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Kein Ausbruch aus dem Teufelskreis ?

1945 1960 1980 2000 2020

In Beirut und anderswo, in den Familien und auf den Straßen: unseren Alltag prägen Gewalt und Terror. Ist es nicht höchste Zeit, daß wir uns besinnen und umkehren?

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In Beirut und anderswo, in den Familien und auf den Straßen: unseren Alltag prägen Gewalt und Terror. Ist es nicht höchste Zeit, daß wir uns besinnen und umkehren?

Der Amal-Spuk von Beirut ist vorüber. Die amerikanischen Geiseln konnten in den Schoß ihrer Familien zurückkehren. Nur einer, ein junger Mann, mußte sein Leben lassen auf dem Schlachtfeld des Terrors. Er mußte sterben, damit der Weltöffentlichkeit klar wurde, daß die Drohungen der Geiselnehmer ernst zu nehmen waren.

Die amerikanischen Fernsehzuschauer müssen nun wieder mit der alltäglichen Filmgewalt leben. Der süße Schauer der Live-Berichterstattung aus dem für sie so fernen Nahen Osten hat dem Effekt des normalen Zelluloidterrors zu weichen. Die Welt kann wieder zum Alltag übergehen. Und dieser Alltag - ist der soviel anders, ist nicht auch er geprägt von Gewalt und Terror?

Gewalt in den Familien - ein Club-2-Titel kürzlich nannte das Kind beim Namen: „Schlachtfeld Familie”; Gewalt in den Straßen mit ihrer weltweit steigenden Kriminalität; Gewalt in den politischen, in den wirtschaftlichen Strukturen, wo es immer ungeschminkter um das Recht des Stärkeren, um Machtausübung geht; Gewalt der Mächtigen über die Ohnmächtigen, der Regierenden über die Regierten, der Reichen über die Armen.

Wenn 40 Amerikaner als Geisel genommen werden, wenn vor der irischen Küste ein Zivilflugzeug von einer Bombe zerrissen wird, und die Toten immerhin schon in die Hunderte gehen - dann hält die Welt den Atem an.

Aber wenn Millionen den ganz leisen, ganz unspektakulären Hungertod sterben, weil Entwicklung eben zwei Seiten hat — die Seite der Satten, der Gewinner und die Seite der Hungernden, der

Verlierer — was kümmert uns das wirklich?

Wir spenden ein bißchen, geben ein wenig ab vom Uberfluß — aber daran zu denken, es endlich mit dem Teilen zu versuchen, die Ausbeutungsstrukturen unserer Wirtschaft zu verändern — aber nein doch, wo kämen wir denn da hin?

In einem Aufsatz gibt der Grazer Volkswirtschaftler Stefan Schleicher auf die rhetorische Frage: Welche Produkte sollen denn produziert werden, wie viele Güter werden wirklich gebraucht und wem sollen sie zukommen? — die Antwort:

„Eine solche Diskussion könnte die Einsicht stärken, daß in vielen Industrieländern die Sättigungsgrenzen des Wohlstandes sich bereits abzeichnen, daß die Erhöhung des eigenen Wohlstandes nur noch zu weiteren Lasten der Entwicklungsländer möglich ist und daß eine solche Strategie das internationale Konfliktpotential weiter erhöhen würde. Die nüchterne Sprache der Ökonomen würde sagen, daß im internationalen Handel die Vorteile des gegenseitigen Tausches ausgeschöpft sind und es jetzt um das Teilen geht. Der Vorgang des Teilens bedarf jedoch noch einer Ent-tabuisierung.”

In diesem Bereich muß mit Mut und Phantasie ans Werk gegangen werden, um die in diesen Jahren eskalierende Gewalt und Neigung zu terroristischen Aktionen zu entschärfen.

Wenn man weiß, daß Schiiten die seit jeher am stärksten unterdrückte islamische Gruppe sind, wenn man jemals das Elend der schiitischen Viertel in Beirut gesehen hat, die immer von beiden Seiten unter Feuer genommen worden sind, ist doch zu erkennen, daß es sich bei den terroristischen Aktionen dieser Menschen nicht um Primär-, sondern um Gegengewalt handelt, die noch dazu von einer fremden Macht als politisches Werkzeug ausgenützt worden ist.

Wenn man sich daran erinnert, daß das Heiligtum der Sikhs, der Goldene Tempel von Amritsar, durch Staatsgewalt zerstört worden ist, dann ist es auch hier nicht damit getan, von „räudigen Hunden” zu sprechen und so zu tun, als wäre mit Rache und Vergeltung alles aus der Welt geschafft.

Die Haßtiraden des amerikanischen Präsidenten, die unverantwortliche Aufwiegelung des amerikanischen Volkes durch die Berichterstattung in den Medien, die eher einer „Horror Pictures Show” glich, das pathetische Gerede von der erschöpften Geduld des amerikanischen Volkes - all dies führt uns nicht weg vom Terror, sondern immer nur tiefer in diesen Teufelskreis hinein.

Gewalt gebiert Gewalt. Sind wir noch immer nicht bereit, mehr aus der Geschichte zu lernen, als daß man nichts lernt? Wieviel Unglück und Leid, wieviel Not und Tod hat diese unsere scheinbare Lernunfähigkeit schon in dieser Schöpfung gebracht. Der Mensch ist durchaus lernfähig, nur von den Mächtigen, aus der jeweils vorgegebenen politischen Opportunität heraus, wird er daran gehindert, sich zu verändern und umzukehren.

Die Manipulation des Menschen durch die Machtausübung weniger wird aber heute angesichts der sich immer schneller drehenden Spirale der Gewalt und angesichts des wachsenden Gewaltpotentials durch die wahnwitzige Hochrüstung von Tag zu Tag verantwortungsloser.

Wie deutlich müssen die Zeichen an der Wand noch werden? Unsere Gewalt gegen die Mehrheit unserer Welt — und Zeitgenossen — fordert jährlich Millionen Hungertote und ein sich ex-

„Wir müssen den Geist der Gewalttätigkeit in uns überwinden...” ponentiell vermehrendes Konfliktpotential.

Unsere Gewalt gegen Minderheiten und Randgruppen der Gesellschaften schürt den Terror, der oftmals ein Terror aus Verzweiflung ist und nicht wilde Lust an der Gewalt, wilde Mordlust.

Wir haben es tatsächlich „herrlich weit gebracht”. Wäre es nicht hoch an der Zeit, uns endlich dessen zu besinnen, der in die Welt gekommen ist, um ihr den Frieden zu bringen, jenen Frieden, „der nicht von dieser Welt, aber für diese Welt ist”?

Bereits vor 25 Jahren schrieb Fritz Bade: „Weder Wirtschaftsunternehmer noch Politiker haben bisher allzuviel Geneigtheit gezeigt, die Lehre Christi wörtlich zu nehmen. Sie haben es als Realpolitik angesehen, einen Geist des Besitzwillens haben zu müssen, einen Geist des Machtwillens und eine Bereitschaft zur Gewalttätigkeit. Nun, was die Nicht-Sanftmütigen uns an Trümmern hinterlassen haben, wissen wir. Wenn es im Jahre 2000 überhaupt noch eine Erde gibt und wenn es sich lohnen sollte, darauf zu wohnen, so muß dieser Geist der Gewalttätigkeit überwunden werden. Die Bergpredigt mit dem Wort: Selig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen, muß zum Vade-mecum der Realpolitik werden.”

Und der Religionsphilosoph Pinchas Lapide kommt zur Erkenntnis, daß „die Fülle der Vernunft heute darin besteht, die .Goldene Regel' - Alles, was Ihr wollt, daß Euch andere tun, das tut auch ihnen — aus den Gotteshäusern in die Parlamente und Außenämter zu tragen. Von der Sozialfürsorge über die Abrüstungskonferenzen bis zur Regelung internationaler und nationaler Konflikte: Nächstenliebe und Entfeindungsdienst sind heute keine frommen Wünsche mehr, sondern das dringliche Diktat einer Ausgleichsstrategie.

Eine Welt - oder keine! Auskommen — oder umkommen! Den Krieg abschaffen — ehe er uns abschafft! Das ist die einzige Alternative, die sich den Bewohnern unseres Planeten mit steigender Brisanz aufdrängt. Unter diesen Umständen kann Jesu' richtig verstandene Berglehre zur Grundlage für ein Programm des menschenwürdigen Uberlebens und zum Wegweiser für den Weltfrieden werden. Die Zeit drängt. Es ist schon spät geworden...”

Würde nicht langsam Aufgeschlossenheit für solche Gedanken erwachsen, wären alle Terroropfer umsonst gestorben, hätten alle Terrorgeiseln umsonst gelitten.

Die Autorin ist Leitender Redakteur im ORF-Aktueller Dienst und Zeitgeschehen.

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