me zur Demokratie, die Rolle der Kirche im sozialistisch regierten Spanien?

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Wie sieht der ehemalige Erzbischof von Madrid-Al-calä, Symbolfigur der Wende vom Franco-Regi-me zur Demokratie, die Rolle der Kirche im sozialistisch regierten Spanien?

FURCHE: Herr Kardinal, seit dem Tode Francos im Jahre 1975 hat sich Spanien sehr verändert. Sind die Folgen der Diktatur überwunden?

KARDINAL VICENTE ENRIQUE Y TARANCON: Die spanische Gesellschaft hat einen tiefen Wandel erlebt. Es war ja nicht nur die Umstellung von den Spielregeln der Diktatur auf die neuen der Demokratie, es war ein kultureller und ökonomischer Umsturz, eine soziale Umwälzung breiter Schichten unserer Gesellschaft. Die Spanier fanden vom traditionellen Katholizismus in eine säkulare Kultur. Es kamen

„An der Oberfläche scheint ailes ruhig, aber darunter brodelt es“

viele Krisenmomente zusammen, und die Folge ist eine Verwirrung, die wir noch nicht überwunden haben.

FURCHE: Das zurückliegende NATO-Referendum vom 12. März brachte eine Bestätigung für den Kurs der Regierung Felipe Gonzalez. Wie sehen die spanischen Bischöfe das NATO-Problem?

TARANCON: Im Vorfeld des Referendums hat man mich häufig gefragt, wie ich wählen würde. Aberich glaube, dies istreine Privatangelegenheit des Bürgers Ta-rancön, und ich gehe mit meiner Meinung nicht hausieren. Die spanischen Bischöfe haben ihre Perspektive in einem Hirtenwort erklärt und dabei vor allem beklagt, daß die Welt in zwei Blöcke gespalten ist und ein Rüstungswettlauf beinahe unabwendbar scheint. Darüber hinaus haben wir besonders betont, daß der Christ immer für den Frieden eintreten muß. Wie dies konkret zu geschehen hat, findet man aber nicht im Evangelium, und darum können wir Bischöfe hier keine Position beziehen. Das gilt auch für die NATO-Frage.

Entscheidend ist aber, daß solche Meinungsverschiedenheiten kein Trauma hervorrufen, wie wir es während des Bürgerkriegs in

den „beiden Spanien“ erleben mußten.

FURCHE: Inzwischen stellen seit Oktober 1982 die Verlierer des Bürgerkriegs in Gestalt der Sozialistischen Partei die Regierung. Wie sind die Beziehungen der Bischöfe zum Kabinett Gonzalez?

TARANCON: Man darf nicht vergessen, daß unter der gegenwärtigen Regierung einige Gesetzesvorlagen verabschiedet wurden, wie etwa bezüglich der Abtreibung und der Finanzierung unserer Schulen, die von der Kirche nicht völlig akzeptiert werden. Die Bischöfe haben ihre abweichende Meinung öffentlich vertreten, und die Beziehungen zur Regierung wurden zunehmend belastet. Ich würde sagen, wir befinden uns in einer Phase der Konfrontation, aber auch des Dialogs. Der Präsident der Bischof skonferenz formulierte neulich: An der Oberfläche scheint alles ruhig, aber darunter brodelt es. Die Kirche erwartet zwar von der Regierung keine Sonderrechte, aber zumindest möchte sie ihre Arbeit ungehindert fortsetzen.

FURCHE: Gemeinsam mit Polen und Irland gilt Spanien gemeinhin als das Paradebeispiel des sogenannten ,J$ationalkatho-lizismus“. Trotzdem rufen die Bischöfe in letzter Zeit immer wieder nach einer neuen ,^Evangelisierung“. Ist Spanien heute eine katholische Nation?

TARANCON: Es gefällt mir gar nicht, wenn man Spanien eine katholische Nation nennt, weil der Katholizismus dadurch zur Verpflichtung wird. Wir wollen keine Christen aufgrund königlicher Verordnung, sondern aufgrund einer persönlichen Glaubensentscheidung. Die Spanier fanden lange Zeit aus Tradition und Gewohnheit oder wegen des sozialen Klimas zur Kirche, aber eigentlich gab es keine freie Entscheidung zum Glauben. Und darum brauchen wir heute tatsächlich eine neue Evangelisierung.

FURCHE: Wie sehen Sie aus spanischer Perspektive die neuen theologischen Strömungen in La-

teinamerika? Glauben Sie, daß wir Europäer von den Befreiungstheologen lernen können?

TARANCON: Die Befreiungstheologie ist heute sicher nicht unser größtes Problem. Durch das Eingreifen der Glaubenskongregation und die Vorgänge in Nikaragua ist sie aber in letzter Zeit sehr in Mode gekommen. Meiner Ansicht nach ist das ursprüngliche Anliegen der Befreiungstheologie durchaus gerechtfertigt, es ging nämlich um eine neue Rollenbeschreibung der Kirche in Lateinamerika. Allzulange stand die Kirche dort auf seiten der Reichen und Mächtigen, und die Theologie der Befreiung wollte sie aus dieser Schuld lösen.

Die konkrete Umsetzung dieses Anliegens läßt dann aber zu wünschen übrig — es ist ja immer schwer, neue Wege zu gehen. Beeindruckt vom Elend der Massen, ließen sich manche Theologen dazu hinreißen, selbst an der Schaffung eines revolutionären Klimas zu arbeiten. Und hier beginnt dann die Entgleisung. Ihr Grundanliegen sollte aber auch für uns Europäer wegweisend sein, nämlich die Verbindung von Theologie und Leben.

FURCHE:Die Arbeit derPerso-nalprälatur „Opus Dei“ ist in letzter Zeit heftig kritisiert worden.

In Spanien ist das Opus bereits seit über einem halben Jahrhundert verwurzelt. Welche Position beziehen Sie gegenüber dem Opus?

TARANCON: Sofern sich das Opus Dei als kirchlich anerkannte Institution vom Heiligen Geist leiten läßt, habe ich keine Einwände. Was seine Methoden angeht und auch die Mentalität des Gründers, Jose Maria Escriva, so kann ich nicht alles akzeptieren. Daß die heutige Gesellschaft dem Opus mit Argwohn begegnet, findet seine Erklärung: die Methoden der Jugendarbeit, der Ruf, über sehr viel Geld zu verfügen und nach geheimen Statuten vorzugehen -all dies paßt nicht in die heutige Zeit. Die Arbeit des Opus ist in mancher Beziehung großartig, wird aber von der Gesellschaft schwerlich verstanden. Die Kritik erhebt sich dann nicht wegen der religiösen Spiritualität, sondern aus politischen und finanziellen Gründen.

Sofern sich das Opus an die Spielregeln einer freien Gesellschaft hält und mit offenen Karten spielt, hat es die gleichen Rechte wie jedermann, scheint mir.

FURCHE: Kritische Stimmen behaupten, der gegenwärtige Papst versuche, das Zweite Vatikanische Konzil rückgängig zu machen. Wie schätzen Sie das bisherige Pontifikat Papst Johannes Pauls II. ein?

TARANCON: An Johannes Paul II. scheiden sich die Geister. Für die einen ist er ein Reaktionär, den anderen scheint er bei weitem zu fortschrittlich. Was Fragen des Glaubens angeht, so ist er wohl eher konservativ, aber in anderer Beziehung halte ich ihn für geradezu revolutionär: wenn es nämlich um den Menschen und die Gesellschaft geht, wie in der Enzyklika „Laborem exercens“. Mir scheint, daß der Papst sein Amt als eine persönliche Mission begreift, und deshalb bereist er die ganze Welt und stellt den Kontakt zu den Ortskirchen her.

Ferner liegt seine Aufgabe im Richtigstellen mancher Irrtümer, die nach dem Konzil entstanden sind. Einige meinen deshalb, er kehre zum Alten und Uberholten zurück. Dinge klarstellen bedeutet aber nicht, das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Dabei kann es natürlich geschehen, daß die Korrektur manche Aspekte überbetont, es gibt ja nie ein vollkommenes Gleichgewicht. Ich glaube, Johannes Paul II. ist ein großer Papst. Er hat seine Schwächen wie wir alle, das ist mehr als offensichtlich, aber er leistet der Kirche einen großen Dienst.

Das Gespräch mit dem langjährigen Vorsitzenden der Spanischen Bischof skonferenz führte Raimund Allebrand.

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