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Kein Studium zum Nulltarif mehr?

FURCHE: Sie haben das Reizwort von der ,Massenuniversität“, vom,Mulltarif“ am Ende Ihrer Inaugurätionsrede fallen lassen. Wie stellen Sie sich einAb- gehen vom kostenlosen Studium vor?

STREMITZER: Ich glaube, es ist das Bewußtsein verloren gegangen, daß das Studium etwas

kostet. Eine Rückkehr zu Studiengebühren sollte das Bewußtsein steigern, daß der Steuerzahler für die wissenschaftliche Ausbildung der Studenten sehr viel leistet. Studiengebühren dürfen keine finanzielle Hürde sein. Ein enges soziales Netz müßte sie ergänzen.

FURCHE: Wo sehen Sie die Grenzen der Belastbarkeit des Studenten?

STREMITZER: Die Stipendienbezieher müßten natürlich freigestellt bleiben, darüber hinaus sollten etwa 20 bis 30 Prozent

der Hörer — stufenweise - Studiengebühr-Befreiung erhalten.

Da die Einkommensgrenzen für die Zuerkennung von Stipendien ohnehin kontrolliert werden müssen, könnte auch eine entsprechend höhere Grenze für die Befreiung ohne wesentlichen Mehraufwand administriert werden. Die Universitäten aber erhielten- entsprechend ihrer Größe — sofort zusätzliche Mittel.

Die Höhe der Gebühren könnte sich an ausländischen Vorbildern orientieren. Ein Betrag zwischen 200 und 1000 Schilling im Monat müßte zumutbar sein. Bei Härtefällen sollte die Universität autonom und großzügig entscheiden können.

FURCHE: Sie haben angeregt, die Erkenntnisse der Betriebs-

Wirtschaftslehre auf den Betrieb der Universität zu übertragen — warum?

STREMITZER: Die Universität hat als nachgelagerte Dienststelle

des Wissenschaftsministeriums nicht die Möglichkeit, wie es in der Privatwirtschaft selbstverständlich ist, Entscheidungen zu treffen und sie gleich zu verwirklichen.

So kann etwa die Gründung, Zusammenlegung oder Ausein-

anderlegung von Instituten nicht nach Gutdünken der Universität erfolgen, sondern nur auf Weisung des Ministeriums — auch wenn keinerlei Kosten erwachsen. In der Privatwirtschaft wäre das undenkbar.

Die Universität hat keine Möglichkeit, durch neue Verfahren eine Leistungssteigerung zu erreichen. Sie hat keinen Anreiz, zu sparen, weil es unmöglich ist, in einem Budgetposten eingesparte Beträge anderswo zu verwenden.

Daß der Betrieb trotzdem relativ reibungslos abläuft, ist nur der Tatsache zu verdanken, daß vieles informell, mitunter sogar gesetzwidrig, erledigt wird.

FURCHE: Sie erwähnten ein Selbststudienmodell — wie wirkt sich dies aus?

STREMITZER: Prof. Wilfried Schneider — Wirtschaftspädagogik — hat zunächst als Experiment das, was früher in der Einführungsvorlesung und im Proseminar für Buchhaltung angeboten wurde, ins Selbststudium verlegt. Er gibt didaktisch aufbereitete Unterlagen aus, läßt sie lernen, ruft die Hörer zur Diskussion zusammen und läßt sie dann wieder

einzeln oder in Kleingruppen weiterlernen.

FURCHE: Sie regen eine bessere Nutzung vorhandener Ressourcen, eine Umverteilung von Kapazitäten an?

STREMITZER: Ich halte es für unzweckmäßig, wenn an einem Ort wie in Wien zwei Fakultäten mit den gleichen Fachgebieten existieren - also die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Universität neben der Wirtschaftsuniversität. Aber auch die ungleichmäßige Verteilung der Studenten über die „WI- SO“-Fakultäten in ganz Österreich bringt Schwierigkeiten.

Wenn auch die Widerstände gegen eine Zusammenlegung zu groß sind, so sollte doch überlegt werden, ob nicht die Studenten aus den Bundesländern den ersten Studienabschnitt möglichst an der Heimatuniversität absolvieren sollten, und erst den zweiten dann in Wien.

FURCHE: Ihr Vorgänger als Rektor, Prof. Alois Brusatti, hat die Reform der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Studienrichtungen eingeleitet. Wie wird sie sich auswirken?

STREMITZER: Wir wollen die Kernfächer wieder verstärken, vor allem aber auch die Wirtschaftssprachen, die stärker als bisher zur Pflicht werden sollen. Das hat noch vor der Verwirklichung bereits zu einem wesentlich stärkeren Zustrom zu den Sprachangeboten geführt, als vorauszusehen war. Die Inskriptionen haben sich - freiwillig - verdreifacht. Das Sprachlabor wird schon zu klein. Damit sollen die Einsatzmöglichkeiten der Absolventen verbessert werden.

Das Interview mit Rektor Stremitzer führte Felix Gamillscheg.

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