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Kalte Füße, heiße Parolen

1945 1960 1980 2000 2020

Die Angst vor den Türken treibt die Bulgaren derzeit auf die Straße. Dabei haben sie nicht einmal genug war- me Strümpfe und Schuhe. Die Wirtschaft des Landes steht vor dem Bankrott.

1945 1960 1980 2000 2020

Die Angst vor den Türken treibt die Bulgaren derzeit auf die Straße. Dabei haben sie nicht einmal genug war- me Strümpfe und Schuhe. Die Wirtschaft des Landes steht vor dem Bankrott.

Sofia galt bis 1944 als „Brüssel des Balkan": Blumenkistchen standen auf sämtlichen Fenstersim- sen, an Straßenrändern und inmit- ten der Boulevards. Im Frühling karrten die Bauern die bunte Pracht in die Stadt; zum Überwintern und Umtopfen brachte man die Kist- chen wieder auf's Land. Diese Augenweide ist längst Vergangen- heit. Die bulgarische Hauptstadt dämmert im Grau des kommunisti- schen Alltags dahin.Die Kurve der Wirtschaftsentwicklung des Lan- des sackt kontinuierlich ab.

Bis vor kurzem war die Wirt- schaftsprognostik Sache von Ora- kelsprüchen gewesen. Am 11. De- zember des Vorjahres brachte Staatschef Petar Mladenow erst- mals Licht ins Dunkel der budgetä- ren Lage. In seinem mit Spannung erwarteten Rechenschaftsbericht zur Lage der Nation zeichnete er ein düsteres Bild der ökonomischen Situation.Erstmals wurde ein Bud- getdefizit eingestanden. Über die Höhe dieses Defizits hüllte er sich allerdings auch diesmal in Schwei- gen.

Nach Berechnungen des Wiener Institutes für Internationale Wirt- schaftsvergleiche hat Bulgarien bei der Auslandsverschuldung die „kri- tische Grenze" erreicht: Mit zehn Milliarden Dollar steht das Land bei westlichen Kreditgebern in der Kreide. Bei der Pro-Kopf-Verschul- dung hat Bulgarien sogar Polen eingeholt. Auch bei den West- exporten steht das Land schlechter da als die meisten anderen RGW- Staaten.

Um die ökonomische Talfahrt zu stoppen, will die Regierung Mlade- now ein „kurzfristiges Stabilisie- rungsprogramm" durchsetzen. Dem Moloch Schwerindustrie will man keine weiteren Geld-Opfer in den Rachen werfen. Allein die Maschi- nenfabrik in Radomir „produziert" beispielsweise jährlich 1,2 Milliar- den Lewa1) Verlust. Zum Vergleich: Das Staatsbudget beträgt derzeit 26 Milliarden Lewa pro Jahr.Die neue ökonomische Zielsetzung sieht eine Umstrukturierung zugunsten des Agrarbereiches, der Leichtin- dustrie und des Tourismus vor.

In seinem Rechenschaftsbericht attackierte Mladenow besonders heftig die riesigen Agrarkomplexe. Gewaltig in der Ausdehnung, ver- schlingen sie mehr an Investitionen als ihr Ertrag rechtfertigt. Nun wird an eine Auflösung der Staatsgüter gedacht. Die Frage ist: Soll das Land nur auf unbefristete Zeit verpach- tet werden oder als erblicher Besitz in die Hände der Bauern überge- hen? Sollte man sich zu letzterem durchringen, wäre das eine Art „Wahlzuckerl" für die Bevölkerung. Denn die Bulgaren, ein genügsa- mes Bauernvolk, hängen bis heute fest an Grund und Boden. Jede Familie, auch in der Stadt, verfügt über ihren eigenen Schrebergarten. Produziert wird, was man während des Jahres an Obst und Gemüse braucht. Deshalb sind die Bulgaren auch keine Hungerleider, obwohl sonst die Versorgung äußerst man- gelhaft ist.

So sieht man vor den Lebensmit- telgeschäften nur fallweise Berge von angefrorenen Krautköpfen. In den Läden gibt es ein mageres Angebot an Konserven, die niemand kauft. Bulgariens Gemüseproduk- tion geht in den Export. Tomaten- konserven, bei uns zu Spottpreisen erhältlich, sind vor Ort Mangelwa- re. Nur zweitklassiges Gemüse, oft schon angefault, findet den Weg in die Dosen, die für den Inlandkon- sum bestimmt sind. Die Gewächs- häuser - Bulgarien lag auf diesem Gebiet bis Anfang der achtziger Jahre hinter Holland auf Rang zwei - sind leer. Nach der Erhöhimg des Ölpreises in den siebziger Jahren konnte man sich die Beheizung nicht mehr leisten. Jetzt denkt man daran, die vielen heißen Quellen des Landes als Energiespender einzusetzen.

Seit zwei Jahren ist Privatinitia- tive im Wirtschaftsbereich zuge- lassen. Aber erst 1989 kam es zu einer Lockerung der gesetzlichen Rahmenbestimmungen. Jetzt dür- fen Privatunternehmen zehn Ange- stellte und eine unbegrenzte An- zahl von Saisonarbeitern beschäf- tigen. Im vergangenen Jahr nah- men die Firmenneugründungen sprunghaft zu. Der Staat verpach- tet auch Lokalitäten für Bistros, Cafös, Bäckereien. Es gibt sogar Anwälte, die privat als Konsulen- ten für Firmen arbeiten. Der unga- rische Weg, Haupt- und Nebenjob zu haben, wird in Bulgarien von vielen Menschen beschritten. Fi- nanziell am ertragreichsten ist dabei das Taxigewerbe: In einer Stunde läßt sich soviel verdienen, wie sonst nur während eines langen Arbeitstages.

Neben dem Taxigeschäft floriert in Sofia auch der private Kunst- handel. In den Unterführungen der großen Boulevards oder im Juschna- Park (deutsch: Südpark), dem Treff- punkt der Opposition, bieten Künst- ler ihre Werke zum Kauf an. Dupli- kate berühmter Ikonen finden hier reißenden Absatz. Eine psycholo- gische Barriere gegen mehr Eigen- initiative existiert allerdings noch: „Geschäft" und „Business", die wenigen Fremdwörter, die in der bulgarischen Umgangssprache zu finden sind, sind Synonyme für „Gaunerei".

Der totale Zusammenbruch der Versorgung hängt wie ein Damo- klesschwert über den Häuptern der Planer der zentralen Wirtschafts- behörde. Menschenmassen wälzen sich auf der Jagd nach Konsumgü- tern durch das Großkaufhaus ZUM in Sofioter Stadtzentrum. Nicht nur dem Namen nach ist eine Ähnlich- keit mit dem Moskauer GUM gege- ben: auch hier ist das Angebot äußerst kärglich. Milena, Mutter der zweijährigen Anna, klagt, daß man nicht einmal hier, dem Schaufen- ster der Nation, Winterschuhe für Kinder findet. Nun muß sie ihren Sprößling weiterhin auf dem Arm durch den Schneematsch tragen. Eine ältere Dame jammert, daß sie nirgends Strumpfhosen aus Wolle oder Nylon kaufen kann. Mit blo- ßen Beinen in den Galoschen stun- denlang in Warteschlangen stehen, ist um diese Jahreszeit wahrlich kein Vergnügen. Und Batterien gibt es nicht einmal im Devisenshop des Nobelhotels Sheraton. Auch Zuk- ker ist wieder einmal nirgends auf- zutreiben. Das Volk murrt trotz- dem wenig. Neben den ausgehun- gerten Rumänen fühlt man sich versorgungsmäßig noch glücklich. Auch Konsumverlockungen via Westfernsehen werden in Bulga- riens Wohnstuben nicht geweckt.

In seinem Rechenschaftsbericht hat Mladenow auch erstmals zuge- geben, daß Rentner und Familien mit Kindern unter dem Existenz- minimum leben. Der durchschnitt- liche Monatslohn eines Arbeiters beträgt 300 bis 400 Lewa. Ein Akademiker in Spitzenposition verdient ungefähr das Doppelte. Pensionisten mit lächerlichen 120 Lewa Rente sind auf die Unterstüt- zung ihrer Kinder angewiesen. Ihre Rente würde nicht einmal für das Essen reichen. Viele suchen sich einen Nebenerwerb. So vermietet das Rentnerehepaar Nikola und Olga im Villenviertel Losenez sein Wohnzimmer an Touristen. Das Zu- brot haben sie bitter nötig. Der Elek- troherd in der Küche ist kaputt. Einen neuen Herd können sie sich vorerst nicht leisten. Kaffee und Suppe werden notdürftig auf ei- nem Campingkocher zubereitet.

Die Kinderbeihilfe beträgt pro Monat 15 Lewa. Damit kann eine Familie höchstens den monatlichen Brotkonsum abdecken. Die Preise für Konsumgüter sind sehr unter- schiedlich: Für ein Kilo Zucker müs- sen die Bulgaren einen ganzen Stundenlohn hinlegen. Ein Farb- fernseher aus der bulgarischen Eigenproduktion kostet 1.100 Lewa, das sind vier bis fünf Mo- natsgehälter. Für einen Moskwitsch oder Trabant muß man fünf bis zehn Jahre Wartezeit in Kauf nehmen und zirka 30 Monatsgehälter op- fern. Eine 70 Quadratmeter-Woh- nung verschlingt schon sechs Jah- resgehälter - wobei man noch lange nicht deren Eigentümer ist.

Das Telefonnetz ist im Vergleich zu anderen osteuropäischen Staa- ten gut ausgebaut. Entlang der Hausmauern sind häufig Fern- sprechautomaten installiert. Die Qualität der Leitungen ist aber be- schränkt: Bei Frost oder Sturm hört man lediglich ein Rauschen und Knacken.

Seit einigen Jahren wird in Bulgarien auch in den High-Tech-Be- reich investiert. Die Computerfirma „Pra- wez" erzeugt Geräte, die zwar hinter dem westlichen Standard herhinken, aber die eigenen Bedürfnisse weitgehend abdecken. Die Lehrmittel auf den Hochschulen sind aller- dings höchst antiqua- risch. Christina, In- formatikstudentin im 4. Semester, klagt: „Wir haben fast keine Bücher in unserem Institut! Die paar russischen, die dort herumliegen, sind schon 30 Jahre alt."

Obwohl die techni- sche Ausstattung an den Arbeitsplätzen ver- altet oder primitiv, das Kommandosystem der Planwirtschaft fru- strierend ist, sind die Bulgaren „Arbeitstie- re" : Sie rackem sich ab, auch wenn es nicht viel bringt. Zähigkeit und Lernwille sind aber grundlegende Voraussetzung für die Bewältigung von Wirtschaftskrisen. Und so gesehen ist die Läge in Bulgarien doch nicht so düster. Oder vielmehr: die Zukunftsaussichten.

1) Anm. d. Red.: Der Mittelkurs für 100 Lewa beträgt derzeit 626 Schilling.

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