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Kampf der feschen Kerle

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Die Demokratie hat in Brasilien einen denkbar schlechten Ruf. Am 15. November dürfen die Brasilianer - zum ersten Mal nach drei Jahrzehnten - ihren Präsidenten wieder selber wählen.

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Die Demokratie hat in Brasilien einen denkbar schlechten Ruf. Am 15. November dürfen die Brasilianer - zum ersten Mal nach drei Jahrzehnten - ihren Präsidenten wieder selber wählen.

Von den 82 Millionen Wahlberechtigten kommen 80 Prozent aus armen und ärmsten Verhältnissen. 50 Prozent sind jünger als 30 Jahre, 40 Prozent sind zumindest Halbanalphabeten. Das große südamerikanische Land ist so abgewirtschaftet, daß alle in die junge Demokratie gesetzten Hoffnungen enttäuscht scheinen - was Wunder, daß in solchem Wahlkampf nur der Auftritt im Fernsehen, die attraktive Tele-visage und markige Sprüche zählen. Dreiviertel der Haushalte besitzen ein TV-Gerät. Sprüche ge-

gen die Regierung von Präsident Jose Sarney lassen sich auch leicht finden. „Glücklos“ ist das liebenswürdigste Wort für seine Amtszeit.

Nachdem die Militärs nicht zuletzt wegen wirtschaftlicher Scherereien das Handtuch geworfen hatten, erwartete Brasilien (und das Ausland) Impulse von der Demo-

kratie. Sie blieben aus: Das Land schlitterte in immer größere Schwierigkeiten, sodaß heute Hoffnungslosigkeit bei eingefrorenen Löhnen und einer Inflation von 30 bis 40 Prozent im Monat herrscht (und die Rückzahlungen der riesigen Auslandsschulden unterbrochen sind).

Die dringende Landreform, die die Landflucht und damit die Slum-bildung in den Großstädten mildem sollte, wurde nicht durchgeführt. Die massiven Subventionen

für die veraltete einheimische Industrie verhindern noch immer die Konkurrenzfähigkeit am Weltmarkt. Die notorische Unterbezahlung der Arbeitskräfte (Mindestlöhne werden ausgehandelt, zu Gesetz, aber nicht ausbezahlt, bei Streiks wird einfach gekündigt) verhindert jedes leistungs-bezogene Lohnschema.

So steht heute Brasilien weit schlechter da als unter den Militärs, und nicht nur das Ansehen der Demokratie im Lande, sondern auch das Ansehen Brasiliens in der Welt hat schwer gelitten - die Verfolgung von Indianerstämmen und die Abholzung in den Amazonaswäldern passen genau in das neue häßliche Bild des Landes.

All das und etliches mehr gibt natürlich erstklassige Wahlkampfmunition ab. Sie wurde Anfang September von mehr als 2 0 Kandidaten benützt.

Jetzt hat sich das Feld der Bewerber eingegrenzt, wobei aber ein klarer Favorit nirgends zu finden ist. Selbst der jetzt als Spitzenkandidat gehandelte Fernando Collor de Mello, der als einer der Industriekandidaten gegen das Ausufern der Staatsbürokratie und die Kleinkorruption wettert, genießt bei Umfragen derzeit nur Unterstützung von etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten, und 40 bis 50 Prozent wissen noch immer nicht, wen oder was sie am 15. November wählen sollen.

Collor kommt wie sein umittel-barer Konkurrent Guilherme Afif Domingos aus reicher Familie. Beide sind „fesche Kerle“ im TV, vertreten industriefreundliche Standpunkte. Aber während Collor aus

der Provinz kommt, genießt Domingos die Unterstützung des übermächtigen Industriellenverbandes von Sao Paulo.

Aus “dieser Metropole kommt auch ein weiterer Kandidat, der mit Domingos jetzt Kopf an Kopf bei acht Prozent Zustimmung liegt: der rechtsgerichtete Ex-Gouverneur Paulo SalimMaluf (seiner libanesischen Abstammung wegen heftig als ungehobelter „Turco“ beschimpft).

Soweit die wichtigsten Kandidaten der rechten Seite. Wie die der linken sind sie Parteien verbunden; diese haben jedoch wenig Schlagkraft. Sie sind eher lose Wahlvereine denn ideologisch ausgerichtete Gruppen mit klaren Zielvorstellungen.

Aus den Gewerkschaften kommt der charismatische „Lula“ da Silva. Der Arbeiterführer, den auch die Militärs mit Knüppeln und Gefängnis nicht klein kriegen konnten, wirbt für Verstaatlichung und Kapitalgewinnsteuer.

Ebenfalls von links kommt Leo-nel Brizola. Ehemals ein Radikalsozialist - Grund genug für die Militärs 1964 zu revoltieren - ,ist er heute mit seiner Partei Mitglied der Sozialistischen Internationale. Er ist Führer für die kleinen Leute und rotes Tuch nicht nur für die Militärs, sondern auch für die Oligarchie. Die Landreform ist eines seiner großen Anliegen. Er hat von allen Kandidaten das schärfste Profil, aber gemeinsam mit „Lula“ ist er der Schrecken für die Unternehmer: Kaum stieg in den Umfragen die Zustimmung für die beiden (während die für den rechten Collor sank), kletterte der schwarze Dollarkurs sowie der Goldpreis, und die Industriellen ließen wissen, daß ein Sieg der Linken das Land vollends ruinieren würde, weil alles ins Ausland abwandern würde; tatsächlich sind die steigenden Kurse nicht auf Panik (Brizola liegt derzeit nur bei 13 bis 15Pro-

(FURCHE/Lurie)

zent Zustimmung), sondern auf die Geldschwemme zurückzuführen, die steigende Preise bei den Firmen auslösen: Statt Steuern zu zahlen, werden lieber am Schwarzmarkt Dollars gekauft.

Brizola stößt allerdings nicht nur bei den Unternehmern und dem Militär auf Ablehnung, auch die Gewerkschaften wollen ihn nicht. Sie beschimpfen ihn als Opportunisten, weil er jetzt versucht, sich mit den Starken des Landes anzufreunden. Die Kirche hält auch Distanz.

Wer auf ihn zählt, das sind die Armen von Rio de Janeiro und ein Teil der Intellektuellen. Die einen, weil er ihr „Rächer“ war und ist, die anderen, weil sie wissen, daß der blendende Rhetoriker der einzige unter den Präsidentschaftskandidaten ist, der den Bogen aus der Zeit vor der Militärdiktatur bis heute schließen kann.

Nichts davon ist bei Fernando Collor de Mello der Fall: Collor ist telegen, aber ideologisch völlig blaß. Sein angesagter Kampf gegen die staatliche Bürokratieschlamperei bringt ihm Zustimmung, weil jeder jeden Tag darin verstrickt ist. Aber wer glaubt ihm, seit Details aus seiner Amtszeit als Gouverneur bekannt geworden sind, die so gar nicht ins Bild des Saubermannes passen?

Vielleicht braucht ihm niemand zu glauben, vielleicht wird er sich einfach als der bessere Fernsehstar durchsetzen?

Aber bis es soweit ist, muß Jose Sarney, der jetzt geschickt alle Übel seiner Amtszeit auf die jeweiligen Ressortchefs abschiebt, alles tun, um das Gespenst einer „Hyperin-flation“ wie in Argentinien abzuwehren. Wieder ist ein Preisstop im Gespräch, wieder stimmen einige Gruppen der Wirtschaft zu (und wieder, ist zu vermuten, wird nur der Lohnstop, nicht aber der Preisstop halten).

Entschieden wird wohl erst bei der Stichwahl am 17. Dezember zwischen den beiden stimmenstärksten Kandidaten aus der Wahl am 15. November - und die werden wohl Collor und Brizola heißen. Aber so sicher ist das nicht. Die berühmte Seherin Neila Alkmim hat Guilherme Afif Domingos den Sieg vorhergesagt. Die TV-hungrigen Brasilianer würden aber am liebsten - das haben Gallup- Umfragen ergeben - Silvio Santos, einen 58jährigen Entertainer, der einem gigantischen Show-Progra*im vorsteht, an ihrer Spitze seherf Santos - umgeben von leichtgeschürzten Mädchen - hat erst am Dienstag vergangener Woche seine Kandidatur angemeldet und schon größte Zustimmung erhalten.

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