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Jugoslawien: Zeichen des Unmuts

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Jugoslawien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, aber optisch ist davon nicht viel zu bemerken. Alte Klischeebilder - wie etwa von den dominanten und prorussischen Serben - muß man über Bord kippen. Und von Slowenien bis Montenegro herrscht Angst über eine schleichende Invasion der Albaner.

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Jugoslawien steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, aber optisch ist davon nicht viel zu bemerken. Alte Klischeebilder - wie etwa von den dominanten und prorussischen Serben - muß man über Bord kippen. Und von Slowenien bis Montenegro herrscht Angst über eine schleichende Invasion der Albaner.

Entlang der montenegrinischen Küste mit ihren steil abfallenden Felsen und malerischen Buchten, die schon voll von sonnenhungrigen Touristen aus der Bundesrepublik, Großbritannien und Skandinavien sind, gibt es einen unübersehbaren Bauboom. Uber-all schießen an den ginstergelben Hängen die Kalkstein-Einfamilienhäuser mit den roten Ziegeldächern empor. Das sind teilweise Wochenendbehausungen der Reichen aus Belgrad und Skopjle, teils, Bauten von Privaten für Touristen.

Dabei sind die Steuern für Wochenendhäuser drastisch erhöht worden, soll eine Reihe von neuen Maßnahmen und Regelungen verhindern, daß die Deviseneinnahmen aus dem Tourismus im privaten Clearing dem jugoslawischen Staat, der offiziell nunmehr mit 23,7 Milliarden Dollar im Westen verschuldet ist, verlorengehen.

Gegen den Steuerdruck erheben sich bereits vernehmlich kämpferische Töne.

„Was ich mit meinen eigenen Händen blutig aufgebaut habe, das werde ich eher selbst zerstören, als es mir wegsteuern zu lassen”, hieß es unlängst in einem Leserbrief in der Belgrader „Poli-tika” von einem Wochenendhausbesitzer.

Woran krankt die jugoslawische Wirtschaft, was fehlt ihr wirklich? Die brillante Wirtschaftszeitung „Ekonomska poli-tika” ortet eine der Ursachen des ökonomischen Fiebers darin:

„Bei uns gehört der Betrieb niemanden und ist völlig den Wechselwinden einer Unmenge von Vorschriften und Gesetzen ausgesetzt, die ihn angeblich schützen sollen. Es handelt sich aber in Wirklichkeit um einen Besitz ohne Eigentümer, um dessen Erhalt sich niemand kümmert.”

Ein Serbe, der lange Jahre in der Bundesrepublik als Gastarbeiter war und jetzt zurückgekehrt ist, versteht nunmehr die ökonomische Misere seiner Heimat:

„In Düsseldorf habe ich in einem Installateurbetrieb mit 100 Beschäftigten gearbeitet. In der Verwaltung waren der Chef, sein Bruder, noch eine Verwandte und zwei Sekretärinnen. Hier in Belgrad arbeite ich durch Zufall auch in einem Installateurunternehmen mit hundert Beschäftigten. Aber 40 sind in der Verwaltung.”

Auf die Frage, ob er sich nicht als privater Installateur mit seinen DM-Ersparnissen niederlassen will, winkt er resigniert ab: „Das hat mein Freund gemacht.

Er hat sieben Jahre gebraucht, bis er alle Genehmigungen gehabt hat.”

Und so ist unzweifelhaft wahr, was der Direktor der Laibacher Firma „Mechano-Technika” in einem Interview für „Delo” gesagt hat: „Wir sind eine Gesellschaft, in der nur der unterdurchschnittlich Begabte etwas gilt.”

Ljubomir Madzar, Universitätsprofessor für Ökonomie in Belgrad, sagt es nicht minder scharf:

„Die rigorose Einschränkung jeder Initiative im privaten Sektor sowie die Angst vor dem Reichwerden betrachte ich als fürchterliche ideologische Verblendung, die fast eine Million fleißiger und fähiger Leute vertrieben hat, die nunmehr fremde Heimaten aufbauen statt der eigenen.”

Rein optisch und äußerlich ist die Wirtschaftskrise kaum zu bemerken — und ist bis jetzt also ganz anders als etwa in Polen oder Rumänien, wo das ökonomische Desaster auch das Erscheinungsbild der Städte und Menschen grau und düster einfärbt.

In den nach wie vor überfüllten Kaffeehäusern Belgrads ist die

Wirtschaftskrise Thema Nummer 1. Und mit der Meinung über die Politiker und „die da oben” wird nicht hinter den Berg gehalten.

Tiefe Frustration und Resignation werden spürbar — gerade in Serbien. In Gesprächen mit serbischen Intellektuellen kehren regelmäßig dieselben Klagen wieder.

Blick geht nach Westen

„Ihr im Westen hängt an den alten Vorstellungen vom dominanten und zentralistischen Serbien. Aber das stimmt schon längst nicht mehr. Wir sind in Regierung und Partei derzeit auf jeden Fall unterrepräsentiert. Wir Serben sind nicht wie alle anderen Nationalitäten ethnisch in einer Republik zusammengefaßt, sondern verstreut. Wir sind politisch beschränkt auf das engere Serbien, denn in den zu uns gehörigen autonomen Provinzen Vojvodina und im Kosovo haben wir nichts zu reden.”

Und bei allen Gesprächspartnern in Serbien ist eines deutlich herauszuhören: Die „klassische” und traditionelle pro-russische Einstellung der Serben, die historische und andere Gründe hat, ist kaum noch anzutreffen. Der Blick geht in Richtung Westen, das Interesse an der pluralistischen Demokratie in Westeuropa, an der kulturellen und technologischen Zivilisation scheint fast überproportional ausgeprägt.

Naturgemäß ist in Serbien besonders stark die Angst vor einem Gespenst präsent - vor der schleichenden Invasion der Albaner, die angeblich aus dem Kosovo unaufhaltsam nordwärts drängen.

Diese zunächst „serbische Angst” scheint nun aber auch schon die anderen Republiken voll erfaßt zu haben — bis hinauf in das nördliche Slowenien. Immer zahlreicher werden dort die albanischen Gastarbeiter.

In Skoplje, der Hauptstadt Mazedoniens, wird einem - mit verschwörerischem Unterton und natürlich „gänzlich inoffiziell” — mitgeteilt, die eigene Republik sei ebenfalls schon albanisch unterwandert. 40 Prozent der Einwohner Mazedoniens seien schon Albaner, es gäbe schon ethnisch rein albanische Siedlungsgebiete.

In Montenegro macht ein Begleiter aufmerksam: „Sehen sie sich mal die Namen der Zuckerbäcker an - alles schon Albaner. Und das geht schon weit bis über Dubrovnik hinauf, schleicht sich die dalmatinische Küste entlang.”

In Serbien bekommt man Geschichten erzählt, die sich wie Greuelmärchen oder Propaganda ausnehmen: Daß etwa im Kosovo verbliebenen Serben und Montenegriner — 14.000 sind in letzter

Zeit ausgewandert - dem „Terror” der albanischen Mehrheit ausgeliefert seien: Man vernichte ihnen die Weingärten, zünde Haus und Hof an, verprügle heimlich die Kinder, albanische Polizisten in Uniform vergewaltigen serbische Mädchen.

Wie weit dies alles wahr ist, läßt sich schwer überprüfen. Auch nicht an Hand offizieller Erklärungen, die in sich ebenfalls widersprüchlich sind und „national” gefärbt scheinen!

„Dank unserem entschiedenen und gnadenlosen Kampf gegen den albanischen Nationalismus und Irredentismus verändert sich die Situation im Kosovo von Jahr zu Jahr positiv. Heute haben wir dort eine im Grunde stabile und zufriedenstellende Situation, die sich immer weiter verbessert.”

So weit die Darstellung von Ne-bih Gasi, Präsident des „Präsidiums der Sozialistischen Autonomen Region Kosovo”.

Miodrag Bogdanovic, Vizepremier Serbiens, wartet mit einem ganz anderen Bild der Lage auf:

Alarmierende Zeichen

„Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden im Kosovo 600 feindselige Parolen, Pamphlete und Flugblätter verbreitet. 15 mal kam es zu Schadensfeuern und Explosionen mit unzureichendem geklärtem Hintergrund. Dabei wurde Eigentum der Serben und Montenegriner zerstört. Es kam zu Sabotageakten, neunmal wurden öffentliche Verkehrsmittel gesteinigt, achtmal Tito öffentlich beleidigt, zwölfmal Polizisten tätlich angegriffen. Kinder zerstören Tito-Bilder in den Schulen, dreißigmal gab es drastische Und brutale Uberfälle auf Serben und Montenegriner.”

Ein durchaus nicht chauvinistisch denkender serbischer Schriftsteller meint resigniert: „Kosovo ist für uns verloren! Die Albaner vermehren sich wie die Kaninchen, 12 bis 15 Kinder pro Familie. Bei den Serben ist der statistische Durchschnitt 1,2 Kinder pro Familie. Aber freiwillig können wir auf Kosovo nicht verzichten - dort sind die Perlen serbischer Kultur, dort ist die Wiege des Serbentums, das ist unser Jerusalem.”

Eine Lösung ist auch im Kosovo nicht in Sicht, diese Nationalitätenfrage (die den alten Gegensatz Serben-Kroaten schon überflügelt hat) schwelt vor sich hin.

So bietet sich also auch hier dasselbe Bild wie bei der Wirtschaftskrise, die nach den Worten namhafter jugoslawischer Ökonomen den Vielvölkerstaat „bis zum Ende des Jahrhunderts und vermutlich darüber hinaus belasten wird”.

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