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Josef Stalin, die und das Ende des

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Anfang 1945 ließ im Westen der deutsche Widerstand rasch nach, im Osten dagegen gaben sich die Deutschen keineswegs geschlagen. Dieser Kriegsverlauf - in Verbindung mit undurchsichtigen Informationen - ließ bei der obersten sowjetischen Heeresleitung den Verdacht eines Separatfriedens zwischen Westalliierten und Deutschen aufkommen. Die Furcht vor einer dramatischen Wende bestimmte das Verhalten Stalins.

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Anfang 1945 ließ im Westen der deutsche Widerstand rasch nach, im Osten dagegen gaben sich die Deutschen keineswegs geschlagen. Dieser Kriegsverlauf - in Verbindung mit undurchsichtigen Informationen - ließ bei der obersten sowjetischen Heeresleitung den Verdacht eines Separatfriedens zwischen Westalliierten und Deutschen aufkommen. Die Furcht vor einer dramatischen Wende bestimmte das Verhalten Stalins.

Die große Winteroffensive der Roten Armee, die sich Mitte Jänner 1945 auf einer Frontbreite von 700 Kilometern von der Memel bis zu den Karpaten entfaltete, rollte unaufhaltsam in westlicher Richtung. Bis zum 1. Februar - innerhalb von 18 Angriffstagen — stießen die Sowjet-Truppen im Mittelabschnitt bis zu 300 Kilometer vor.

Marschall Schukow stand am 1. Februar 1945 bei Küstrin bereits an der Oder. Im Norden erreichte

Marschall Rokossowski zur gleichen Zeit die Danziger Bucht: Kurland und Ostpreußen waren vom übrigen Deutschland abgeschnitten.

Im Süden brach Marschall Kon-jew nach der Einnahme Krakaus in Oberschlesien ein und drang bis Breslau vor. Das schlesische Industrierevier, im Frühjahr 1945 eine der wichtigsten Rüstungskammern Hitlers, fiel in wenigen Tagen fast unversehrt in die Hände des Marschalls.

Ein Rätsel bedeutete für Stalin indessen die Operation seiner Verbündeten, die sich von den Rückschlägen in den Ardennen im Dezember 1944 anscheinend noch nicht vollständig erholt hatten. Für Moskau waren Angriffstempo und Aktivität der anglo-amerikanischen Truppen im Westen zu langsam und zu umständlich — vom italienischen Kriegsschauplatz ganz zu schweigen.

Stalin begriff es nicht, daß SHAPE (Oberkommando der Westalliierten) seine Operationen mit betonter Vorsicht plante und sich dabei vom Grundsatz leiten ließ, das Leben der eigenen Soldaten möglichst zu schonen — ein Prinzip, das bei der Roten Armee unbekannt war.

Da zwischen dem SHAPE in Paris und der „Stawka” (Oberkommando der Roten Armee) in Moskau keine unmittelbare Verbindung bestand — weder die Sowjets noch die Westalliierten unterhielten Verbindungsstäbe in den Hauptquartieren —, stammten die militärischen Informationen der Roten Armee über die Operationen ihrer Kriegspartner aus Meldungen westlicher Nachrichtendienste — und aus den Berichten des sowjetischen Geheimdienstes.

Auf eine Zusammenarbeit der beiden Nachrichtendienste legte Stalin keinen Wert. Einige recht zweifelhafte Meldungen aus alliierter Quelle machten den Sowjet-Diktator aber mißtrauisch gegenüber seinen Verbündeten.

Dazu gehörte die Nachricht über eine Verlegung der 6. SS-Panzerarmee vom Westen nach dem Osten. Der amerikanische Generalstabschef Marshall informierte den sowjetischen Generalstab darüber durch den Chef der amerikanischen Militärkommission in der Sowjetunion, General John R. Deane, am 20. Februar 1945.

Danach sollten die vier aufgefrischten SS-Panzerdivisionen samt Spezialtruppen in den Raum Wien und Mährisch-Ostrau verlegt werden, um gemeinsam mit einer anderen, ähnlich starken deutschen Gruppierung (die aus Pommern in Richtung Thorn antreten sollte) die nach Berlin vorgestoßenen russischen Kräfte in die Zange zu nehmen.

Diese westliche Information war eine Falschmeldung. Heute weiß man, daß eine solche Operation in jener Zeit im deutschen

Generalstab tatsächlich erwogen wurde, Hitler wollte aber davon nichts hören. Gegen den Willen seines Generalstabschefs Guderi-an befahl er, den SS-Verband nach Ungarn zu verlegen, weil die Russen seiner Ansicht nach dort mit Truppen minderer Qualität und balkanischen Bundesgenossen kämpften, so daß ein Sieg leicht zu erringen sei.

Stalin jedoch rechnete nach diesen Fehlinformationen mit der Möglichkeit eines deutschen Gegenangriffs im Mittelabschnitt. Vor allem Schukows Oder-Brük-kenkopf und Konjews Schlesien-Position sah er als gefährdet an. Er ließ daher an diesen Frontstellen Gegenmaßnahmen vorbereiten.

Dann aber führten die Deutschen einen Entlastungsangriff südlich der Karpaten, an der oberen Donau im Raum von Gran. Drei Infanteriedivisionen des Heeres, durch zwei SS-Panzerdivisionen verstärkt, begannen am 18. Februar 1945 die Operation „Südwind” und nahmen den Sowjets in heftigen Kämpfen den Gran-Brückenkopf wieder ab. Es stellte sich heraus, daß hier die ersten Divisionen der 6. SS-Panzerarmee im Einsatz waren.

Sowjet-Marschall Tolbuchin, der den Angriff gegen Wien vorbereitete, wurde daraufhin von der Stawka gewarnt. „Marschall Tolbuchin ist es gelungen, eine Katastrophe zu vermeiden... unter anderem deshalb, weil meine Gewährsleute, wenn auch mit einiger Verspätung, den deutschen Plan für diesen Großangriff aufdeckten”, schrieb später Stalin noch höflich an Präsident F. D. Roosevelt.

Die Reaktion der sowjetischen Militärs auf die falsche Information der Amerikaner war schroffer. General Antonow, der sowjetische Generalstabschef, ließ den Ubermittler Deane wissen: „Die Möglichkeit ist nicht ausgeschlos-

,,Einige recht zweifelhafte Meldungen aus alliierter Quelle machten Stalin mißtrauisch ...” sen, daß gewisse Quellen mit dieser Information das Ziel verfolgten, das anglo-amerikanische wie auch das sowjetische Oberkommando irrezuführen und die Aufmerksamkeit des sowjetischen Oberkommandos von dem Gebiet abzulenken, in dem die Deutschen die Hauptangriffsoperation an der Ostfront vorbereiteten.”

Nach den ersten Märztagen änderte sich die Lage zunehmend. Die deutsche Märzoffensive in Ungarn, das Unternehmen,,Früh-lingserwachen”, ausgetragen durch mehr als 16 Divisionen (darunter sechs Panzerdivisionen), belehrte die Stawka darüber, daß der deutsche Widerstand noch keineswegs gebrochen war.

Auch an den Oder-, Schlesien-und Kurlandfronten versteifte sich der Widerstand. Hinzu kam, daß die alliierten Truppen, kaum hatten sie den Rhein überschritten, ihren Vormarsch ins Herz Deutschlands nun in ungewohnt raschem Tempo vorantrieben. Es schien Moskau, als ob die deutsche Wehrmacht den Widerstand gegenüber den Truppen Eisenho-wers und Montgomerys bereits eingestellt hätte.

Den argwöhnischen Stalin ließ offenbar der Gedanke nicht los, der deutsche Rückzug im Westen sei nicht mit dem Nachlassen des deutschen Kampfgeistes zu erklären, sondern mit politischen Motiven. Ende März schrieb Stalin nach Washington:

„Es fällt schwer, sich die Erklärung zu eigen zu machen, daß die Deutschen an der Westfront einzig und allein deshalb keinen Widerstand leisten, weil sie geschlagen worden sind. Die Deutschen verfügen an der Ostfront über 147 Divisionen. Sie könnten, ohne sich zu schaden, 15 bis 20 Divisionen von der Ostfront abziehen und zur Unterstützung ihrer Truppen an die Westfront werfen.

Die Deutschen haben dies jedoch nicht getan und tun das auch jetzt nicht. Sie schlagen sich wie irrsinnig mit den Russen um irgendeine fast unbekannte Bahnstation Zemlenice in der Tschechoslowakei, die ihnen soviel nützt wie einem Toten heiße Umschläge, während sie gleichzeitig im Zentrum Deutschlands ohne jeden Widerstand so wichtige Städte wie Osnabrück,Mannheim und Kassel aufgeben. Sie werden zugeben, daß ein solches Verhalten der Deutschen mehr als seltsam ist.”

Der Verdacht, Deutsche, Briten und Amerikaner könnten einen Separatfrieden schließen, verstärkte sich bei Stalin - genährt durch einige „merkwürdige” Tatsachen, so durch die geheimen Verhandlungen Himmlers mit dem schwedischen Grafen Bernadotte Ende Februar und die Kontakte zwischen SS-Obergruppenführer Wolff und den Vertretern des alliierten Oberkommandos in Italien. Diese Verhandlungen wurden in der neutralen Schweiz geführt, einem Land, in dem es bis 1946 keine sowjetische diplomatische Vertretung gab.

Der sowjetische Nachrichtendienst bekam Kenntnis von den Verhandlungen. Da Stalin der SS und Himmler eine gleich wichtige Rolle in der deutschen Staatshierarchie beimaß wie dem NKWD in der Sowjetunion, konnte er kaum daran zweifeln, daß die Geheimgespräche zwischen Deutschen und Westalliierten nur von Hitler persönlich angeregt sein konnten.

Hatte Hitler nicht am 24. Februar in einer Proklamation erklärt, daß im Krieg „noch in diesem Jahr die geschichtliche Wende eintritt”, hatte Hitler nicht schon während des Krieges einige Male versucht, mit dem Westen zu einem Separatfrieden zu kommen, um dadurch freie Hand gegen die UdSSR zu erhalten?

Auch vom ideologischen Standpunkt aus war es für Stalin durchaus denkbar, daß sich die kapitalistischen Länder England und Deutschland, wenn sie sich zur Zeit auch bekämpften, dennoch verständigen könnten, um sich gegen den gemeinsamen politischen Feind, die Sowjetunion, zu wenden.

Hinzu kamen die Kontroversen zwischen Stalin und seinen Verbündeten in der Außenpolitik. Die Entwicklung im befreiten Polen, die Lage in Sofia und Bukarest führten Ende Februar/Anfang März zu einer spürbaren Abkühlung zwischen Russen und Anglo-Amerikanern. Es war eine Situation entstanden, die am besten mit den Dezember-Ereignissen in Griechenland zu vergleichen war, als kommunistische Partisanen die Machtergreifung anstrebten und Churchill mit britischen Truppen intervenierte.

Das alte Mißtrauen Stalins gegenüber den westlichen kapitalistischen Mächten nahm den

Kremlherrn in der zweiten Hälfte des März seelisch und gesundheitlich sehr mit. Aus den Schukow-Memoiren geht hervor, wie Stalin in jenen Tagen - in denen er sich eigentlich über den zum Greifen nahen Sieg freuen konnte - „müde, abgespannt (war) und sichtlich unter Depressionen” stand.

Am 29. März konferierte Stalin mit Schukow und sagte ihm, die deutsche Front im Westen sei zusammengebrochen, anscheinend mache dies aber auf die Deutschen überhaupt keinen Eindruck. Dann zeigte er auf die Karte mit den neuesten Eintragungen über den Stand der deutschen Truppen im Osten. Während Schukow die Karte studierte, griff Stalin zu einer Mappe, auf der „Streng geheim” stand. Stalin entnahm ihr einen Brief und gab ihn Schukow mit den Worten: „Lesen Sie nur!”

Schukow: „Der Brief stammte von einem ausländischen Freund unseres Staates. Er berichtete uns über die Geheimverhandlungen der Hitleristen mit unseren westlichen Verbündeten. Die Hitleri-

,.Stalin betrachtete die

Oder-Linie nicht nur als

Ausgangspunkt für die Berlin-Offensive ...” sten hätten angeboten, den Kampf gegen den Westen aufzugeben, wenn man einen Separatfrieden mit ihnen schließen würde. Der Brief sprach auch davon, daß es durchaus möglich sei, daß die Deutschen den westlichen Truppen einen Weg nach Berlin öffnen würden.”

„Nun, was sagen Sie dazu?” fragte^Stalin den Marschall, und ohne auf eine Antwort zu warten, meinte er: „Ich hoffe, Roosevelt wird das Abkommen von Jalta nicht brechen. Aber Churchill, dem traue ich alles zu...”

Zu dieser Zeit hatte Stalin schon Eisenhowers Telegramm bekommen, in dem der Alliierte Oberbefehlshaber mitteilte, seine Truppen dächten nicht daran, Berlin von Westen her anzugreifen. Ihr Ziel sei es vielmehr, „auf der Linie Erfurt-Leipzig gegen die obere Elbe vorzugehen, um sich dort mit der Roten Armee zu vereinigen”.

Eisenhower wurde für diese telegraphische Mitteilung an Stalin von seinen eigenen Leuten später kritisiert. Es war das erste Mal, daß die Anglo-Amerikaner den Russen so detaillierte Angaben über ihre Absichten zuleiteten. Und eben diese Tatsache verstärkte Stalins Mißtrauen.

Sollte die ungewöhnliche Offenheit nicht eine Falle sein, um die Rote Armee von ihrem unmittelbaren Ziel, der Einnahme Berlins, abzulenken? Die Verhandlungen in der Schweiz, der harte deutsche Widerstand an der Ostfront, der rasche und ungehinderte Vormarsch der Alliierten im Westen und nun Eisenhowers Telegramm, das von einem Desinteresse an Berlin sprach — das alles fügte sich für Stalin zu dem Bild eines großen Verrates zusammen.

Stalin entschied sich zu einer Flucht nach vorn. Die Marschälle Malinowski und Tolbuchin, die für die Kriegsoperationen im Donauraum verantwortlich waren, erhielten Befehl, trotz des versteiften deutsch-ungarischen Widerstandes die Operationen in Richtung Wien zu intensivieren. Für dieses Ziel erhielt Tolbuchin

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