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Junger Wein in alte Schläuche

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Die Dritte Welt ist das Hoffnungsgebiet des katholischen Christentums - und anderer Religionen

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Die Dritte Welt ist das Hoffnungsgebiet des katholischen Christentums - und anderer Religionen

„Als wir vor 20 Jahren den ersten Einführungskurs für Missionare organisierten, waren die Missionare männlich und weiß. Schwestern nahmen am Kurs nicht teil", schrieb mir Anfang 1991 der Steyler Missionar und Missionswissenschaftler Ennio Mantovani aus Neu Guinea. Er fährt fort: „Heute sind die Kurse ökumenisch. Dieses Jahr stellten die Frauen mehr als die Hälfte der Teilnehmer. Außerdem war die Mehrheit der Missionare farbig: Inder, Filipinos, Afrikaner, Indonesier. Die Missionare kommen nicht mehr ausschließlich aus der Ersten Welt: Die Kirche der Dritten Welt nimmt ihre missionarische Verantwortung ernst."

Im Jahr 2000 werden zwei Drittel aller Katholiken in der südlichen Hemisphäre leben. Schon 1970 lebte mit 51,81 Prozent die Mehrzahl der Katholiken in Lateinamerika, Afrika, Asien und Ozeanien; 1987 betrug der Prozentsatz 61,19 Prozent (545,123 Millionen von insgesamt 890,907 Millionen Katholiken). Die Zuwachsraten sind zwar beachtlich, dennoch wird die Katholikenzahl in der Zukunft kaum mit anderen großen Religionen Schritt halten können.

Die Hoffnungen, die auf Lateinamerika gesetzt werden, haben sich nicht erfüllt: Man nahm an, daß Lateinamerika die Hälfte aller Katholiken zählen werde. 1988 waren es aber nur 42,43 Prozent. Die Kirche Lateinamerikas wird in besorgniserregender Weise geschwächt: Einmal durch einen noch nie dagewesenen Ansturm der Sekten, Hand in Hand damit gehen Verfolgungen durch weltliche Mächte in vielen Ländern und heftige Angriffe durch die Politik der USA, und nicht zuletzt auch durch innerkirchliche Maßnahmen gegen die Befreiungstheologie, die Basisgemeinden (in letzter Zeit durch gezielte Bischofsernennungen) und Institutionen wie die CLAR (gesamtlateinamerikanische Vereinigung der Ordensleute), deren missionarische Dynamik gebremst wurde.

Was den Vergleich mit den großen Religionen betrifft, ist aufschlußreich, daß im Jahre 1988 der Islam zum ersten Mal mit der katholischen Kirche praktisch gleichgezogen hat. Das verlangsamte Wachsen des Katholizismus spiegelt sich auch im Vergleich zur Weltbevölkerungwider. 1970 betrug der katholische Anteil an der Weltbevölkerung 18,4 Prozent, im Jahr 1988 nur mehr 17,6 Prozent. Da etwa 80 Prozent des Zuwachses der

Weltbevölkerung in den Entwicklungsländern stattfindet, werden um die Jahrtausendwende 78 Prozent der Weltbevölkerung in Entwicklungsländern leben, so daß die Christen nur mehr eine Minderheit sein werden. Dies dürfte der Grund sein, weshalb die neue Missionsenzyklika „RedemptorisMissio" empfiehlt, das Hauptaugenmerk der Mission dorthin zu lenken, wo die Bevölkerung am raschesten wächst - Asien.

Verlagerung in den Süden

Anpassungsbestrebungen, um der veränderten Situation Rechnung zu tragen, sind nicht zu übersehen. Die Kirche hat ihre Führungsstruktur in den Süden verlagert. Insgesamt hat die Zahl der Bistümer, vornehm-lich im Süden, um 63,71 Prozent zugenommen. In der Dritten Welt gab es 1987 1.610 Bistümer (in Afrika 411, in Asien 412, Lateinamerika 712, Ozeanien 75), in Europa 653 und in Nordamerika 264. Solange es Diözesen mit über 100.000 Quadratkilometern gibt, wird weiterhin eine strukturelle Anpassung notwendig sein, wodurch schon rein zahlenmäßig ein Ungleichverhältnis zu den traditionellen Kirchen gegeben ist.

Vermochte sich die Kirche der neuen Situation in der Dritten Welt in der Führung flexibel anzupassen, gelang ihr das gleiche nicht in bezug auf den Klerus. Heute ist die Priesterzahl unter 400.000 gesunken. Zu bedenken ist, daß der Klerus in Europa weitgehend überaltert ist, während er in der Dritten Welt jung und dynamisch ist.

Die Zukunftsperspektive liegt eindeutig in der Dritten Welt. Die Kirchen der Dritten Welt bemühen sich um eine intensive Jugendpa-storal, obwohl es kaum Jugendverbände wie in Europa gibt. Besonders stark ist die Entscheidung Jugendlicher für den Priesterberuf in Krisenregionen wie in Mittelamerika und Brasilien, wo die Märtyrer und die Herausforderung durch extreme Armut die Lebensentscheidung der Jugend beeinflussen.

Unzweifelhaft sind die aufsehenerregendsten Aufbrüche der Weltkirche im Bereich der jungen Kirchen erfolgt. Keine Kirche hat so konsequent wie die lateinamerikanische die Impulse des Konzils aufgegriffen und in den Bischofsversammlungen von Medellin 1968 und Puebla 1979 in die lateinamerikanische Realität umgesetzt. Daraus ist nach 500 Jahren zum ersten Mal eine eigenständige, den Verhältnissen angepaßte Pastoral (die Pastoral der Befreiung) erwachsen, gemeinsam mit einer theologischen Reflexion (die Theologie der Befreiung) und einem Standortwechsel der Kirche (Option für die Armen), wodurch sie sich entschieden den Armen und den ungeheuren Problemen der Menschen zugewendet hat.

Andere Kirchen der Dritten Welt wie etwa Afrika und Asien haben zwar nicht solche auf die ganze Weltkirche übergreifende Impulse gesetzt wiedie lateinamerikanische, haben aber bemerkenswerte Anstrengungen in der Anpassung der Liturgie und des Gemeindelebens unternommen. Man denke an den indischen Weg einer kontextuellen Spiritualität oder an die afrikanische Weise, Gemeinde zu leben mit einer liturgischen Kreativität wie etwa die Zairesische Messe. Afrikas Wunsch nach einer panafrikanischen Bischof sversammlung nach dem Vorbild Lateinamerikas wurde von Rom behindert. Erst seit Sommer 1990 liegen Arbeitspapiere für eine solche Versammlung vor.

Mitunter kann sich der Beobachter des Eindrucks nicht erwehren, als würde der von Jesus gerügte Versuch unternommen, alten Wein in neue Schläuche zu füllen. So sehr strukturelle Anpassungen notwendig und gerechtfertigt sind, bleiben sie letztlich nur Äußerlichkeiten, die nicht zum Kern vordringen. Die Bibel (Apostelgeschichte) schildert die christliche Gemeinde als VerSammlung einer Gemeinde, die das Andenken an den Tod und die Auferstehung feiert. Die Eucharistie ist der Mittelpunkt. Hierin ist die Weltkirche weit vom biblischen Vorbild entfernt, so daß es schöpferischer Kreativität gepaart mit Mut bedarf, um den christlichen Gemeinden ihre Lebensmitte nicht vorzuenthalten.

Rein statistisch werden 105.640 Gemeinden angegeben, die keinen Priester und damit auch keine Eucharistie haben. Die von der neuen Missionsenzyklika überschwenglich gelobten Basisgemeinden beweisen, daß es viele Christen gibt, die zu einem Dienst und Amt in der Gemeinde berufen sind. In Lateinamerika geht nach der Statistik der Trend der Gemeindeleitung zu Ordensfrauen (425 Pfarreien), in Afrika zu den Laien (226 Gemeinden).

Mit den bislang eingeschlagenen Lösungsversuchen (Missionsenzyklika: bessere .Verteilung des Klerus) wird das Problem der Betreuung der Gemeinden und der Eucha -ristie wohl kaum zu lösen sein. Gemeinden ohne Eucharistie unterscheiden sich nicht von den protestantischen Kirchen, was in vielen Bereichen (wie etwa in Afrika) zu nicht zu unterschätzenden Verwirrungen führt. Gegen den Ansturm der Sektenkirchen sind sie führungs-und wehrlos (Beispiel: Lateinamerika).

Inkulturation und Dialog

Kernfrage bleibt, ob eine innere Anpassung an den kulturellen Kontext eines Landes gelingt und gefördert wird. Die Sprachregelung dafür heißt Inkulturation. Gemeint ist ein Eindringen des Evangeliums in die Denkweisen eines Volkes. Hier liegt noch ein weites Feld brach. Unter den etwa 42 Millionen Indios in Lateinamerika gibt es nur einige hundert Indiopriester und nur vereinzelt Bi-schöfe. Die Afrc-Amerikaner Lateinamerikas und Nordamerikas haben ebenfalls wenige Priester und Bischöfe.

Wenn von Religionen gesprochen wird, sollte die herkömmliche Einteilung in Hoch-und Naturreligionen aufgegeben werden, wie sie noch in „Nostra aetate" des Konzils vorgenommen wird. Die neue Missionsenzyklika weist hierin einen neuen Weg, indem sie Inkulturation und Dialog nicht mehr hauptsächlich Fachleuten anheimgestellt wissen will, sondern empfiehlt, die Begegnung im Zusammenleben an der Basis zu fördern. Ob es jemals in irgendeinem Bereich der Welt zu einer „christlichen Kultur" gekommen ist, bleibt ohnehin fraglich, doch daß die Kirche in vielen Völkern lebt und in alle Fasern des Denkens und Fühlens eindringt, ist bereits eine Wirklichkeit, die bei allen Unzulänglichkeiten zu Hoffnung und Zuversicht berechtigt.

Der Autor ist Steyler Missionar und Generalsekretär der Päpstlichen Missionswerke in Österreich.

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