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Jahrzehntelange Schatten

Dem schönen Juli-Wetter sei dank: so konnten die Kärnt- ner Slowenen ihren Kultur-Beitrag zum Thema Abwehrkampf leisten. In der Naturarena von Unternar- rach bei St. Primus im Jauntal rea- lisierten Laiendarsteller in ein- leuchtend-aufwühlenden Szenen die dramatisierte Fassung des Romanes „Pozganica" (Die Brand- alm) von Prezihov Voranc. Damit hatten sie weit genug weg- und zurückgegriffen. Der Altkärntner aus dem Mießtal, der seine Betrach- tungen zum Abwehrkampf in der Rossauer-Kaserne schrieb (Zeug- nis des Zensors: „Ein unpolitischer Text"), konzentrierte sich weniger auf die Gegensätze zwischen Deut- schen und Slowenen als auf die unterschiedlichen Interessen von Großbauern und Arbeitern.

Nicht nur des Schönwetters wegen spielte man die „Pozganica" im Juli, auch der Einfachheit hal- ber. Denn genügend zeitlicher Abstand zum 10. Oktober vermei- det (nötige) Diskussionen. Schließ- lich wollte der Slowenische Kul- turverband nur einen Akzent set- zen, eine Anregung geben.

Das wollte auch der Kulturring Völkermarkt. Hätte die kreative Runde bloß den großen Bären ange- rufen und nicht den Stadtsenat. Der billigte nämlich weder die Einbin- dung der slowenischen Bank als Veranstaltungsort, noch Slowenen in der Burg (obwohl kurz zuvor sogar das absurde Auftrittsverbot für slowenische Chöre aufgehoben worden war). Zukunftsorientierte Vorträge zum Thema „70 Jahre danach" schienen den Stadtvätern überhaupt zu brenzlig, selbst der Glassturz Alpen-Adria konnte die - Abstand halten! - für Juni termi- nisierte Veranstaltung nicht retten. Die „Europastadt" Völkermarkt zog sich auf den Titel „Abstim- mungsstadt" zurück. Man stimmte ab und der Kulturring warf sein (ohnehin bereits skelettiertes) Pro- gramm hin.

Auch in der Klagenfurter Burg herrscht unaufdringliche Ruhe. Da die Kulturabteilung des Landes bislang im Kärntner Oktober kaum aufmuckte, wundert die stumme Haltung zum Jubiläumsjahr nicht weiter. Dafür erinnerte sich das Präsidium des (auf eigenen Wunsch vom Landesdienst beurlaubten) Organisationstalentes Alfred Me- schnigg. Der promovierte Theater- wissenschafter und Leiter der Stu- diobühne Villach managt für An- fang Oktober ein Alpen-Adria-Ju- gendforum im Villacher Kon- greßhaus. Aus Karlsruhe und per Telefon. „Eine Jugend-, keine Kul- turveranstaltung" stellt ein Insider mit Nachdruck fest.

Eine Lösung besonderer Art fand man in Klagenfurt: „Das offizielle Klagenfurt, vertreten durch Bür- germeister Guggenberger und das offizielle Kärnten, vertreten durch den Landeshauptmann Jörg Hai- der haben ein gemeinsames Pro- gramm für die Landeshauptstadt erarbeitet. Das Kulturamt wurde dazu weder eingeladen noch kon- taktiert", reagiert Kulturstadtrat Siegbert Metelko zugeknöpft. Die Stadt ist somit auch nicht Gastge- berin einer prominent besetzten Al- tematiweranstaltung (Diskussion, Kabarett, Vorträge) am und zum 10. Oktober im ÖGB-Festsaal.

Die Aufgabe, ein heißes Eisen anzupacken, fiel einmal mehr der Universität zu: „Alte Nationalis- men - neues Europa" ist der Titel eines mit den Partneruniversitäten veranstalteten Symposions, bei dem folglich auch andere als Kärntner Standpunkte klargelegt werden.

Seine Erfahrungen mit Kärntner Standpunkten machte Dieter Kauf- mann. Gemeinsam mit dem Ex- Studiobühnen-Chef Bruno Czeit- schner hatte der Komponist ein Projekt ins Auge gefaßt, das ihm Schwierigkeiten bringen mußte: Ein Heimatstück aus Kärnten des Vil- lachers Albert Tisal. Titel „Tanzca- fe Lerch".

Eine Aufführung bei der „Früh- jahrskollektion" des UNIKUM (Universitätskulturzentum) schei- terte zwar am Geld. Doch da hatten sich Kaufmann und Czeitschner bereits in das Thema verbissen: „Während unserer Arbeit erkann- ten wir die Notwendigkeit, dieses Stück gerade heuer und nach Mög- lichkeit zum 10. Oktober herauszu- bringen."

Albert Tisal wurde durch die in die NS-Vernichtungsmaschinerie integrierte Aktion Reinhard, in deren Rahmen über 1,5 Millionen Menschen ermordet wurden, zu seinem Drama angeregt. Tisals - in einer Anmerkung zum Stück ange- führten - Nachforschungen zufol- ge, stand diese Aktion unter dem Befehl und der Verwaltung des Kärntners Odilo Lothar Globocnik. Der Klagenfurter Kaffeehausbesit- zer Emst Lerch sei dessen rechte Hand gewesen. Der Prozeß gegen Ernst Lerch wurde vom Landesge- richt Klagenfurt am 11. Mai 1976 eingestellt. Am meisten erschütter- te Tisal, daß die Kameradschafts- abende der SS in Lublin, wo tags- über im Akkord Menschen umge- bracht wurden, offenbar besonders gerne mit Kärntnerliedern ver- brämt worden seien.

Diese Kärnten-Bezüge sollten sich als Handikap herausstellen. Vorerst blieb das Duo Czeitschner/ Kaufmann auf seiner Bearbeitung sitzen: „Alles, was wir vom Land Kärnten gebraucht hätten, wären ein Saal und zehn Männer gewe- sen! " Mit einer Einschränkung: In Klagenfurt sollte es sein. Denn - so Kaufmann - „Es soll ja ein Ärgernis werden und das geht nur hier. Es geht auch gar nicht um eine be- stimmte Person, sondern um die Frage, was ganz normale, freundli- che Menschen dazu bringen kann, unmenschlich zu handeln."

Ärger hatte in der Folge aller- dings nur Kaufmann selbst. Er begegnete der Kärntner Realität und dem Stadttheater-Intendanten Herbert Wochinz. Zunächst scheint einem Gastspiel im Georg-Bucher- Studio nichts im Wege zu stehen, dann erhält Kaufmann einen Brief von Verwaltungsdirektor Plessin: „... kann ich Ihnen derzeit als Zwischenbescheid mitteilen, daß wir vorerst die Planung unserer Studiotermine erarbeiten müssen." Dem Zwischenbescheid folgt kein zweites Schreiben.

Auch das Kulturamt Klagenfurt kapituliert. Kaufmann versteht: Schließlich ist die Familie des Ca- fötiers in Klagenfurt sehr angese- hen, der Sohn Gemeinderat.

Dieter Kaufmann stellt sein Konzept um. Bruno Czeitschner, der Ernst Lerch spielen sollte, zeigt in einer Weise Rückgrat, die alles in Frage stellt - er fällt wegen eines Bandscheibenvorfalls aus. Damitist auch sein Partner Dietmar Pickl (vorgesehen als Globocnik) nicht mehr zu halten - Pickl engagiert sich nun beim Uni-Symposion und ist dort einer der Moderatoren des Workshops „Inszenierungen und politische Symbolik".

Die nächste Hürde: Im Land der Sänger sind keine zehn Männer aufzutreiben, die in dem Stück wie vorgesehen als Doppelquintett Kärntnerlieder singen.

Fazit: Es entsteht eine „K & K"- Produktion: Mit dem Filmemacher und Aktionisten Klaus Karlbauer konzipiert Kaufmann eine Multi- Media-Performance. Er entdeckt, daß er die Stimme seiner Frau, der Schauspielerin Gunda König, digi- tal bis zur Unkenntlichkeit verän- dern kann.

Nun decken drei Frauen, eine Schauspielerin (Gunda König), eine Tänzerin (Michaela Stankovsky) und ein Model (Roswitha Schrei- ner) alle Rollen ab, wesentliche Teile werden als inszeniertes Hörspiel gestaltet, eine Filmzuspielung (Klaus Karlbauer) aus dem Lager Risiera di San Sabba bei Triest dient auch als Bühnenbild.

Der nächste Vorstoß entwickelt sich verheißungsvoll. Kaufmann/ Karlbauer peilen die Messehalle 5 an: „Die kann man schließlich auch für eine Rasenmäherausstellung mieten." Bei „Multi-Media-Perfor- mance" horchen die Manager einer Elektronicfachmesse auf. Als der Name „Tanzcafe Lerch" fällt, ist auch die Begeisterung dahin. (De- tail am Rande: Lerch jun. sitzt im Messe-Auf sichtsrat. „Aber der weiß von uns wahrscheinlich gar nichts ", vermutet Kaufmann.) Entmutigt sehen die Produzenten davon ab, es beim Schlachthof Klagenfurt oder bei der Flughafenverwaltung zu versuchen.

„Das war am schlimmsten für uns: Ohne das Stück je gelesen zu ha- ben, zogen alle Gesprächspartner sofort den Kopf ein, wenn man den Namen Lerch nannte", faßt Kauf- mann seine Erfahrungen zusam- men.

Doch auch „K & K" waren stur: Das Stück wird in Klagenfurt zu sehen sein. Als „Multi-Media-Per- formance" in den Tagen nach den großen Festumzügen zum 10. Okto- ber. Dieter Kaufmann hat sich alles schriftlich bestätigen lassen - den Veranstaltungsraum und den Poli- zeischutz. Seine Hoffnung: „Esmuß doch möglich sein, einige Dinge beim Namen zu nennen."

Um das Schweigen zu brechen, bekam Albert Tisals Stück auch einen neuen, für die Odysee vor der Aufführung sehr bezeichnenden Titel: „Still ist das Land!"

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