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Italienische Reise

Auf dem Hügelkamm stehen Zypressen neben Pinien. Der Anblick bewegt die Phantasie, man glaubt schlanke Türme und festes Mauerwerk zu sehen. Der Umriß ist unruhig: auch darin liegt ein Reiz, der uns anspricht. Abwechslung bringt das Hoffen in Bewegung, wir fühlen uns in einer sanften Art gefordert. Das heißt: nach einem ordnenden Gesetz zu suchen. Solche geistige Aufgaben bereiten Vergnügen. Varietes delectat. Was uns indessen noch tiefer berührt, ist die Vielfalt der Schöpfung. Hier offenbart sie sich gleichsam geometrisch: beide Bäume sind unter diesem Himmel, in diesem Boden heimisch, doch folgen sie unterschiedlichen Bauprinzipien. Die Zypressen stoßen ihre dunkle Masse, finsteren Flammen gleich, in die Höhe; die helleren Baumkronen der Pinien verästeln sich in die Breite. Senkrecht und waagrecht: beide Richtungen führen zum Ziel. Der Gedanke macht verlegen, läßt uns begreifen, daß unser zwischen wahr und unwahr oft herrisch entscheidendes Denken an der Vielfalt der Wirklichkeit vorbeizielt.

An der Hügelflanke das süber-ne Beben der Olivenhaine und das frische Grün der Weingärten: die Zahl der Möglichkeiten pflanzlichen Lebens wächst ins Unermeßliche. Dennoch büdet die Landschaft eine Einheit. Nicht einmal das Fahrzeug stört, in dem wir sitzen. Wir sehen es im Bild wie aus der Vogelperspektive. Der blanke Blechpanzer bewegt sich in der Tiefe des Tales, wo die Gewässer“ fließen. Auch diese Parallelität entspricht den Erfordernissen der Komposition.

Die Sehnsucht nach Italien gleicht dem Heimweh. Die Unzukömmlichkeiten des Ortes, zu dem wir zurückstreben, sind uns bekannt, doch fallen sie nicht ins Gewicht. Was uns anzieht, ist die Intensität des Lebens, das Mark des Seins, die Abtrennung des Werkes von dem Beiwerk. Für die Europäer präsentiert sich Italien in der Tat als das Land des gemeinsamen kulturellen Ursprungs. Die Reise bedeutet in diesem Sinne eine Rückkehr zu den Wurzeln.

So und nicht anders sind wir als geistige Wesen entstanden: wir gewahren in uns jene tieferen Schichten, die unter dem Schutt des Alltags verborgen liegen. Das richtet auf. Die Lebensgeister erwachen, der Zuwachs an Energie setzt den Spieltrieb in Bewegung.Zudem folgen am Wegrand zu-weüen auch bescheidenste Kirchenbauten dem fröhlichen Gesetz der Harmonie. Was wir im Geiste verklärt haben, ist in Wirklichkeit kräftiger als sein inneres Abbild. Italianitä: abenteuerliche Rast an den Quellen.

Japaner in den Uffizien in Florenz. Uns sind die Heiligenbü-der auf goldenem Hintergrund als Meisterwerke des Christentums vertraut, und die Gemälde der Renaissance schließen sich an als Erweiterungen der gleichen Sicht. Auch in Botticellis „Frühling“ lebt der Glaube an die geistige Substanz der sichtbaren Welt; die geheimnisvolle Komposition verklärt die Natur und in ihr die menschlichen Figuren. Wir sind daheim. Wie sehen dieselben Bilder die Japaner? Ist ihre oberflächliche Europäisierung bereits derart fortgeschritten, daß sie sich in den Uffizien sozusagen heimisch bewegen, oder bestaunen sie die Fremdheit einer für sie reizvollen — europäischen — Exotik?

Könnte es sein, daß bedeutende Kunstwerke die Unterschiedlichkeit der Kulturen über die Abgrenzungen hinweg überstrahlen? Pablo Picasso zeigte seine Bilder im Jahre 1942 dem Schriftsteller Ernst Jünger, der ihn in seinem Pariser Atelier als Offizier der deutschen Besatzungsmacht besuchte, und sagte: „Meine Bilder würden die gleiche Wirkung haben, wenn ich sie nach ihrer Vollendung, ohne sie zu zeigen, einhüllte und versiegelte. Es handelt sich dabei um Manifestationen unmittelbarer Art.“ Hätte Picasso recht gehabt, so wäre das begeisterte Interesse der Japaner als Zeichen der Strahlungskraft der ihnen wesensfremder Büder verständlich.

In Vinci, im Geburtshaus des Leonardo. Das Bauernhaus mit seinen drei Räumen, aus gutbe-hauenen Steinquadern errichtet, ist zeitlos. Die Dreiteilung entspricht den Erfordernissen der Lebensform: der eine Raum ist der Nahrungsaufnahme und dem Alltag, der andere dem Schlaf, der dritte dem Kult der Gastfreundschaft und dem Bedürfnis nach Uberfluß gewidmet. Auch die kleinen, aus Ton errichteten Bauernhäuser im Burgenland sind dreigeteilt.

Nach dem kurzen Besuch eine Mittagstunde unter Oliven. Der Rotwein schmeckt erdig, zum würzigen Käse paßt das ungesalzene Weißbrot. Der Blick in die Ferne läßt auch Leonardos Kunst besser begreifen: Die schönen Landschaften, die wir im Hintergrund seiner Bilder erblicken, sind, wenngleich sublimiert, nach der Wirklichkeit gemalt.

Die Rückkehr ins Tal bringt, wie erwartet, den Kontrast. Im Kurpark von Montecatini schreiten die Damen und Herren mit ihren Trinkgläsern zur Förderung des Stoffwechsels und der Entschlackung langsam und um liebreizenden Ausdruck bemüht über die gepflegten Wege. Die Kurkapelle besteht aus jungen Ungarn. Sie spielen unter der Leitung ihres ebenfalls jungen Dirigenten Istvän Huszär die übliche Melange.

Es ist anzunehmen, daß sie bei freier Kost und Quartier auch noch ein wenig Devisen verdienen. Das drängt zur Sparsamkeit. Kein Wunder, wenn sie auch die offenbar notwendige Gesangseinlage selbst bestreiten wollen. Der Tenor singt seine Operettenarie jedenfalls auf italienisch und in der erforderlich heroischen Manier, jedoch mit ungarischem Akzent.

Unter dem Portal des Domes von Pisa stehen zwei junge Männer. Sie haben darauf zu achten, daß Touristen in dürftiger Kleidung das Gotteshaus nicht betreten. Rundherum herrscht die ausgelassene Stimmung eines Jahrmarkts, hervorgerufen durch den Anblick des schiefen Turmes. Er wird als Kuriosität genossen, als Modell zahlloser Abbildungen, die das Bauwerk als Absonderlichkeit präsentieren. Der Reiz hegt offenbar am Defekt. Die Frau ohne Unterleib der Jahrmarktbuden liefert das trivialste Beispiel. Es ist indessen schwer zu sagen, wie es kommt, daß die Monstrosität auf den einzelnen abstoßend, auf die Menge hingegen erheiternd wirkt. Der naheliegende Hinweis auf Schadenfreude bietet keine befriedigende Antwort.

Die Anwesenheit der beiden jungen Männer unter dem Portal gewinnt angesichts des munteren Treibens zusätzlich an Bedeutung. Hier ist eine Grenze gesetzt. Das ergibt alle fünf Minuten Verdruß, weckt zuweilen auch Proteste, doch zwingt es zum Denken. Manche halbnackte Männlein und Weiblein begreifen, während sie ihrem Ärger freien Lauf lassen, den Unterschied zwischen Jahrmarkt und Gotteshaus. Festigkeit ist in diesem Punkt ein

In Ravenna strahlt der Geist unmittelbar. Die Sakralbauten der Galla Placidia und die des großen Theoderich wirken nicht durch ihre Dimension, wohl aber durch die Verdichtung des Glaubens monumental. Die Mosaiken zeigen Gestalten von höchster Vitalität im Zustand innerer Sammlung. Noch dem Ausdruck hieratischer Würde haftet ein Anflug von freudiger Gewißheit. Sie ist nicht allgemein verpflichtendes Stilmittel, noch weniger die Folge der hier angewandten Technik, sondern Ausdruck eines Lebensgefühls. Das beweisen die Abbildungen Jesu. Die Hoheit der Ewigkeit bleibt der Darstellung des Göttlichen vorbehalten.

Durch das Zeugnis solcher durchgeistigter Bauten wird die Auffassung, die uns die Ostgoten des sechsten Jahrhunderts gerne als Halbwilde und ihren König als Barbaren vorführen möchte, großartig widerlegt. Die Jahrhunderte zwischen dem letzten römischen Kaiser Romulus Au-gustulus und der ersten Blüte der Merowinger waren nicht finster. Karl der Große gewinnt freilich an Glanz, wenn man ihn vor einem dunklen Hintergrund erscheinen läßt.

Venedig im August gehört der Menschheit. Sie nimmt die Stadt tatsächlich in Besitz, füllt die engen Gassen, versammelt sich auf den Plätzen, läßt sich in Gondeln durch die Kanäle rudern. Es sind zu dieser Zeit alle Rassen vertreten, doch überwiegen freilich Europäer, und nicht die schönsten.

Die Masse der Leiber, die sich im matten Rhythmus des gemächlichen Schlenderns vorwärtsbewegt, sich an manchen Punkten zum Gedränge festigt und vorwiegend die Piazetta besetzt hält, wirkt mitunter bedrohlich. Die enge Tuchfühlung mit dem Nächsten ist nicht jedermanns Sache. Doch erblickt die Mehrzahl im Mitmenschen, an dem er sich zu reiben hat, keine Störung, im Gegenteil: es herrscht die Sitte lok-kerer Kameradschaft. Zufallsbekanntschaften sind, wie es scheint, wülkommen.

Es ist offenkundig die Demokratie, die die Masse in die Lage versetzt, Venedig zur Sommerzeit aufzusuchen. Der Ausflug kann in der Tat der Bildung dienen. „Pro-■ letarier aller Welt, vereinigt euch!“ Der Forderung wird in Venedig Folge geleistet. Nicht nur Bücher, sondern auch Parolen haben ihre Schicksale. Sie gehen mitunter in sonderbarster Weise in Erfüllung.

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