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Jandl über die Lyrik

Mit Ernst Jandl wurde kürzlich einer der hervorragendsten Vertreter experimenteller Poesie, vor allem des Sprech- und Lautgedichts, in Rečiams Universalbibliothek aufgenommen, und zwar mit seinem Gedichtband „Laut und Luise“. Gleichzeitig legt der Luchterhand-Verlag eine Sammlung von Vorträgen Ernst Jandls unter dem doppelsinnigen Titel „Die schöne Kunst des Schreibens“ vor. Hier gibt der Autor einen Grundkurs zum Verständnis seiner Gedichte und einer bestimmten Art von experimenteller Literatur insgesamt. In drei Vorträgen, gehalten vor Germanistikstudenten in Wien, eröffnet er in bester mäeutischer Methode, Schritt für Schritt, immer ganz nah an seinen eigenen Texten, die Räume der sprachbewußten zeitgenössischen Poesie. Er nimmt auch als Interpret jene Haltung der „gründlichen Simplizität“ ein, die er für sich als Autor fordert.

In der „Schönen Kunst des Schreibens“ wird weder gegen die traditionelle metaphorische Poesie polemisiert noch die avantgardistische Tradition beschworen. Jandl steckt vorsichtig und für den Leser gut nachvollziehbar, seinen eigenen poetischen Bereich ab. Wo ihm die Argumentation unversehens zu sehr in die Nähe eines Programms gerät, zieht er sich gleich wieder zurück und weicht einer Motivation für sein Schreiben aus, etwa mit dem tautologischen, aber offenen Satz „ich schreibe, weil ich schreibe“. Trotzdem wird so etwas wie ein Programm sichtbar. In seiner Unterscheidung von vier Gedichtarten (Gedicht in Alltagssprache, Sprechgedicht, Lautgedicht, visuelles Gedicht) weist Jandl dem von der gewohnten Sprachnorm relativ autonomen Gedicht die wesentlichste Rolle zu, das Gedicht jenseits der Sprachnorm repräsentiert für ihn als einziges den utopischen und umstürzlerischen Aspekt der Literatur. Die heutigen ex- perimentiellen Gedichte sind für Ernst Jandl die Vorhut einer künftigen allgemeinen Sprachentwicklung.

Trotzdem vermeidet er es, auch für seine eigene Produktion eine gerade Linie im Sinne des Fortschritts zu konstruieren, etwa vom schlechten konventionellen zum guten experi- mentiellen Gedicht, er verteilt keine Zensuren und spricht _ überraschenderweise sogar vom Thema des Gedichts und der beschränkten Anzahl von Themen in der Literatur überhaupt, um dann sacht zu dem für ihn wichtigsten Aspekt der neueren Lyrik überzuleiten, dem des „Gemachten“ und der Sprachbezogenheit Wie es etwa zur Erfindung der Schrift nötig war, mit der Gewöhnung an die Einheit der gesprochenen Sprache zu brechen und die wiederkehrenden Elemente der Rede, nämlich Wörter und Laute, als Einheiten zu isolieren und in dauerhaftem Material zu fixieren, so muß sich die Poesie, soll sie nicht erstarren, auf den Materialaspekt der Sprache zurückbesinnen, um Neues an ihr zu entdecken, das heißt im Wortsinn: etwas mit ihr „anfangen zu können; also Störung des selbstverständlichen Gebrauchs der Sprache, oder wie Jandl sagt: „Gewöhnung muß aufhören, wo Poesie beginnen soll.“ So erklärt er auch seine Techniken der Verballhornung von Wörtern, der kalkulierten Wiederholung des gleichen oder der Minimalvariation.

Ernst Jandls Buch „Die schöne

Kunst des Schreibens“ könnte in vorbildlicher Weise dazu beitragen, in der Lehrerschaft und bei einem Publikum, das der experimentellen Dichtung aus Gewohnheitsgründen skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, das Interesse an dieser spezifischen Art zeitgenössischer Literatur, wenn nicht gar die Liebe zu ihr, zu wecken.

DIE SCHONE KUNST DES SCHREIBENS von Emst Jandl Luchterhand-Verlag, Darmstadt, 88 Seiten, öS 107.80J

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