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Josef - eine exemplarische Gestalt

„Josef war gerecht..." - Mit diesen Worten stellt uns der Verfasser des Matthäusevangeliums in den Vorgeschichten diese Person vor (Mt l,19),dieimAblaufdes Weihnachtsgeschehens eine bedeutende, aber stille und oft unbemerkte Rolle spielt. Mehr wird über Josef nicht gesagt, lediglich sein Handeln wird in der Folge der Erzählungen über das Werden und die frühe Kindheit Jesu wiederholt charakterisiert.

Dies geschieht dann in stereotyper Weise und ist von bestimmten Aussagemomenten geprägt: Da ist die Rede vom Aufstehen oder Sich-Erheben dieses Mannes, eine biblische Ausdrucksweise für die unmittelbare Bereitschaft, etwas zu tun; des weiteren bezieht sich sein Handeln stets auf Maria und das Kind: „Er nahm das Kind und seine Mutter..." heißt es des öfteren: bei der Flucht nach Ägypten (vergleiche Mt 2,14), bei der Rückkehr von dort (vergleiche Mt 2,21), sinngemäß auch bei der Entscheidung, Maria nicht zu verstoßen, sondern sie zu sich zu nehmen (vergleiche Mt 1,24).

Damit reagiert Josef jeweils auf einen Auftrag Gottes, der ihm durch den „Engel des Herrn im Traum" übermittelt wird. Darin ist die biblische Sprechweise dafür zu erkennen, daß Gott selbst hier handelt. Für Josef ist es charakteristisch, daß er Gottes Auftrag erfüllt, sofort danach handelt, sobald er an ihn ergangen ist -: ein Gerechter also, der nach der Weisung des Herrn lebt bei Tag und bei Nacht. Diese Grundhaltung des Gerecht-Seins wird in der jüdischen Frömmigkeitsliteratur mehrfach bedacht und besungen (vergleiche zum Beispiel Ps 1). Für den Evangelisten ist Josef gleichsam eine exemplarische Gestalt für das, was er unter gerecht versteht: Gott teilt ihm eine Aufgabe zu, und Josef handelt danach, er erfüllt diesen Auftrag.

Anders als in der literarischen Komposition der Vorgeschichten des Lukas, in denen die Gestalt Marias stärker hervortritt, ist für den Verfasser des Matthäusevangeliums Josef die maßgebliche, das Werden Jesu begleitende Person. Er steht am Beginn einer Ehe mit Maria. Im Stammbaum eingangs des Matthäusevangeliums wird er ausdrücklich als „der Mann Marias" bezeichnet (vergleiche Mt 1,16). Die gängige Übersetzung, die von einer „Verlobung" zwischen Maria und Josef spricht (vergleiche Mt 1,18, so auch Lk 1,27), übersieht, daß die Verbindlichkeit der damit umschriebenen Beziehung weit größer war als dies bei der heutigen Bedeutung dieses Begriffs zum Ausdruck kommt:

Die Eheschließung erfolgte im Judentum der damaligen Zeit in zwei Schritten. Mit dem Abschluß des Brautvertrages galten Mann und Frau als verheiratet. Dies hatte alle rechtlichen Konsequenzen: Im Falle des Todes des Mannes war die Frau erbberechtigt, und sie hatte Anspruch auf den Vollzug der Leviratsehe. Zugleich waren die Eheleute zu gegenseitiger Treue verpflichtet. Da der Brautvertrag jedoch unter der als selbstverständ-• lieh vorausgesetzten Annahme geschlossen wurde, daß die Braut unberührt war, blieb diese weiterhin im Elternhaus wohnen. Erst nach neun bis zwölf Monaten erfolgte die feierliche Heimführung der jungen Ehefrau, die am ehesten mit unserem heutigen Verständnis von Hochzeit zu vergleichen ist und die als großes Fest gefeiert wurde.

In diese Zeitspanne zwischen dem Abschluß des Ehevertrages und der Heimführung der Braut erzählt der Verfasser des Matthäusevangeliums als erste Geschichte nach dem Stammbaum (vergleiche Mt 1,18: „... noch bevor sie zusammengekommen waren.") über die Geburt Jesu. In dieser Phase der Beziehung zwischen Maria und Josef greift nach der Deutung des Evangelisten Gott ein. Er handelt, neues Leben schaffend, an Maria - wie der Hinweis auf den Geist Gottes erläutert (vergleiche Mt 1,18) -, und er deutet für Josef das Geschehene, um ihn vor der einzig möglichen Konsequenz zu bewahren: der Ausstellung des Scheidebriefs - will er Maria nicht der Gerichtsbehörde ausliefern oder selbst aufgrund der Kindeserwartung seiner noch nicht heimgeführten Ehefrau ins Gerede kommen.

Aber es wäre falsch zu meinen, in dem sich nunmehr anbahnenden Geschehen sei Josef vollends an den Rand gerückt. Ausdrücklich wird ihm der Auftrag der Namensnennung des Kindes übergeben: „Sie (Maria) wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben..." (Mt 1,21). Die Gabe des Namens galt im Orient und auch im Judentum als Aufgabe und Recht des Vaters. Jesus galt als der Sohn des Josef (vergleiche Mt 13,55, deutlicher Lk 4,22; Joh 6,42). Für die Geschlechterfolge und die ausdrückliche Rückbindung an das Haus Davids ist dies bedeutsam. So führt ja auch der matthäische Stammbaum Jesu über Abraham und David direkt auf Josef, wobei er freilich an dieser Stelle sodann einen bedeutsamen Knick macht und auf Maria hinlenkt: Eine unmittelbare Vaterschaft will ja vom Evangelisten nicht ausgesagt werden, die väterliche Verantwortung nach jüdischem Gesetz jedoch sehr wohl; sie kommt in der Sorge für ' Mutter und Kind deutlich zum Ausdruck, wie sie in den folgenden Erzählungen sodann dargelegt wird.

Soweit die Deutung des ersten Evangelisten. .Andere Angaben in den neutestamentlichen Schriften vermögen den hier gewonnenen Eindruck und die Konturen der Person zu bestärken. Auch Lukas hebt die davidische Abstammung Josefs hervor (vergleiche Lk 1,27); sie ist der Grund des Weges nach Betlehem in der Zeit der Geburt Jesu (vergleiche Lk 2,4). Daß das Ehepaar gläubig und in diesem Sinne gerecht war, zeigt sich im Handeln nach der Vorschrift des Mose nach der Geburt Jesu: Im Tempel bringen sie die vorgeschriebenen Reinigungsopfer dar (vergleiche Lk 2,21-39).

Die Episode vom zwölfjährigen Knaben im Tempel verdeutlicht die menschliche Mühe, die Josef und Maria mit der inneren Weite und geistig/geistlichen «Dimension des Knaben Jesus haben (vergleiche Lk 2,41-52); dies wird allerdings schon in der Geburtserzählung des Lukas erkennbar: Sie staunen über das, was die Hirten aufgrund der an sie ergangenen Botschaft Gottes über dieses Kind erzählen Vergleiche Lk 2,18). In der Begegnung mit Maria, Josef und dem Kind in der Krippe erkennen die Hirten das ihnen gegebene Zeichen (vergleiche Lk 2,16).

Nach den Geschichten um das Werden Jesu verschwindet Josef von der Bildfläche der biblischen

Schriften. Nur im Blick auf seinen Beruf können wir aus Bemerkungen an späteren Stellen in den Evangelien noch einen Mosaikstein zum bruchstückhaften Bild hinzufügen: Jesus wird als „Sohn des Zimmermanns" bezeichnet (Mt 13,55). Dies ist vermutlich der Grund dafür, daß er selbst als Zimmermann angesehen wird (so Mk 6,2). Andere Angaben werden auf der literarischen Ebene der Evangelien nicht überliefert.

Soweit also der biblische Befund. Nur schwerlich können wir historisch tiefer gehen. Vor einer unmittelbaren Gleichsetzung ist grundsätzlich zu warnen, und das gilt auch und besonders für die angesprochenen Texte und die darin eingeflochtenen theologischen Deutungsversuche jenes letztlich unaussprechlichen Geschehens, daß Gottes Sohn in diese Welt'eintritt. Umgekehrt wäre es auch in diesem Zusammenhang einseitig, den biblischen Aussagen die geschichtliche Fundierung gänzlich abzusprechen.

Für die Person des Josef bedeutet dies: Ohne Zweifel war er der Ehemann Marias und hatte als Broterwerb den handwerklichen Beruf des Zimmermanns ausgeübt. Damit gehörte er im damaligen sozialen Gefüge zum breiten Mittelstand. Sein und seiner Familie Zuhause war in Nazaret, wie aus den genannten Bibeltexten mehrfach hervorgeht. Den Zeitpunkt der Ansiedlung in diesem Ort können wir nicht mehr bestimmen. Über den Fortgang und Bestand der Ehe zwischen Maria und Josef wissen wir nichts. Die kontroversiellen Texte über die Geschwister Jesu mahnen hier ebenso zur Vorsicht wie die wiederholte Benennung Marias und Josefs als Eltern des Kindes (vergleiche besonders Lk 2). Auch das Schweigen der Evangelisten ist zu respektieren.

Erst die späteren apokryphen Schriften, die ab dem 2. Jahrhundert entstanden sind, wissen mehr über die Persönlichkeit des Josef. Neben der Liebe zum Detail stehen dabei auch theologische Interessen im Hintergrund - sei es, daß Josef zum älteren Witwer, sei es, daß er generell zum älteren Mann gemacht wird, von dem man einen baldigen Tod erzählt. Ob die Weihnachtsgeschichte (Lk 2,1-20) die Grundlage für die Zuordnung der Familie zu Flüchtlingsgruppen bilden kann, ist zu bezweifeln, habendoch die Aussagen über die Ausgewiesenheit aus der Herberge vornehmlich christo-logischen Charakter (vergleiche Lk 2,7, dazu Mt 2,3 und Joh 1,10-11).

Solche erweiternde Tendenzen sollten deutlich von der Zurückhaltung in den biblischen Schriften abgehoben werden. Denn diese lehrt uns, auch im Bedenken des Weihnachtsfestes aus der Perspektive dieses Mannes, uns mit dem zu begnügen, was die Evangelisten für bedeutungsvoll erachtet haben und uns demnach überlieferten:

Im Blick auf die Gestalt des Josef sind dies eben nicht biographische Einzelheiten, sondern ist dies be-sonders die Darstellung*der Aufgabe, die er angesichts des Werdens Jesu und darüber hinaus für Jesus in seinem Heranwachsen einzunehmen hatte. Er steht der Mutter Jesu zur Seite; seine Berufung ist es, Jesu Leben zu gewährleisten, auch die Grundlagen dafür zu beschaffen und zu erhalten. Er gilt als Jesu irdischer Vater und nimmt diese Verantwortung wahr.

Was und ob er Besonderes begriffen und erlebt hat angesichts der Geburt Jesu, sagen uns die Evangelisten nicht. Sie deuten rückblik-kend aus ihrer nachösterlichen Glaubensperspektive und verkünden: Hier war Gott am Werk. Dieser Gott hat Josef dazugestellt zum Weihnachtsgeschehen, und die Evangelisten deuten weiter: Er ist einer, der sich auf Gottes Handeln eingelassen hat und darauf sein Leben ausrichtet; dafür genügt ihm der Platz im Schatten des Geschehens. Von seinem eigenen Willen, auch von seinen Vorstellungen ist in den biblischen Texten nicht die Rede...

Betrachten wir das Weihnachtsgeschehen aus dem Blickwinkel dieses Mannes, dann bleiben wohl auch für ihn Ungereimtheiten, Fragen und Staunen. All dem stellt Josef seinen Glauben, sein Vertrauen und seine Handlungsbereitschaft gegenüber. Er steht auf und handelt, und deswegen ist er gerecht. Was ihn für uns zu einem Leitbild machen kann, ist weder seine Vaterfunktion noch seine Beziehung zu Maria. Beides entzieht sich im einzelnen unserer Kenntnis und damit weitgehend unserem Verstehen. Es ist seine Bereitschaft, auf den sprechenden Gott zu hören und dann zu tun, wie er gesagt hat.

Der Autor, Professor für Neutestamentliche Bibel Wissenschaft, ist derzeit Rektor der Theologischen Fakultät Luzern.

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