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Kamikaze des Propheten

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Islamisch motivierte Selbstmordkommandos machen den internationalen Flugverkehr unsicher. Schaffen Allahs Streiter was palästinensische Terroristen nicht geschafft haben?

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Islamisch motivierte Selbstmordkommandos machen den internationalen Flugverkehr unsicher. Schaffen Allahs Streiter was palästinensische Terroristen nicht geschafft haben?

„Terror im Namen des Islam — was ist das?“ fragte 1980 auf dem Höhepunkt der Geiselaffäre in der Teheraner US-Botschaft ein großes Wochenmagazin. Heute ist ein Selbstmordkommando, das sich im Namen der „islamischen Revolution“ in einer Passagiermaschine während des Fluges in die Luft sprengen läßt, keine Seltenheit mehr. Oft steht dahinter der Name der Terrororganisation „Heiliger Islamischer Krieg“ (al Dschihad al islami).

Arabiens Superterrorist Abu Nidal, auf dessen Konto in den

letzten Jahren über 100 Anschläge * mit 200 Toten gehen, brüstet sich, er sei der „Vollstrecker“ jener heiligen Sekte der Karmaten, die im 9. Jahrhundert durch Terror die Revolution in den islamischen Ländern vorbereitete. „Gezielte Imagepflege“ eines Terrorbesessenen? Vielleicht. Wie soll man aber die Tatsache beurteilen, daß in all den vergangenen Jahren, der Terror auf keine eindeutige Kritik aus den Reihen der islamischen Geistlichkeit gestoßen ist? Gibt es eine „islamische Internationale“ des Terrors?

Diese Annahme ist zwar durch nichts zu belegen, es gibt aber Parallelen in der.Entwicklung. Alle islamischen Länder haben eine ähnliche „Los vom Westen“— Bewegung durchgemacht. Die mei-

sten militanten Gruppen sind aber spontan und unabhängig voneinander entstanden.

Es gibt jedoch zwei „Sammelparteien“ des islamischen Fundamentalismus, die jede auf eigene Weise den Terror praktiziert hat: die von Hassan al Banna 1928 gegründete ägyptische Muslimbruderschaft und die von Abu* la Maududi 1941 ins Leben gerufene indo-pakistanische „Islamische Partei“.

Obwohl sich die beiden Ideologen niemals begegnet waren, legten sie gemeinsam einen Grundstein für die weitere Entwicklung des islamischen Extremismus. Später in den sechziger Jahren gab es dann doch eine engere Zusammenarbeit. Ort der Begegnung: die Golfemirate Kuweit und Bahrain, wo sich die von Gamal Abdel Nasser vertriebene Elite der ägyptischen Muslimbrüder und die pakistanischen Gesinnungsgenossen auf Asyl- und Arbeitsuche befanden.

Daraus entstand die erste „islamische Internationale“, deren Schirmherr das streng religiöse Königshaus der Saudis wurde. Die seltsame Gemeinsamkeit ergab sich fast zwangsläufig, weil damals die meisten arabischen Staaten die Muslimbrüder wegen ihrer terroristischen Praktiken verfolgten.

Der zweite entscheidende Impuls war der Sieg der islamischen Revolution im Iran.

All das was die Muslimbrüder seit Jahren in ihren Schriften f or-

derten, setzte Ayatollah Ruhollah Chomeini in die Tat um. Außerdem schaffte Chomeini, was bislang keiner schaffte: es gelang ihm, eine Brücke zum sunnitischen Islam zu schlagen.

In der Öffentlichkeit behandelte er die sunnitischen Politiker und Denker mit gebührendem Respekt und sammelte somit Pluspunkte bei der sunnitischen Bevölkerung des Nahen Ostens. Als er zum Beispiel erklärte, der von Nasser hingerichtete Ideologe der Muslimbrüder, Sayed Quttb, sei auch für die Schiiten ein „Hei-

liger“, waren ihm die Sympathien der sunnitischen Araber gewiß. Heute steht der persische Revolutionsführer bei den ägyptischen Fundamentalisten hoch im Kurs.

Bezeichnenderweise kommt auch der PLO-Vorsitzende Yassir Arafat aus dem Dunstkreis der Muslimbrüder. Die gemeinsame Ablehnung der westlichen Führungsmacht Amerika führte die beiden Revolutionsführer Chomeini und Arafat näher zusammen. Nach dem Motto „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ entstand allmählich ein palästinensisch-islamisches Zweckbündnis. Die Fachleute sprechen sogar von einer palästinensischislamischen „Terrorachse“.

Andererseits trieb der 1980 entflammte irakisch-iranische Krieg eine Flut von militanten irakischen Schiiten auf die persische Seite. Die Iraker konnten nicht mehr zurück, wurden von den Mullahs organisiert, und so entstanden die Terrororganisationen „al dawa“ (Der Ruf) und „al Mud-schahid“ (Der Kämpfer). Nach einem Bericht der Zeitung „Jeune Afrique“, müssen frisch rekrutierte Terroristen die von Ayatollah Taqi al Mudarissi geleitete Teheraner „Todesschule“ absolvieren. „AI dawa“ - Terroristen sollen auch für Kamikaze-Opera-tionen verwendet werden.

Jetzt Szenenwechsel: Libanon. Im August 1982 gibt es hier schwere Auseinandersetzungen zwischen dem Vorsitzenden der schiitischen „Amal“-Milizen Nabih Berri und einigen Milizkommandeuren über die künftige Rolle des Ayatollah Chomeini in der Bewegung der libanesischen Schuten. Berri: „Unsere Beziehungen zu Chomeini sind wie die eines katholischen Landes zum Papst. Wir leisten weder ihm noch Iran politische Gefolgschaft.“

Für die vom schiitischen Sendungsbewußtsein beseelten Milizkommandeure klingt das wie ein Frevel. Eine kleine Gruppe unter Hussein al Mussawi spaltet sich ab und gründet in Baalbek mit iranischer Hilfe die „Partei der islamischen Hoffnung“.

Nach Meinung von Terrorexperten befindet sich heute in Baalbek auch die Kommandozentrale der Terrororganisation „Heiliger Islamischer Krieg“ (Dschihad al islami). Uber den inneren Aufbau der Organisation herrscht jedoch Ratlosigkeit. Der „Dschihad“ übernahm mehrmals die Verantwortung für die Anschläge die von anderen verübt wurden. Die .Arbeitsweise“ des „Dschihad“: verschiedene Terrorgruppen werden vorübergehend „logistisch“ betreut. Die zentrale Leitung wird jedoch überflüssig, sobald die Gruppen selbständig agieren können.

Bislang erschienen zum Themenbereich politischer Islam Beiträge in der FURCHE 11(1986) 13(1986) 16(1986) und 19(1986).

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