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Kein Platz mehr für Gott?

Wer Glaube und Wissen als Gegensätze und feindliche Brüder ansieht, hat beide nicht richtig verstanden. Zwar läßt sich Wissen in günstig gelagerten Fällen beweisen, während Glauben immer einen letzten personalen Einsatz verlangt, aber gerade darin liegt ein so hoher existentieller Rang des Glaubens, daß er sich gegenüber dem Wissen des bloß Faktischen als überlegen erweist: Wissen kann jeder Computer, glauben nur der Mensch. „Glauben ist mehr als Wissen“, haben denn auch die alten Kirchenväter schon gesagt.

Doch die neuen „Kirchenväter“ des Unglaubens, die erst in einem mühsamen Prozeß der Umfunktionierung das Wissen der Naturwissenschaft zum Argument gegen den Glauben der Religion tauglich machten, meinten, diesen Satz umkehren zu dürfen: „Wissen ist mehr als Glauben!“

Das aber stimmt nur, wenn man zuvor in einem groben Roßtäuschertrick aus dem Glauben der Religion (nämlich aus der demütigen Anerkennung von Offenbarungswissen) einen „Glauben“ an vermutete Wahrscheinlichkeiten macht, also eine unsichere wissenschaftliche Sachaussage. Dann geht die Rechnung auf: „Ich glaube an Gott und an den Sinn dieser Welt“ heißt dann nur noch: Ich vermute, daß es einen Gott und einen Sinn gibt, doch bin ich mir nicht sicher, sondern ich halte es nur für möglich.

Und dann gilt die Logik, die gegenüber jeder Sachaussage in Vermutungsform gilt: Die endgültige Entscheidung bringt das sichere Wissen, und damit ist dann zugleich die Vermutung als vorläufige Statthalterin der Wahrheit aufgehoben und überflüssig geworden.

Aber dies sind Trugbilder und philosophische Taschenspielerkünste, denn Wissen heißt auch im Kern der Naturwissenschaft nicht einfach: mit Sicherheit besitzen, sondern sehr oft: mit Wahrscheinlichkeit vermuten oder - noch bescheidener - als mögliche Erklärung eines Zusammenhangs annehmen.

Dagegen heißt Glausen (das sprachlich mit Lieben und Geloben verwandt ist), sich mit der eigenen Person für die Wahrheit einer Sache einzusetzen, Farbe zu bekennen und es zu wagen, auf einem Satz oder einem Zusammenhang die eigene Existenz und Weitsicht zu gründen.

Die Naturwissenschaft selbst ist voll solchen Glaubens (an die Allgemeingültigkeit von Meßergebnissen usw.), und der Glaube ist andererseits voll von echtem Wissen.

Wer also Gläubige und Naturwissenschaftler in eine Entweder-Oder-Posi- tion auseinandertreibt, der schafft eine ideologische Front, die zwar ihren Zweck - nämlich den Glauben zu verunsichern - erfüllt, aber an der Wirklichkeit vorbeigeht.

Das letzte Jahrhundert ist gekennzeichnet durch dieses neue Schisma, und in ihm ist die Weitsicht zur materialistischen Weltanschauung verkommen, in der nicht nur Gott keinen Platz mehr hat (ihm hatte Ernst Haeckel die „Wohnungsnot“ schon vor hundert Jahren prophezeit), sondern letztlich auch der Mensch nicht mehr, denn er wird schließlich „rein wissenschaftlich“ zum „Zigeuner am Rande des Universums“ (J. Monod).

Es darf daher als Glücksfall gelten, daß in der Person von Pierre Teilhard de Chardin dieses Schisma aufgehoben wurde: da war ein tiefgläubiger Christ, der auf der Höhe der Naturwissenschaft seiner Zeit stand und damit die Behauptung Lügen strafte, daß man nur eines sein könne: entweder ein Gläubiger oder ein Wissenschaftler!

Mag sich Teilhard in vielen Details geirrt haben (das ist Schicksal aller Wissenschaftler) - was von ihm bleibt und als belebende Kraft weiferwirkt, ist der Optimismus, mit dem er den Glauben und das Wissen der Menschheit aufeinander zugehen sah! Aus der Sicherheit des Glaubens heraus konnte er ein ungebrochenes „Ja“ zu Naturwissenschaft und Technik sagen, und aus dem Einblick in die Biologie konnte er ein strahlendes Credo gewinnen.

Im Punkte Omega, im Welterlöser Christus, sah er alles zusammenlaufen, was sich gegenwärtig noch auf getrennten Bahnen (als Naturwissenschaft und Technik hier, als Glaubensleben dort) durch die Geschichte in die Zukunft bewegt.

An einem Beispiel sei dieser Optimismus und die tiefe Einsicht Teilhards noch belegt: In der Gegenüberstellung des biblischen Schöpfungsberichts und der biologischen Evolutionslehre sah er keine Gegensätze, aber auch keine Dou- bletten der Erkenntnis, sondern er setzte das Wissen der Naturwissenschaft und den Glauben der Kirche gemeinsam wieder in ihre verschiedenen Ränge ein.

Denn gewiß ist für ihn die Wahrheit über die Evolution sowohl in der Bibel wie in der Naturforschung zu finden. Aber: „Gottes Wort ist keine die wissenschaftliche Forschung unnütz verdoppelnde, vielmehr eine die Wissenschaft beseelende Offenbarung“. Hier wird deutlich, wie Glauben und Wissen zueinander stehen. Es ist ein hoffnungsvolles Kennzeichen unserer Zeit, daß in beiden Lagern dieses neue Nebeneinander heute verstanden und akzeptiert wird.

Der Verfasser ist Professor für Zoologie an der Universität Gießen und Direktor des Max-Planck- Instituts für Limnologie in Schlitz (BRD).

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