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Jede Machtstellung verpflichtet

1945 1960 1980 2000 2020

Unüberschaubar sind die Verflechtungen in unserer Gesellschaft. So mancher versteckt sich hinter den anonymen Strukturen. Aber verantwortlich bleibt stets der Mensch.

1945 1960 1980 2000 2020

Unüberschaubar sind die Verflechtungen in unserer Gesellschaft. So mancher versteckt sich hinter den anonymen Strukturen. Aber verantwortlich bleibt stets der Mensch.

Vor gut 30 Jahren meinte Romano Guardini: Er sehe ein schwieriges Problem heraufkommen für die künftige Zeit: die immer größer werdende Macht. Und er fragte sich damals, ob es dann immer genug Weisheit und Geschick geben werde, die sich ausweitende Macht, die Machtkonzentration, im Dienst der Gerechtigkeit und des Friedens zu kontrollieren.

Heute, 30 Jahre später, erleben wir, wie durch den ungeheuren Fortschritt der Technik und des Wissens den Menschen immer mehr Macht in die Hand gelegt wird. Diese Macht bedroht nicht nur den Frieden und die Gerechtigkeit, sie bedroht die ganze Existenz des Menschengeschlechts.

Wir haben Angst vor dieser Macht — Angst, weil der Mensch zum ersten Mal in der Geschichte die Macht hat, seine von Gott an-

vertraute Welt zu zerstören. Viele fragen sich voll Sorge, ob mit dem Wachstum des Wissens und der damit verbundenen Macht auch die Gewissen geschärft worden sind.

Die Menschen haben Angst, weil sie täglich — im kleinen wie im großen — erleben, wie sehr Macht auch zu ihrem Mißbrauch verleiten kann.

Ich denke an die Ausgebeuteten und Heimatlosen, an die Unterdrückten und Ohnmächtigen im kleinen wie im großen. Solches gibt es nicht nur in der Dritten Welt, das gibt es auch bei uns. Vom ersten Augenblick seiner Existenz an ist der Mensch von Macht bedroht. Schmerzlich erleben wir gerade auch hier bei uns in Osterreich, wie das ungeborene Kind keinen Schutz mehr genießt, obwohl der Schutz des Lebens von der Empfängnis an einer der zentralen Werte sein müßte.

Macht und Gewalt begegnen uns in vielfältiger Form: Frauen werden geschlagen, Kinder mißhandelt, Abhängige werden in Angst und Furcht gehalten. Solche Not, solche Ohnmacht ist eine Herausforderung an alle, die verantwortlich mit der Macht umgehen; es ist eine Herausforderung an alle Christen, alles zu tun, um verletzte Menschenwürde wieder herzustellen. Kein Wunder daher, daß Macht von vornherein in den Augen vieler verdächtig ist.

Aber aus Mißbrauch der Macht und Korruption folgt noch nicht, daß jede Macht gefährlich ist. Auch die Verteufelung der Macht ist keine Lösung. Sie kann leicht zur Tarnung, zu anonymen Machtstrukturen führen mit größeren Gefahren des Mißbrauchs. Macht ist nicht in sich böse. Auch die uns umgebende Schöpfung kündet von der Macht Gottes.

Nicht jede Macht schafft Abhängige und Unterwürfige. Wir kennen die Macht des Wortes und des Geistes, wir kennen aber auch die Macht der Liebe. Denn „nichts ist mächtiger als die Güte“. Macht gehört zum menschlichen Leben und Zusammenleben.

Wer Macht hat, um damit dem Wohl der anderen zu dienen, der soll sie in guter und segensreicher Weise ausüben. Nicht die Abschaffung der Macht wird die Welt verbessern, sondern ihr rechtes Verständnis und vor allem ihr gewissenhafter Gebrauch sind entscheidend.

Je mehr Macht als Führung erfahren wird, als Vorbild in Selbst-

losigkeit, um so mehr kann sie zum Segen für andere werden. Macht und Autorität sind notwendig, um Gerechtigkeit und Ordnung zu schützen, dem Unrecht zu wehren, den Schwachen und Schutzlosen zu helfen, dem allgemeinen Wohl und dem Frieden der Menschen zu dienen.

Jede Macht hat Grenzen durch den Dienst am Menschen und an seiner Würde. Das gilt für die Familie und den Betrieb, gilt aber im gleichen Ausmaß auch für die verschiedenen Ebenen der politischen Machtausübung — von der Gemeindestube über die nationalen Parlamente und Regierungen bis hin zu den internationalen Zusammenschlüssen verschiedener Art.

Die Macht der Politik ist heute ebenso wie die Macht der Wissenschaft sehr in Mißkredit geraten. Viele Menschen mißtrauen den Machthaberh des öffentlichen Lebens; gegen die Politiker richtet sich der Verdacht, ja das Vorurteil, daß sie nicht dem Gemeinwohl, sondern ausschließlich persönlichen Gruppeninteressen dienen wollen.

Tatsächlich haben wir in jüngster Zeit weltweit, aber auch in unserer Heimat, viele Fälle des Mißbrauchs der in Politikerhand gelegten Macht erlebt. Aber als Christen müssen wir uns davor hüten, gängigen Vorurteilen nachzulaufen. Unter den Politikern und Mandataren in unserem demokratischen Gemeinwesen sind auch sehr viele, die sich mit ihrer ganzen Kraft für die Allgemeinheit einsetzen wollen, die ihre Macht verantwortungsbewußt gebrauchen.

Auch im Bereich der Politik und des öffentlichen Lebens ist uns Christen eine nüchterne Betrachtungsweise aufgetragen: Auch

,,. . . notwendig, die Anonymität zu durchringen, die Verantwortlichen zu erkennen . . .“

der Nichtgebrauch der Macht, die Unfähigkeit, seine ordnende Autorität und Macht zum Wohle für andere einzusetzen, kann ähnlich schlechte Folgen haben wie der Mißbrauch der Macht. So zerfällt etwa die Familie, wenn die Eltern ihre Autorität, ihre recht verstandene Macht, nicht ausüben, nicht einsetzen, wo es notwendig ist.

Anonyme Institutionen hab*n einen wachsenden Einfluß und daher eine wachsende Macht. Von wem hängt das ab? Es sind immer Menschen, Manager, die sich solcher Machtapparate bedienen. Man spricht von Eigengesetzlichkeit, Eigendynamik, von komplizierten wirtschaftlichen und rechtlichen Strukturen auf nationaler und internationaler Ebene. Gerade deswegen ist es notwendig, die Anonymität zu durchdringen, die letztlich persönlich Verantwortlichen zu erkennen. Es gibt auch hier keine Macht ohne Verantwortung.

Der einzelne steht ohne Zweifel in unserer immer stärker verflochtenen und durchorganisierten Gesellschaft unter dem Druck anonymer Kräfte. Auch hinter dem Politiker im Rampenlicht steht ein Machtapparat, der ihm Informationen liefert, ihm bei der Bewältigung seiner Aufgaben hilft.

Der einzelne Politiker, der einzelne Wissenschaftler, der einzelne Manager in der Wirtschaft steht in einem Geflecht von Zwängen, die ihm bei der Verwirklichung seiner persönlichen Verantwortung oft hinderlich sind.

Die Medien sind mitverantwortlich für die Bildung der öffentlichen Meinung. Sie liefern die notwendigen Informationen auf allen Gebieten des Lebens, für Beruf, Freizeit und Familie. Sie haben ihre Kontrollfunktion nach bestem Wissen und Gewissen auszuüben. Das alles wissen wir zu schätzen.

Die steigende Macht der Medien bedeutet aber auch steigende Verantwortung. Ebenso wie in der Politik kann auch im Bereich der Medien die Macht zur besonderen Versuchung werden.

Wie es in der Politik Mißbrauch gibt, so kann es auch im Medienbereich geschehen, daß die ethische Wertordnung untergraben, die menschliche Würde mißachtet wird; es kann geschehen, daß Mißtrauen gesät wird, ja, daß man primitive Instinkte weckt, um Einfluß und Geld zu gewinnen. Man hofft auf die Selbstreinigungskraft der Medien, wenn solche Entwicklungen eintreten. Wir müssen aber die guten Kräfte der Medien auch unterstützen, müssen um den guten Gebrauch dieser Macht und ihres Einflusses ringen.

Auch in diesem Bereich geht es schließlich um unsere demokrati-

,,... es geht um eine letzte Wertordnung, deren Störung nur Chaos hinterläßt ...“

sehe Freiheitsordnung. Das gilt für Christen und Nichtchristen, Glaubende und Nichtglaubende. Es geht im Bereich der Medien ebenso wie in der Wirtschaft und der Kultur nicht um christliche Maßstäbe, sondern um ein gemeinsames ethisches, noch tragendes moralisches Element.

Es geht um eine letzte Wertordnung, deren Störung nur Chaos hinterläßt. Es geht um jene Freiheit, die ihre Grenzen hat in der Freiheit des anderen. Eine Freiheit ohne Grenzen gibt es nicht.

Ethische Appelle allein lösen die Frage des Machtmißbrauches nicht. Es geht daher auch um die Verteilung der Macht, ihre Dezentralisierung. In der Demokratie gibt es den legitimen Machtwechsel. Er setzt die Bereitschaft voraus, Macht an andere abzugeben. Dabei geht es auch um die Uberwindung der Angst vor Machtverlust.

All das ist nur möglich bei einem Klima des Vertrauens. Dieses Vertrauen müssen wir mit allen Kräften aufbauen, nicht durch Säen von ständigem Mißtrauen zerstören — auch deswegen, weil eine Demokratie von diesem Vertrauen lebt.

Jeder Christ weiß um die Begrenzung seiner Macht, seines Herrschaftsanspruches. Er weiß nämlich, daß die Macht ihm von oben gegeben ist.

Auszug aus der Predigt des Kardinals am Freitag, dem 14. Februar, im Stephansdom

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