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Italianita in Bregenz

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Die 30. Bregenzer Festspiele standen zu Beginn ganz im Zeichen von Österreichs südlichem Nachbarn: Italien. Während im Theater am Kornmarkt der festliche Schauspielreigen mit dem „Verschwender“, einer unbekannten Komödie von Carlo Goldoni, eröffnet wurde, kehrte die komische Oper „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß zum vierten Mal auf die von Piloten getragene, weitausladende Raumbühne auf dem Bodensee zurück. Ist sie doch während der vergangenen drei Dezennien so etwas wie eine Jubiläumsveranstaltung dieser Festspiele geworden. 1948 erklang zum ersten Mal der Lagunenwalzer über den Wellen des Sees, um dann 1955 und 1965, ebenso wie heuer, an diesem Gestade Station zu machen.

Gute 240 Jahre aber ist es her, seit die Komödie „Der Verschwender“ (II Prodigo) des vielseitigen venezianischen Advokaten, Konsuls, Autors, Schauspielers und Theaterdirektors Carlo Goldoni nach knapp zwei Dutzend gelungener Aufführungen von den weltbedeutenden Brettern verschwand. Professor Leopold Lindtberg hat sie nun, basierend auf der Übersetzung von Ingrid Czernin, im deutschsprachigen Raum zu neuem Leben erweckt. Und er hat gut daran getan, dabei nicht in die Fußstapfen seines italienischen Kollegen Giorgio Strehler zu treten, sondern sich mehr an die komödiantisch-buffonesken Züge dieses mit drastischer commedia delParte und Charakterschauspiel jonglierenden Stückes zu halten. Man atmet befreit und fröhlich auf, an diesem heitererquickenden Theaterabend einmal nicht mit hintergründig herbeige-zerrten, sozialpolitischen Deutungen konfrontiert zu werden, sondern sich unbefangen und unbeschwert der spielerischen Lust dieser Verwechslungen, Mißverständnisse und amou-rösen Abenteuer hingeben zu können. Sicher wollte Goldini damit seinen oft in barockem Überschwang dahinlebenden Zeitgenossen auch einen kleinen Zerrspiegel ihres oberflächlich dahinplätschernden Daseins vorhalten, aber er tat dies mit dem gleichen Charme, mit dem 150 Jahre danach auch ein Franz Molnär der Aristokratie des Habsburgerreiches und den Großbürgern Horthy-Un-garns ihre kleinen und großen Schwächen aufzeigte. Und genau diesen flirrenden Ton aus kapriziöser Leichtigkeit und Brillanz hat Leopold Lindtberg mit seiner entzückenden und reizvollen Inszenierung im Bregenzer Theater am Kornmarkt getroffen. Diesem Stück, das in seiner Urfassung „Mömolo an der Brenta“ hieß — gemeint ist jenes Flüßchen, das von der Lagune nach Padua führt und wo die High-Society Rokoko-Venedigs den Sommer verbrachte — hat Max Röthlisberger mit kundig-gediegener Hand von südländisch-sonnigem Flair durchflutete Arkadengänge und Bögen auf die Bühne gezaubert und sie so auch für den Zuschauer zu einem Ort ungetrübten Vergnügens gemacht. Zumal die Erlebnisse des leichtsinnigen Signor Mömolo keineswegs jene ernsten und grüblerischen Dimensionen annehmen wie bei Raimunds „Verschwender“. Zwar sieht sich auch der junge Venezianer dank seiner unüberlegten Lebensweise und schier grenzenlosen Gutmütigkeit einem totalen Bankrott und Ruin gegenüber; aber er trägt dies mit mehr romanischer Nonchalance und Gelassenheit, zumal ihm im dritten Akt“ der „deus ex machina“ eines für ihn günstigen Gerichtsbeschlusses schließlich noch die Hand der von ihm heißgeliebten, schönen und jungen Venezianerin Ciarice beschert. Ein Rokoko-Happy-end wie es im Buche steht. In dem von Goldoni nämlich. Und eine treffliche schauspielerische Besetzung sorgt dafür, daß wir es in der subtil nuancierten Inszenierung Lindtbergs voll prickelnder Laune genießen.

Strahlender Stern des burlesken Geschehens, ist zweifellos Christiane Hörbiger in der Rolle der Ciarice, einer jungen Witwe, die in Beglei-gung ihres mehr behäbigen Bruders Ottavio und eines korrekt-eifersüchtigen Vetters Leandro in das Verschwender-Idyll eindringt. Grande-Dame von kühler Distanziertheit und bangend liebende Frau zugleich, zieht sie souverän alle Register ihres schauspielerischen Könnens, dem Rudolf Buczolich als Mömolo mit der bezwingenden Natürlichkeit seines jungenhaft unbekümmerten Temperaments erfolgreich Paroli bietet. Seiner Schwester Beatrice gibt Dietlindt Haug frauliche Anmut und Würde, wobei sie den polternd gutmütigen Klaus Knuth als Gatten an ihrer Seite hat. Claricens Bruder und Vetter sind bei Michael Toost und dem etwas zu preußisch wirkenden Hwbert Suschka profiliert aufgehoben. Stellvertretend für alle falschen und ausbeuterischen Freunde des weichherzigen Verschwenders verkörpert Kurt Becfc als betrügerischer und eigennütziger Verwalter Trap-pola dezent das Prinzip des schurkisch Bösen. Stets die Lacher auf seiner Seite hat Alexander Grill in der Gestalt des witzig-tölpelhaften Knechtes Truffaldino, dem die kecke und muntere Helga Papouschek als Wirtschafterin Colombina mit flottem Mundwerk ebenbürtig zur Seite steht. Joe Trümmer und Klaus Behrendt runden als Diener Brighella und Advokat Lombardi überzeugend den romantischen Figurenreigen Goldonischen Humors.

Für die vierte „Nacht in Venedig“ hat der junge Schweizer Bühnenbildner Toni Businger Palazzi, Brük-ken und Campaniii mit filigraner Duftigkeit auf das Wasser getupft. Beinahe durchsichtig stehen die Bauten, zumeist nur von geheimnsivol-lem Dämmerlicht umhüllt, gegen den nächtlichen Himmel, während fast ununterbrochen mit verliebten Pärchen oder schönen Frauen besetzte Barken durch das dekorative Bild gleiten und den Zauber einer venezianischen Gondelnacht vorgaukeln. Regisseur Wolfgang Weber von der Wiener Volksoper, zum ersten Mal mit den szenischen Möglichkeiten und Tücken dieser gewaltigen Seebühne konfrontiert, ist bemüht, die Illusion südlicher 'Buntheit und Lebendigkeit zu intensivieren. In diesem über die ganze Bühnenbreite arrangierten Bewegungsspiel entgleitet ihm freilich manchmal der ohnehin nicht sehr starke Handlungsfaden und der komödiantische Schwung des Karnevalstreibens kommt etwas zu kurz.

Dafür aber weiß Heinz Wallberg mit den elegant musizierenden Wiener Symphonikern um so stärker zu überzeugen. Claudio Nicolai in der Partie des herzoglichen Leibbarbiers Caramello hat schauspielerischen Schmiß, und sein Gondellied, dessen

Ruf lockend über das Wasser schwebt, besitzt Schmelz und Timbre italienischer Provenienz, die der ziemlich statische Ottavio Garaventa als Herzog von Urbino selbst bei seinem strahlenden Auftrittslied „Sei mir gegrüßt, du holdes Venezia“ zuweilen ein wenig vermissen läßt. Hell leuchtende Sopranstimmen und spielerisches Temperament lassen die attraktive Mirjana lrosch als Annina und die nicht minder rassige Dorothea Chryst als Ciboletta zu einer Augen- und Ohrenweide werden. Köstlicher und stimmgewaltiger Vierter im Bunde der Buffopaare ist Erich Kuchars Makkaronikoch Pap-pacoda. Bravouröse Komik und beachtliche Baßtöne in der Gestalt des gehörnten Senators Dellacqua verströmt Karl Dönch, wobei ihm Friedrich Nidetzky und Richard Zimmermann, mit gleicher Robe angetan, zuverlässig und treu zur Seite stehen. Exakt und wohltönend der von Helmuth Froschauer geleitete und von Alfred Kuppelmayer einstudierte Bregenzer Festspielchor. Solisten vom Ballett des Kroatischen Nationaltheaters Zagreb, einstudiert von Vaclav Orlikowsky, streuen eine flotte, farbenprächtige Tarantella in das buntbewegte Geschehen. Die Italianitä beim Bregenzer Jubiläum hat sich glücklich bewährt.

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