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Digital In Arbeit

Kein Gedränge auf dem Arbeitsmarkt

1945 1960 1980 2000 2020

Warum geht in Österreich die Arbeitslosenrate trotz Hochkonjunktur nicht zu- rück? Zahlen allein geben jedenfalls keine verläßliche Auskunft über die wirkliche Arbeitsmarktsituation.

1945 1960 1980 2000 2020

Warum geht in Österreich die Arbeitslosenrate trotz Hochkonjunktur nicht zu- rück? Zahlen allein geben jedenfalls keine verläßliche Auskunft über die wirkliche Arbeitsmarktsituation.

In jüngster Zeit wird die öffentli- che Diskussion von Arbeitsmarkt- problemen beherrscht. Die Unter- nehmer klagen über drückenden Mangel an Arbeitskräften und ver- langen eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Der Bundesmini- ster für Arbeit und Soziales ver- weist auf die relativ hohe Arbeits- losenrate und fordert die Unter- nehmer auf, doch die Arbeitslosen einzustellen. Damit scheint es al- lerdings einen Haken zu haben, denn als der Verband heimischer Zentralheizungs- und Lüftungs- bauer alle 450 in Wien vorgemerk- ten arbeitslosen Installateure zu einem Vorstellungsgespräch einlud, kamen nur 50, von welchen nach näherer Prüfung letztlich einer(!) aufgenommen werden konnte.

Wie sehen nun angesichts dieser Widersprüche die Fakten aus?

1989 gab es ein fast „stürmisch" zu nennendes Beschäftigungs- wachstum um 51.800 Unselbstän- dige oder 1,8 Prozent, womit die stärkste Zunahme seit 1977erreicht wurde. Doch bewirkte diese außer- ordentlich kräftige Expansion praktisch keinen Rückgang der Arbeitslosigkeit. Selbst die ausge- wiesene Reduktion der bei den Arbeitsämtern vorgemerkten Ar- beitslosen um 9.500 oder 0,3 Pro- zent des Arbeitskräfteangebotes überzeichnet die Lage etwas, weil fast die gesamte Abnahme der Arbeitslosigkeit auf die außeror- dentlich günstige Saisonentwick- lung im ersten und auch noch im zweiten Quartal zurückzuführen ist. Im vierten Quartal stand einer Be- schäftigungsexpansion von 54.700, eine Reduktion der Arbeitslosig- keit von nur 1.900 gegenüber. Die Arbeitslosenrate verharrte daher bei fünf Prozent. Im laufenden Jahr hat sich das Beschäftigungswachs- tum verstärkt, die Arbeitslosigkeit aber überhaupt nicht mehr verrin- gert.

Andererseits finden sich Indika- toren für Verknappungserscheinun- gen auf dem Arbeitsmarkt, ein massives Ansteigen der bei den Arbeitsämtern gemeldeten offenen Stellen um fast die Hälfte und eine kräftige Zunahme der zugelasse- nen ausländischen Arbeitskräfte - deren wachsender Anteil schon in manchen Branchen, wie etwa in der Bauwirtschaft - schon den Lohn- anstieg reduziert.

Will man sich ein realistisches Bild der Arbeitsmarktlage machen, muß man davon ausgehen, daß ein Teil der ausgewiesenen Arbeitslo- sen nur eingeschränkt zur Verfü- gung steht - die Rate der Arbeitslo- sen mit Einstellungszusage erreich- te 19891,3 Prozent, jene der schwer Vermittelbaren 1,4 Prozent - doch ist damit nicht die Frage beantwor- tet, warum der Rest kaum auf die sich intensivierende Nachfrage reagiert. Eine vollkommen befrie- digende Erklärung konnte bisher nicht gefunden werden, doch gibt es zumindest einige Hinweise.

Studien zum Problem der Lang- zeitarbeitslosigkeit ergaben, daß die Ursache für die lange Dauer zum Teil an unzureichenden Qualifika- tionen liegt, in erster Linie jedoch daran, daß sich die Marktpartner nicht über die Entlohnung einigen können. Es scheint also, daß ein beträchtlicher Teil der Arbeitslo- sen nicht mehr, wie in der Vergan- genheit, unter dem existentiellen Druck steht, unter allen Umstän- den zu kontrahieren, sondern un- terhalb des „Akzeptanzlohns" nicht abschließt, und andererseits der Arbeitskräftemangel vielen Unter- nehmern nicht so gravierend er- scheint, um Gehaltskonzessionen zu machen. Man kann also die gegen- wärtige Arbeitslosigkeit teilweise in die Kategorie der „Sucharbeits- losigkeit" einordnen.

Darüber hinaus könnte auch eine Tendenz zu höherer „Flexibilisie- rung" in der Weise eine Rolle spie- len, daß mehr kurzfristige, zeitlich begrenzte Arbeitsverhältnisse be- gründet werden. Diese führen dazu, daß solche Arbeitskräfte immer wieder für kürzere Phasen in die Arbeitslosigkeit abfließen. Auch sehen manche Beschäftigte durch die geänderte Marktlage die Chan- ce, ihren Arbeitsplatz zu verbes- sern.

All das scheint nicht weit ab von der internationalen Entwicklung zu liegen, in deren Rahmen sich die Arbeitslosigkeit auch ziemlich re- sistent erweist. Eine Ausnahme bildet nur die Bundesrepublik, wo der gewaltige Zustrom an Arbeits- kräften 1989 vollkommen absor- biert und die Arbeitslosigkeit noch verringert wurde.

In Österreich fällt jedoch auf, daß die von den Arbeitsämtern ausge- wiesene Arbeitslosenzahl weit über die durch den Mikrozensus erhobe- ne hinausgeht, welche den interna- tionalen Erfassungsmethoden ent- spricht und von der man eher höhe- re Werte, als in der Verwaltungs- statistik erwartet. Jene wies aber eine ArbeitslosenzahJ. von etwt. 108.000 aus, welche um rund40.000 unter der von den Arbeitsämtern registrierten lag. Berechnet mit den Daten dieser Statistik und nach den internationalen Kriterien (Arbeits- lose in Prozent aller Erwerbsperso- nen) hätte die österreichische Ar- beitslosenrate 1989 3,2 Prozent ausgemacht und wäre damit unter jener aller europäischen OECD- Staaten mit Ausnahme der Schweiz (0,5 Prozent) und Schwedens (1,3 Prozent) geblieben.

Damit erhebt sich aber die Frage, wie weit das von den Arbeitsäm- tern ausgewiesene hohe und persi- stente Niveau der Arbeitslosigkeit auf institutionelle Faktoren zurück- zuführen ist. Diese sind von Au- ßenstehenden natürlich schwer zu beurteilen, doch lassen sich einige Vermutungen anstellen. Von dem außerordentlich hohen Anteil der Saisonarbeitslosigkeit und den schwer vermittelbaren Arbeitskräf- ten wurde schon gesprochen. Die eingangs erwähnte Geschichte von den arbeitslosen Installateuren erhärtet den Eindruck, daß die Arbeitswilligkeit der Bezieher des Arbeitslosengeldes praktisch nicht geprüft wird. Mag sein, daß diese und ähnliche Erscheinungen auf eine geänderte Schwerpunktset- zung des Sozialministeriums im letzten Jahrzehnt zurückgehen.

Im Laufe der sechziger Jahre wurde von der damaligen Beam- tenschaft des Ministeriums unter dem Einfluß der OECD das Kon- zept der „aktiven Arbeitsmarktpo- litik" entwickelt, das, über die klas- sischen Aufgaben der Arbeits- marktverwaltung, nämlich Ver- mittlung und Existenzsicherung, hinausgehend, danach strebte, die Mobilität auf dem Arbeitsmarkt zu fördern, die Qualifikation der Ar- beitskräfte zu steigern und das Arbeitskräfteangebot auszuweiten. Dieses Konzept, das nach dem In- krafttreten des Arbeitsmarktf örde- rungsgesetzes im Jahre 1969 reali- siert wurde, zielte in seinem Kern auf eine Verbesserung des Wirt- schaftsablaufes - die natürlich auch für den Arbeitnehmer durch Maxi- mierung seines Einkommens Vor- teile bringen sollte. Obwohl die aktive Arbeitsmarktpolitik in er- ster Linie für eine Vollbeschäfti- gungssituation konzipiert war, konnte durch geschickten Einsatz ihres Instrumentariums ein wichti- ger Beitrag zur Erhaltung dieser in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre geleistet werden.

In den achtziger Jahren wurden unter Bundesminister Dallinger ganz neue Schwerpunkte im Bun- desministerium für Arbeit und Soziales entwickelt, welche einer- seits in Richtung der Fürsorge la- gen und den „Versorgungsauftrag" der Arbeitsmarktverwaltung beton- ten, andererseits Gesellschaftsver- änderungen anstrebten. Die letzte- re Position wurde beispielsweise im „Arbeitsmarktpolitischen Schwer- punktprogramm 1982" zum Aus- druck gebracht, als erstmalig eine signifikante Verschlechterung der Arbeitsmarktlage prognostiziert worden war: „Die gegenwärtigen Beschäftigungsprobleme dürfen aber nicht die längerfristige Auf- gabe der Arbeitsmarktverwaltung in den Hintergrund treten lassen, im Sinne der Herstellung von mehr Gerechtigkeit in der Gesellschaft zum Abbau der Benachteiligung der Frau im Arbeitsleben auch in die- sen Zeiten zu leisten" (Bundesmi- nisterium für soziale Verwaltung, 1982, Seite 6).

Und selbst mit drastischem An- stieg der Arbeitslosigkeit blieb die Aufmerksamkeit des Ministeriums nicht nur in hohem Maße auf „Pro- blemgruppen" konzentriert-wozu es Frauen und Jugendliche zählte - sondern es wurden Instrumente „ experimenteller Arbeitsmarktpo- litik" entwickelt. Deren experimen- teller Charakter bezog sich aber kaum auf den Arbeitsmarkt, son- dern wieder auf gesellschaftspoli- tische Aspekte. Das galt beispiels- weise für die finanzielle und perso- nelle Unterstützung von „selbstor- ganisierten Betrieben". Diese ver- änderte Schwerpunktsetzung be- einträchtigte die Konzentration auf die konjunkturelle Arbeitslosigkeit.

Will man erste und vorläufige Schlüsse aus allen diesen Überle- gungen ziehen, dann läßt sich sa- gen, daß sowohl die Herausbildung neuer Verhaltensweisen wie auch institutionelle Faktoren die Resi- stenz der Arbeitslosigkeit erklären, daß daher der Arbeitslosenrate unter gegebenen sozialen und wirt- schaftlichen Bedingungen nicht mehr derselbe Stellenwert zu- kommt wie etwa in den dreißiger Jahren, und daß sie nur mehr in beschränktem Ausmaß Auskunft über die Anspannung des Arbeits- marktes gibt.

Der Autor ist stellvertretender Leiter des In- stituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) in Wien.

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