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Jenseits aller Hypothesen

Auf dem Weg zum Flughafen bin ich vorgestern mit meiner Familie an der Raffinerie Schwe-chat vorbeigefahren. Mein Sohn war sehr beeindruckt von dem riesigen Industriekomplex. Was das sei, wollte er wissen. Wir erklärten es ihm mit dem Hinweis, solche Anlagen seien sicher die kompliziertesten Gebilde, die menschlicher Geist entwickelt hat.

Beim Weiterfahren gingen meine Gedanken weiter: Niemand käme wohl auf die Idee, so eine

Anlage als Ergebnis langandauernder Zufallsveränderungen anzusehen: durch Zufall Rohr an Rohr, Schweißnaht an Biegungen, Schrauben an den richtigen Stellen. Obwohl es jahrtausendealte Funde von Metallwerkzeugen gibt, würde niemand versuchen, diese als Vorfahren der Raffinerie Schwechat auszugeben. Vielmehr dienen uns solche Funde als Hinweis auf den schöpferischen Geist des Menschen, der sie geformt hat.

Bei der Betrachtung des Menschen, einem unvergleichlich vielfältigeren und leistungsfähigeren Gebilde, da gehen wir aber anders vor: Hier geben wir uns neuerdings mit der Erklärung zufrieden, er sei das Ergebnis eines langwährenden Zufallsprozesses mit Namen Evolution.

Es fehlt mir hier der Raum, die vielen Hinweise anzuführen, die das Weltbild der Evolution als ein mittlerweile äußerst unwahrscheinliches Denkmodell erkennen lassen. Nur eines sei angemerkt: In vielen Abhandlungen, die auf dem Boden der Evolutionstheorie stehen, wird die „Evolution“ personalisiert, also wie ein denkendes und handelndes Wesen behandelt — und damit unausgesprochen vergöttlicht.

Hier sind wir am Kern der Debatte um das heutige Menschenbild angelangt: die Evolution als entgöttlichter Gott, ein Denkmodell, das viele dazu verleitet hat, die „Hypothese“ Gott in die Ecke zu stellen.

Dem Menschen schien eine neue Freiheit zuteil zu werden, eine Freiheit von Gott, dem bestenfalls noch eine Aufgabe als Urknall-Auslöser zukam. Leider hat diese Sicht der Welt das Verantwortungsgefühl des Menschen dem ebenfalls „zufällig entstandenen Lebensraum“ gegenüber nicht erhöht. Warum auch? Wem sollte man denn eine Antwort schuldig sein?

Das Ergebnis kennen wir: Umweltzerstörung, wohin das Auge reicht. Zu Recht sind auch alle ernsthaft bemühten Evolutionstheoretiker darüber besorgt. Wäre es da nicht an der Zeit zu fragen, ob das moderne Menschen- und Weltbild nicht im Ansatz falsch ist?

Diese Frage zu stellen, heißt nicht, den wissenschaftlichen Befund vom zeitlich gestaffelten Auftreten immer höherer Formen von Lebewesen anzuzweifeln. Es geht allein darum, die Einsichtsfähigkeit der Wissenschaft zu relativieren. Trotz ihrer unleugbaren Großtaten eröffnet sie nämlich einen Blick nur auf Ausschnitte der Wirklichkeit.

Das liegt schon in ihrer Methode: „Miß, was meßbar ist, und das, was nicht meßbar ist, mach meßbar!“, war die Parole, die Galilei der modernen Wissenschaft auf den Weg mitgegeben hat. Mit diesem Zugang wurde eine Fülle von Einsichten erschlossen, die aber alle eines gemeinsam haben: Sie setzen am Allgemeinen, Vergleichbaren, Wiederholbaren von Vorgängen und Geschöpfen an.

Ausgeblendet wird alles Besondere, Einmalige. Oder es wird in das Korsett von Zahlen gezwängt — und damit vergewaltigt: Ausgeklügelte Fragebogen können nicht wirklich meinen Gemütszustand, IQ-Messungen nicht wirklich meine intellektuellen Fähigkeiten, Blutdruck, Gehirnströme und Cholesterinspiegel nicht wirklich meinen Gesundheitszustand erfassen — so wertvoll solche Meßergebnisse im Einzelfall auch sein mögen.

Gibt es aber einen Zugang zu dem Besonderen, das jedes Geschöpf auch ist? Ja, zweifellos. Jeder von uns kennt ihn und macht täglich von ih „Gebrauch“: Es ist die liebevone Zuwendung, die wir Gegenständen, Geschöpfen und Menschen zuteil werden lassen.

Stimmt es nicht, daß wir die tiefste Glückserfahrung erleben, wenn solche Zuwendung auf das entsprechende Echo trifft, wenn sich uns ein anderer Mensch in seiner Besonderheit zu erkennen gibt, uns in sein Geheimnis eindringen läßt? Und wenn wir uns in unserer eigenen verletzlichen Besonderheit (in unserer Persönlichkeit) von einem anderen wirklich angenommen fühlen?

Sind das nicht jene Lebenserfahrungen, die unser Menschsein noch viel tiefer kennzeichnen als unsere intellektuelle Einsichtsfähigkeit? Wilhelm Busch hat es einmal treffend formuliert, als er schrieb: „Denn die Summe unseres Lebens sind die Stunden, die wir lieben.“

Hier hat die Wissenschaft ebensowenig Zugriff wie bei der Frage nach Gott. Denn er ist ja der Einmalige schlechthin, der ganz andere, der sich unserem Zugriff, nicht aber unserer Erkenntnis entzieht. Ihn können wir nicht ausrechnen, wohl aber können wir aufgrund der Großartigkeit der Schöpfung auf seine Existenz und Größe schließen.

Wer dieser Gott aber ist, das zu erkennen bleibt dem rationalen Kalkül verschlossen. Zwar haben Menschen seit jeher versucht, Modelle des Jenseits zu konzipieren, die Antwort auf die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen geben sollten. Mit diesem Zugang bleibt der Mensch aber letztlich im Bereich der Spekulation.

Den Ausweg weist da allein die einmalige Selbstmitteilung Gottes an den Menschen, die uns jenseits aller Hypothesen unmittelbar an das Geheimnis Gottes heranführt.

Wer diese Offenbarung nur wissenschaftlich abklopft, wird enttäuscht sein. Denn sie eröffnet sich nur den Menschen, die sich ihr liebe- und vertrauensvoll zuwenden. „Kommt alle zu mir, die ihr mühevoll und beladen seid, ich will euch erquicken“, ruft der Mensch gewordene Gott, Jesus Christus, seinen Zeitgenossen und uns heute zu. Diesem Ruf muß man sich aber öffnen. Da gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Garantien. Da geht es um persönliche Entscheidung und Zuwendung, denn der Mensch ist nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und von daher bestimmt.

Wer diesen Schritt auf Jesus hin wagt, erkennt mit Fortdauer der Beziehung zu ihm, daß seine Worte wirklich „Worte ewigen Lebens“ sind, daß seine Botschaft wirklich die Wahrheit über Gott und den Menschen enthält: daß Gott der große Liebende ist, daß wir Menschen nach seinem Wesen geschaffen und daher auf Liebe, Zuwendung, Hingabe ausgerichtet sind.

Und wer sich dann in unserer Welt umsieht, der erkennt, daß es gerade der Mangel an Liebe ist, an dem wir heute zugrunde zu gehen drohen — genaugenommen also an unserer Gottlosigkeit.

Das könnten Christen heute ins Gespräch einbringen. Nicht triumphierend, aber in der Hoffnung, daß die Zeit reif ist, daß gerade ernsthaft fragende Wissenschafter diese Botschaft heute oft besser erkennen als im rationalistischen Taumel früherer Jahrzehnte.

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