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Ist verseuchte Erde zu retten

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Verseuchte Böden in Österreich: Dieses Thema bewegt die Öffentlichkeit. An verschiedenen Orten führt das Umweltbundesamt jetzt Bodenuntersuchungen durch, um Gefahrenherde zu erkennen. Und viele fragen: Was kann man tun, wenn Verseuchungen entdeckt sind? Läßt sich die verseuchte Erde wieder sanieren

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Verseuchte Böden in Österreich: Dieses Thema bewegt die Öffentlichkeit. An verschiedenen Orten führt das Umweltbundesamt jetzt Bodenuntersuchungen durch, um Gefahrenherde zu erkennen. Und viele fragen: Was kann man tun, wenn Verseuchungen entdeckt sind? Läßt sich die verseuchte Erde wieder sanieren

Derzeit zeichnet sich ab, daß die größten Altlastprobleme bei den Hüttenstandorten Arnoldstein und Brixlegg zu verzeichnen sind. Da geht es um die Belastung mit anorganischen Stoffen, vor allem mit Schwermetallen, wie Cadmium und Blei. Diese ist aber nur eine von mehreren möglichen. Denn grundsätzlich sollte man drei Arten von Verunreinigungen unterscheiden: Belastung mit organischen, mit anorganischen Stoffen oder mit Radionukleiden.

Wo es zu großräumigen Bodenvergiftungen kommt, herrscht eine gewisse Ratlosigkeit vor: Wie man einen einmal eingetretenen Schaden wirklich sanieren soll, weiß man eigentlich nicht. Denn in großem Rahmen Boden abzutragen und auf Deponie zu bringen, ist kaum möglich. Damit würde man nur mit enormem Aufwand den ohnehin schon äußerst beschränkten Deponieraum auffüllen.

Dennoch ist man nicht ganz hilflos. Die konkrete Vorgangsweise hängt aber von der Art der Verunreinigung ab. Bei organischen Stoffen, vor allem wenn diese flüchtig sind (bei Lösungsmitteln, Benzin), kann man durch Belüftung und Filterung (etwa mit Aktivkohlefiltern) einiges erreichen. Ein anderes Verfahren wird bei Tankstellenunfällen eingesetzt: Da kommen mobile Verbrennungsanlagen zum Einsatz. Allerdings kommen diese Methoden durchwegs nur bei annähernd überschaubaren Kontaminationen zum Einsatz.

Anders ist die Situation bei der Verseuchung des Bodens mit Schwermetallen. Da geht es zunächst darum zu verhindern, daß das Grundwasser verunreinigt wird. Auch da bietet sich in den meisten Fällen als Lösung nicht Abbau und Abtransport des Bodens, sondern nur eines an: vor Ort sanieren.

Professor Winfried Blum, Experte für Bodenforschung an der Universität für Bodenkultur in Wien, skizziert vier mögliche Ansätze: Der erste nützt die Eigenschaft der Böden, je nach ihrem Säuregehalt, unterschiedlich gut Metalle binden zu können, also nicht an andere Medien weiterzugeben. Das hängt von ihrem pH-Wert ab. Je höher dieser ist (je basischer also die Böden sind), umso weniger nehmen die in ihnen wurzelnden Pflanzen Metalle auf, umso weniger gelangen diese Stoffe auch ins Grundwasser.

Eine Möglichkeit der Sanierung ist daher die Erhöhung des pH-Wertes, beispielsweise durch Kalkung. Das ist eine Maßnahme, die auch bei großräumigen Verunreinigungen durchgeführt werden kann.

Ein zweiter Ansatz liegt darin, gezielt Pflanzen anzubauen, die selektiv Metalle über die Wurzeln aufnehmen und sie so dem Boden entziehen. Dieses Verfahren wurde im Ausland schon angewendet, etwa in Israel und den USA. In Israel hat man salzkontaminierte Böden auf diese Weise zu sanieren versucht. Mit der Aufnahme der Metalle durch die Pflanze ist das Problem jedoch nur vorübergehend gelöst. Denn es stellt sich die Frage: Was geschieht mit den Pflanzen, die die Metalle aufgenommen und konzentriert haben?

Da bietet sich als Lösung folgendes an: Verbrennung, um das Volumen der belasteten Substanz zu verringern und anschließend den Rest, die Asche, zu deponieren.

Eine dritte Variante ist das Wenden der Böden. Das ist ein Verfahren, das bei oberflächlicher Kontamination Schäden stark reduzieren kann, ohne allerdings die Vergiftung zu beseitigen. Durch Pflügen wird nämlich der Schadstoff nur auf eine größere Menge Boden verteilt und gelangt damit auch in etwas tiefere Bodenschichten. Dadurch kommt es zu einer geringeren Belastung der Pflanzen und damit der Nahrungsmittelkette. Viele Pflanzen - insbesondere Gräser - wurzeln nämlich nur relativ flach. Dieser Verdünnungseffekt wurde auch im Anschluß an die Verseuchung mit radioaktivem Cäsium und Strontium im Gefolge von Tschernobyl genutzt.

Was die radioaktive Kontamination anbelangt, stellt sich die Situation übrigens relativ günstig dar: Nur in wenigen Hochgebirgslagen gibt es noch etwas erhöhte Werte. Eine Untersuchung im Vorjahr ergab, daß mit seltenen Ausnahmen die Milch der dort weidenden Kühe den Normen entsprach.

Als vierte Methode - eigentlich nur anwendbar, wenn ganz wenig Boden kontaminiert ist - kommt der Aushub und die anschließende Deponierung in Frage. Da aber überall der Deponieraum sehr knapp ist, kann dieses Verfahren nur ganz beschränkt eingesetzt werden. Daher ist übrigens auch ein sorgsamer Umgang mit dem Klärschlamm, der vielfach Schwermetall enthält, geboten. Denn bei allen Kontaminationen handelt es sich im Grunde genommen um irreversible Schädigung, denn die Rückholung der Schwermetalle ist - wie die erwähnten Verfahren zeigen - nur sehr schwer möglich.

In Österreich ist die Situation der Böden im internationalen Vergleich eher günstig. Allerdings muß man an alten Industriestandorten noch mit Überraschungen rechnen. Dennoch herrscht bei uns schon seit relativ langer Zeit eine gewisse Sensibilität für das Problem vor. So wurde etwa auch die Aluminium-Schmelze in Ranshofen vor Jahren eingestellt und -auch aus Mitteln des Unternehmens finanzierte - Begleituntersuchungen der Folgen der Verhüttung für die Umgebung angestellt.

Die große Aufregung um die Bodenverseuchung in Arnoldstein erscheint bei genauer Betrachtung etwas hochgespielt. Es handelt sich da um Schäden, die sich in mehr als 100 Jahren akkumuliert haben und von denen man auch gewußt hat. Am Beispiel der Berichterstattung aus der Vorwoche wird eines der Probleme der gesamten Umweltdiskussion deutlich: Sie wird nur allzu oft an konkreten, oft gar nicht repräsentativen, Anlaßfällen als Gruselstory abgehandelt. Dann erregen sich kurzfristig die Gemüter. Nach kürzester Zeit ist wieder alles vergessen, jedoch nichts gelöst.

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