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Kaddisdi für einen Hinterbliebenen

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Als er sie fand, atmete sie nicht mehr. Ihre Haut war noch warm. Er zag ihren Körper aus dem Auto — er hinig isobiaff in seinen Händen — und legte ihn auf dem Betonboden nieder. Draußen schien die Sonne. Am Horizont, wo der Fluß nach Norden führte, bogen sich die Pappeln. Er drehte ihren Körper auf den Rük-ken.

Die erlernten, eingeübten Handgriffe.' Hilfsmaßnahmen bei unvorhergesehenen Unglücksfällen'. Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Nase zuhauten und in den geöffneten Mund Luft einpressen. Dazwischen den Brustkorb rhythmisch niederdrücken. Das Ganze zehnmal pro Minute.

Schatten am Zaun. Seine Lippen über den ihren... Eins .. zwei .. drei... vier... Hingebeugt. Nicht wie damals im Heidegras ... fünf... sechs... sieben. Klaren Gedankens und besonnen bleiben. Im Naohbargarten wind Unkraut gejätet. Den Motor wieder zum Anspringen bringen... acht... neun... zehn... Eine Minute. Mit der Zeit an den Start gehen und um die Wette laufen.

Er kniete über ihr und versuchte seinem Atem, der nichts als Luft war, jene mystische Bedeutung aufzuzwingen, die er immer geleugnet hatte: Leben von seinem Leben. Wort von seinem Wort.

Aber es gehörte ihm ja keines mehr. Sie schwieg. Er sprach mit seinen Händen. Der gebückte Rük-ken im Rosenbeet. Nichts, als diese Handgriffe. Mit ihnen gegen die Uhr und gegen die Zeit laufen.

Er horchte den Bewegungen mach, ' die sich nicht regten. Jenseits des Horizontes-stand sie und war nicht. Jenseits des Bandes, das er durchreißen mußte, stand sie und war nicht. Die Zeit flog. Er preßte seine Hände vors Gesicht. Die Sonne fiel schräg durch die geöffnete Garagentüre, traf sie, streifte ihn, er fror. Sie lag auf dem Betonboden und berührte ihn nicht. Nur seine Lippen. Nicht auch die ihren.

Von der Straße her drang der Si-renenton eines sich rasch nähernden Rettungsfaihrzeuges. Sie wurde gebettet, er bettete, wie er nie zuvor gebettet hatte. Sie fuhren nochmals um die “Wette. Andere liefen gegen die Zeit. Er saß neben ihr im Fahrzeug und hatte die Hände in den Schoß gelegt. Sie war blaß, wächsern, unwirklich. Er dachte das Wort „entrückt“. Fortgenommen. Nie-mehr-wieder. Aber damit konnte man nicht leben. Mit Nie-mehr-wieder konnte man nichts als sterben.'

Man trug ihren Körper ins Haus. Weiße Mäntel gingen vor ihm und durch die Gänge. Er sah ihnen nach und begriff nichts. Zwischen den Schritten lernte er ein neues Wort: aufgeben. Ihre Haut wunde kühl. Kälte legte sich über alle Poren und verschloß sie.

„Sie ist fort“, sagte er, und der Mann, der sich mit ihm betrank, fand keinen Trost. Zwischen den Erinnerungen und Gedanken war sie, mit allen Bewegungen, atmete sie, ging sie — unsichtbar und doch ständig anwesend, aber die Worte weigerten sich, zu ihm zu kommen. Das Glas halten und nachfüllen. Ne-foeneinandersitzen und schweigen.

Man brachte ihren Körper in einen anderen Raum. Danach ging er, ihren Tod bekannt zu geben. Er ging durch das Haus und wiederholte immer wieder: „Sie kommt nicht mehr, sie kommt nicht mehr.“ . Er kehrte spät ins Haus zurück, suchte Spuren. Zimmer um Zimmer. (Dies alles — diese Stille. Dieses Schweigen.) Zwischen Bekanntem, Gewohntem stand er und fand sich nicht. Sein Bett, sein Tisch, seine Schritte. Nichts als das. Nichts als diese seine entblößte Existenz.

In den Nachtstunden und auch tagsüber unter den Handreichungen, die ihn nicht verließen, erlernte er die hilflosen, stummen Bewegungen, eine nach der anderen, die er früher als nicht zutreffend für sich erachtet hatte. Sprachlos. Zu keinem Wort fähig. Nicht einmal zu dem Wort Trauer.

Ihre Lippen, Hände wie Bettler-schalen. Die Geige. Das Kind. Das Lied. Aber keines ihrer Worte mehr. Seine Hände krampften sich ineinander, bis die Knöchel weiß hervortraten.

Wie denn? Wer wußte denn, was sie gedacht hatte, was tatsächlich geschehen war. Eine verzweifelte Liebe, Schnee am Kilimandscharo und Tote im Moor. Großer Gott!

Hinter den Trümmern seiner und anderer Welten war nichts! Nicht ein. Funke für die Hoffnung. Nicht ein Angelpunkt für die Sehnsucht.

Wie er das alles haßte. „Die Rosen, die die Nacht uns schenkte ...“ „Wie soll ich meine Seele halten...“

Die Türe schließen, den Mund schließen und schweigen.

Er begann die Frauen zu hassen, die am Leben geblieben waren, die durch die Stunden gingen, sprachen, lachten. Er wünschte sie — sonst nichts. Er wünschte sie leiblich, zum Händefassen, Hören, Riechen. Er wünschte sie mit allem, das nicht mehr war. Hier und überall. Heute und immer. „Das Leben war kein Gang durchs Feld“ — sicherlich. Aber man hatte doch ein Recht auf die weite Ebene jenseits des Horizontes.

Später dann wünschte er auch sie nicht mehr, haßte auch sie. Ging. Ließ zurück. Er dachte das Wort „gnadenlos“ voll Zorn und ohne Scham. — „Wenn einer Grund hat anzuklagen“, sagte er, „dann bin doch ich es.“

Die Tage wurden länger und der Nebel in den Morgenstunden dünner, aber die Himbeeren im Gebüsch hatten nicht einmal noch Blüten angesetzt. Man hatte sie zerteilt, aufgeschnitten, in ihre Bestandteile zerlegt, danach wieder z usammenge-fügt, ihren Körper zum Begräbnis freigegeben.

Er wußte nun, was geschehen war, aber es wurde ihm darum nicht leichter, zu tun, was es zu tun gab und bleiben zu lassen, was versäumt worden war. Fließbandnotwendigkeiten nötigten ihm Konzentration ab. Hinter allem stand sie und war

nicht. Der Blick aus dem Fenster. Der Schritt vor die Türe. Die Hand heben, sinken lassen. Die Fäuste ballen und an die Stirn pressen, jene hilflosen Gesten zelebrieren, für die auch kein anderer ein Wort getobt hätte. Durch die Tage rollen und nirgendwo sein. Alles Zukünftige vergessen, selbst die Banalitäten des täglichen Vorhandenseins.

. In den Bäumen vor den Fenstern nisteten Saatkrähen. Der Urlaub im Sommer. Ostem. Neujahr. Freiheit. Aber die war — mit einem Sprung über die Mauer setzen. — Wind im Haar. — Mit einem Lächeln hinausgehen und — leben!

Das Kind war von den Schwiegereltern aufgenommen worden. Sie hatte es geboren, ein anderer gezeugt. Es trug ihre Züge, ihr Haar und stand in der großen Leichenhalle nahe den Kränzen, Blumen und Schleifen. Es trug Schwarz und hob sieh kaum von der Umgebung ab, war tränenlos, verstört, blaß, fast bewegungslos. Tempelhüpfen verboten. Nicht mit der Ferse des einen Fußes auf die Spitze des anderen steigen. Nicht an den Knöpfen drehen. Nicht laut sprechen.

Er kam spät, sehr spät, ging durch die Halle an den Ort, der den nächsten Angehörigen vorbehalten war.

Gebettet sein in brüchiger Erde, unter Birken im Wind, darüber kurzes, weit auseinanderstehendes Heidegras. — Sie können sie wenigstens zu Grabe tragen. — Wie? —

Der Manm, der sprach, sah über ihn hinweg. Was man begräbt, endet auch Ich habe keinen begraben, immer nur von ihrem Tod erfahren.

Begraben und vergessen. Er begrub nicht. Sie ließ es nicht zu. Andere schütteten Feuer und Erde auf sie. Andere trugen Tränen im Gesicht, legten ihm die Hand auf die Schulter. Er ließ die Worte, Handreichungen, Gesten über sich rieseln wie Novemberregen.' Er lernte ein neues Wort und war ihm nicht gewachsen: Trauer.

Aber wenn der Abend kommt, wenn dieser Abend kommt, werden wir heimgehen im Feuer der Chrysanthemen über ein Schattenfaid. — Er war schon fast dort. Der Haß faltete seinen Flügel. Bis die Himbeeren im Gebüsch gereift waren, mochte noch vieles geschehen, konnte er lange schon sich selbst hinter sich gelassen haben. Oder etwas trat an seine Stelle und nahm ihn ein. Oder er hatte sich bis dahin gewähnt.

Er wandte sich ab. Man hatte ihm Worte zugemurmelt und Haltung bewahrt. (Man hatte sich offensichtlich dahingehend geeinigt, daß es sinnlos war, ihm Vorhaltungen zu machen. Aber Sinn war weder da, noch anderswo.) Ein seltsam ruhiges Begräbnis, nicht einmal ein Rabbiner, ein ruhiger Tod. Er paßte zu allem und zu allen. Selbst, wenn sie sich wehrten, glaubten sie nie an den Erfolg. Und sie? Sie hatte ihm nicht einmal dieses Wehren zurückgelassen, keine der Gemeinheiten, die ihm erlaubt hätten, guten Gewissens übrig zu bleiben.

Der Schwiegervater kam und legte ihm die Hand auf die Schulter. Hinter seinem Rücken fühlte er, wie sich die Blicke sammelten. Wie einfühlsam man sein kann, dachte er. Was alles plötzlich erfühlbar war, da es um seine Haut ging, die er nicht zu Markte zu tragen wünschte. Das Einfühlen in die schwingenden Töne. Du und eine Geige. Du und ein Lied. Du und ein Kind ...

Es riß sich plötzlich los von der Gruppe, in der es eingeschlossen gestanden war und lief zu ihm, umschloß ihn mit seinen Armen. Es war noch blasser geworden, noch stummer. Es wußte schon vom Nie-mahr-wieder. Es wußte ganz genauso davon wie er.

Er dachte, daß er nun etwas sagen sollte, sprechen, eine Entscheidung fällen, seinen Standpunkt klären. (Aber während er dachte, liefen ihm die Worte zwischen den Fingern davon. Ein dünner Strom ergoß sich aus seinen Händen auf die Erde und

färbte ihn ein mit den Tagen und Stunden, die man vom Kalender abriß, ohne Beachtung, ohne besondere Eintragung.)

Er schob seine Hand in die des Kindes. Sie gingen ein Stück des Weges zwischen gerade gerichteten Grabhügeln, Grabplatten, Grabsteinen. Plötzlich begann er zu weinen. Das Kind sah zu ihm empor, ließ seine Hand aber nicht los. Es war verstört, ratlos, aber es blieb. Er zuckte mit den Schultern, und drehte das Gesicht auf die Seite, an der keiner ging.

Am Ende der Reihe, bei der nächsten Kreuzung nach Nord-Süd, Ost-West, begann das Kind seine geraden Schritte wieder zu verdrehen. Es bückte sich, hob einen Kieselstein auf, entzifferte Grabinschriften. Auf der Stirn bildete sich eine steüe Falte, es dachte nach. Er würde nie erfahren, worüber.

Die Schwiegermutter kam ihnen nach. Sie rief das Kind beim Namen. Es ließ seine Hand los, stand eine Weile zwischen den Fronten, zwischen den Welten, wetzte mit der Ferse des einen Fußes die Schuh-spitze des anderen ab. Erst jetzt sah er, daß es neue Schuhe anhatte.

„Es versteht das olles noch nicht“, sagte die Schwiegermutter. „Kinder vergessen auch — Gott sei Dank —i sehr rasch, obwohl...“ Er fühlte, wie sie der Mut verließ, ihn anzusprechen. Das Kind lief nun vor ihnen den Weg entlang. Sie waren nach Süden abgebogen, gingen weiter um eine Ecke, um noch eine Ecke, er verlor die Himmelsrichtung aus seinem Bewußtsein. Das Kind hob Kieselsteine auf.

„So ist das“, sagte die Frau neben ihm und deutete mit dem Kopf in die Richtung vor ihm.

Er sah. den fliegenden Haaren nach. Es war absurd, sich von der Anwesenheit des Kindes getröstet zu fühlen. Dennoch: vor ihm und zwischen den Gedanken, Erinnerungen war sie, leiblich, mit allen Bewegun-

gen, atmete sie, ging sie, nun auch sichtbar in verkleinerter Existenz und ständig anwesend.

Aber das Kind war zufällig. Er war zufäll'ig. Alles war zufällig. Den Dingen eine größere Bedeutung beizumessen, hieße, sie mit seinem Leben zu belasten. Diese Zufälligkeit — sein Leben — gehörte allein ihni, gehörte nur ihm, stand ihm alleine zu, war unübertragbar, unersetzbar, unteilbar. Auch nicht mitteilbar. Diese Zufälligkeit, dieses sein Leben, das oller Voraussicht nach weit über die Zeit reichen würde, da die Himbeeren reiften, reif wurden, igeerntet wurden.

„So ist das“, sagte er. „Ja.“

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