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Digital In Arbeit

Kein Feind der Technik

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Äußerlich hat sich die Welt in den letzten 15 Jahren enorm verändert. Aber wie steht es mit der inneren Einstellung der Menschen? Dazu die Antwort eines Meinungsforschers.

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Äußerlich hat sich die Welt in den letzten 15 Jahren enorm verändert. Aber wie steht es mit der inneren Einstellung der Menschen? Dazu die Antwort eines Meinungsforschers.

Die Veränderungen sind natürlich bei weitem nicht so dramatisch, wie man das gern in der Medienlandschaft darstellt. Trotzdem sind sie stärker, als es das individuelle Bewußtsein registriert, weil dieses relativ rasch vergißt, wie die Situation vor zehn oder 15 Jahren gewesen ist.

Relativ unverändert - trotz gegenläufiger Behauptungen, vor allem was die BRD betrifft - istdie Einstellung der Österreicher zur Arbeit. Es hat sich nicht bewahrheitet, daß die Freizeit immer wichtiger und die Arbeit immer unwichtiger wird.

Den Österreichern ist die Arbeit nicht nur Lebensmittel, sondern auch Lebenszweck, um es pointiert zu formulieren. Sie vermittelt Lebenssinn auch für jene Menschen, die eine Arbeit ausüben, die von der Warte der Berufssoziologen oder kritischer Geister aus betrachtet keinen Sinn herzugeben scheint.

Dieses Bild der hohen Wertschätzung der Arbeit ist nicht nur für die Erwachsenen, sondern auch für die Jugendlichen typisch. Es gibt nicht primär Aussteiger, sondern verhinderte Einsteiger, junge Leute, die keinen Arbeitsplatz finden können.

Allerdings findet man bei Jugendlichen vermehrte qualitative Ansprüche an die Arbeit. Junge Österreicher wünschen sich in vermehrtem Ausmaß eine interessante, möglichst selbständige Tätigkeit, in deren Rahmen man freier über seine Zeit verfügen kann.

Der Wunsch nach flexiblen Arbeitszeiten, nach Zeittransfer von einer Woche zur nächsten hat in den letzten Jahren relativ stark zugenommen. Der Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung ist in Österreich nicht so sehr ausgeprägt.

In der Hierarchie der Ansprüche an die Arbeit steht nicht die sehr gute Bezahlung an oberster Stelle, sondern Sicherheit, soziale Bestätigung sowie Selbständigkeit und das Merkmal interessante Tätigkeit.

Das zweite Themenfeld ist die Einstellung zu Fragen der Technik und Technologie. Es gab Anfang der siebziger Jahre die weitverbreitete Technikgläubigkeit. Technischer Fortschritt war damals einer jener Begriffe, die sich höchster Wertschätzung erfreut haben.

Wenn sich diese Einstellung Mitte der achtziger Jahre nicht mehr erkennen läßt, so bedeutet das noch nicht eine oft unterstellte Technikfeindlichkeit der österreichischen Bevölkerung. Was für die österreichische Wirklichkeit charakteristisch erscheint, ist ein Abnehmen des unbedingten Vertrauens in die Lösungskapazität der Technik und eine Furcht vor der Groß- und Rüstungstechnik. Es gibt in Österreich tatsächlich eine manifeste Furcht vor der Atomtechnik.

Es gibt so gut wie keine Skepsis gegenüber der Technik im Haushalt, obwohl dort die meisten Unfälle geschehen. Und es gibt eine durchaus positive Einstellung zu technischer Innovation am Arbeitsplatz: keine Maschinenstür-merei gegen die Einführung von Computern und Elektronik am Arbeitsplatz.

Man fürchtet sich lediglich vor der Tatsache, daß man den intellektuellen Ansprüchen, die diese Techniken am Arbeitsplatz stellen, nicht gewachsen sein könnte. Man a ssoziiert nämlich mit diesen Geräten Begriffe wie Mathematik, Informatik und sonst unzugängliche Dinge.

Eine massive Verschiebung hat es in den letzten 15 bis 20 Jahren gegeben, was die Sensibilität für Fragen der Umwelt betrifft. Für 1968 haben wir gar keine einschlägigen Zahlen, weil das Vokabel Umweltbewußtsein noch nicht bekannt war. Ein Begriff wie Umweltbedrohung war im Bewußtsein der breiten Bevölkerung nicht verankert.

In den letzten Jahren hat die Besorgnis wegen der Umwelt derart massive Formen angenommen, daß Umweltpolitik zum obersten Prioritätenschatz gehört, nachdem Arbeitsplatzsicherung das Vokabel der siebziger Jahre gewesen ist. 1985 war es erstmals soweit, daß die Bevölkerung der Umweltpolitik denselben Stellenwert wie der Arbeitsplatzsicherung eingeräumt hat.

Diese Besorgnis hat sich längst spezifiziert. Man spricht vom Waldsterben, macht sich Sorgen, was die Grundwasserversorgung und die Verschmutzung der Böden anbelangt. Diese Sorgen sind in Zeiten wirtschaftlicher Rezession nicht kleiner geworden, wie manche harte Wirtschaftspolitiker vermutet hatten, sondern haben zugenommen.

Diese Sorgen und Ängste schlagen sich auch im Konsumentenverhalten nieder. Das Aufkommen der sogenannten „grünen“ Parteien geht ebenfalls zu einem wesentlichen Teil auf die Umweltbesorgnisse zurück.

Deutlich zugenommen hat in den letzten 15 bis 20 Jahren auch das Interesse an Mitbestimmung im öffentlichen Bereich. Viele politische Institutionen auch außerhalb der politischen Parteien, auch die Kirche, werden von diesen Mitbestimmungsansprüchen erreicht werden. Diese Ansprüche laufen nicht immer parallel zu den Möglichkeiten beziehungsweise zur Fähigkeit, mitzubestimmen.

Wenn man sich die kurze Geschichte der österreichischen Mitbestimmung ansieht, von Zwen-tendorf bis zum Konferenzzentrum, dann kann man die Situation am besten als eine „zwischen Apathie und Protest“ bezeichnen. Auf der einen Seite gibt es weit verbreitete Anomiegefühle. Man meint auf der politischen Bühne herumzustehen und nicht einmal Statist zu sein, weil die da oben ohnedies nicht zuhören.

Ergibt sich dann aber eine Möglichkeit, etwas zu tun, so kommt es zu Uberschußreaktionen, die stärker sind, als es dem Gegenstand angemessen erscheint. Es ist zu erwarten, daß die einschlägigen Ansprüche steigen werden, weil höhere berufliche und schulische Ausbildung in diese Richtung wirkt.

Der Autor ist Geschäftsführer der „Dr. Fessel und GfK-Gesellschaft“ in Wien. Sein Beitrag zitiert auszugsweise einen Vortrag des Autors bei der Sommerakademie der Katholischen Männerbewegung. \

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