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Kakanien im Spätherbst

Nicht ganz 20 Jahre zählte der junge serbische Mittelschüler Milutin Doros-lovac, als ihn nach Verhaftung und Fol-terdurch eigene Landsleutediedeutsche Besatzungsmacht als Fremdarbeiter „ins Reich" zum „Einsatz" verschickte. Er kam nicht weit. Er wollte es gar nicht. Er blieb in Wien hängen. Heute ist der rüstige Mittfünziger Vizepräsident des Österreichischen PEN-Clubs, ein streitbarer Kämpfer für die Rechte der Autoren und als Milo Dor einer der namhaftesten literarischen Vertreter der sogenannten „Kriegsgeneration" in Österreich.

Nach Hungerjahren im Nachkriegs-Wien, in denen der junge Schriftsteller bald Anschluß an die sich hier um verschiedene Zeitschriften, allen voran den „Plan", versammelnden Gleichgesinnten fand und gemeinsam mit seinem Freund Reinhard Federmann literarische Konfektion lieferte, gab er 1953 mit dem - natürlich - nicht in der neuen Heimat, sondern in der Bundesrepublik erschienenen Roman „Tote auf Urlaub" seine Visitenkarte als Romancier ab. Ein Kriegsroman mit autobiographischem Hintergrund, vom heißen Atem der Zeit diktiert, kraftvoll und schonungslos gegenüber „Freund" und Feind. Zugleich ein Abschied von den kommunistischen Idealen und Idolen seiner Jugend.

Der junge Mladen Raikow - so hieß Dors Spiegelbild - interessierte die Leser. Sein Leben endete ja - gottlob -nicht 1945. Woher kam er, wohin ging er?

Dem „Woher" warder 1959erschienene nächste Roman Milo Dors „Nichts als Erinnerung" gewidmet. Er führte in Uberspringung einer Generation ins Banat, in die Welt der Großel-

tern, bei denen der junge Mladen aufgewachsen war und zu denen die Nabelschnur nie abreißen sollte. Kakanien in seinem Spätherbst: im Ubergang von der Wirklichkeit zum Mythos, aber gerade deswegen von bis heute nachwirkender Faszination. Attila Hörbiger und Paula Wessely werden später die Verfilmung dieses Romans im Fernsehen zu einem Erlebnis machen.

Wie es mit Milo Dor weiterging, das wissen wir. Was aber ist aus Mladen Raikow geworden? Die 1969 erschienene „Weiße Stadt" gab Antwort. Sie ist nicht Belgrad, sondern ein im Schnee langsam versinkendes und deshalb auch der Wirklichkeit ein wenig entrücktes Wien, in dem der Held der Toten auf Urlaub in den „Jahren der schönen Not" - so hat Erich Kuby einmal die Nachkriegszeit genannt - den schwierigen Ubergang in eine bescheidene zivile Existenz als Antiquitätenhändler versucht - sich aber innerlich treu bleibt. Zugegeben: Milo Dor hat es weiter gebracht als sein zweites Ego.

Diese längst vergriffenen Bücher sind allerdings mehr als Erinnerung. Der Verlag Langen-Müller hat sie nunmehr alle als Sammelband unter dem Titel „Die Raikow Saga" neu herausgebracht. Wer nach wie vor der heute höchst unpopulären Meinung ist, daß Romanciers erzählen und nicht ihre seelischen Bauchweh und psychischen Schäden abreagieren oder Sprachakrobatik treiben sollen: der greife nach dieser Trilogie. Wer einen oder mehrere Romane Dors seinerzeit schon gelesen hat, wird sich freuen, den tragisch-fröhlichen Helden wieder zu begegnen.

DIE RAIKOW SAGA. Nichts als Erinnerung -Torte auf Urlaub - Die weiße Stadt. Von Milo Dor. Verlag Langen Müller, München, 734 Seiten, öS 277,20.

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