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Kinderglück aus dem Medizinlabor

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Auch kinderlosen Paaren kann heute geholfen werden. Künstliche Zeugung zählt fast zur medizinischen Routine. Das Tor, das damit aufgestoßen wurde, verursacht auch schon den Ärzten Kopfzerbrechen.

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Auch kinderlosen Paaren kann heute geholfen werden. Künstliche Zeugung zählt fast zur medizinischen Routine. Das Tor, das damit aufgestoßen wurde, verursacht auch schon den Ärzten Kopfzerbrechen.

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Wieder einmal ist ein neugeborenes Kind in aller Munde: das sogenannte Cotton-Baby. Eine Frau brachte in Großbritannien ein Kind zur Welt - für ein kinderloses amerikanisches Ehepaar und gegen ein großzügiges Entgelt.' Das Baby wurde nach der Geburt von Gerichts wegen beschlagnahmt. Und schließlich wurde das Neugeborene aus der Gebärklinik bei Nacht und Nebel entführt.

Die weltweite öffentliche Erregung über die kommerzielle Verwertung einer weiblichen Gebärmutter führte gleichzeitig auch zu einer Sprach- und Begriffsverwirrung: Von Mietmutterschaft war da die Rede, obwohl es sich im vorliegenden Fall ganz einfach um einen „künstlichen Seitensprung” gehandelt hat: die britische Mutter wurde mit dem Samen des amerikanischen Ehemannes künstlich befruchtet. Daß ein Ehemann sein Kind (wenn auch mit einer anderen als der eigenen Frau gezeugt) adoptieren kann, ist ja so außergewöhnlich nicht.

Was hinter der weltweiten Aufregung aber steckt, ist höchstwahrscheinlich das Wissen um die medizinischen Fortschritte und Möglichkeiten der Schaffung von menschlichem Leben abseits des „natürlichen” Weges.

Die „Retorten-Zeugung” außerhalb des Mutterleibes ist in vielen Ländern seit dem ersten gelungenen Versuch 1978 in Großbritannien beinahe zu einem medizinischen Routineeingriff geworden. Auch in Österreich.

Im August 1982 erblickte das erste österreichische Retortenbaby an der Wiener Universitätsklinik das Licht der Welt (FURCHE 32/ 1982). Stolz präsentierte sich damals Klinikvorstand Herbert Janisch mit seinen Mitarbeitern als „Retorten-Vater”.

Daß aber viele Fragen neben der Beherrschung der medizintechnischen In-vitro-Fertilisation offen geblieben sind, war auch dem Wiener Gynäkologie-Professor klar. Im Herbst 1983 regte

Janisch daher beim Akademischen Senat der Universität Wien die Einsetzung einer sogenannten Senatskommission an, um interdisziplinär „Fragen und Probleme im Zusammenhang mit der In-vitro-Fertilisierung” zu behandeln.

Unter dem Vorsitz des Dekans der Medizinischen Fakultät, Wilhelm Holczabek, dachten nun Mediziner, Juristen und Moraltheologen darüber nach, unter welchen Umständen und mit welchen Einschränkungen die „Retorten-Zeugung” ethisch, medizinisch und nicht zuletzt auch rechtlich zulässig sei.

Am 24. Jänner wird nun, so Holczabek, das Ergebnis der Kommissionssitzungen dem Akademischen Senat vorgelegt. Dieser wiederum wird — nach Beschlußfassung - die Empfehlungen der Senatskommission an die zuständigen politischen Verantwortlichen weiterleiten. Mit dem eindringlichen Wunsch nach ehestmöglichen gesetzlichen Initiativen bzw. Regelungen für den Bereich „Retorten-Zeugung”.

Wie aus Kreisen der Kommissionsmitglieder zu erfahren war, steuert man in der Frage der In-vitro-Fertilisierung — etwa im Vergleich zu Empfehlungen in anderen Ländern — einen relativ restriktiven Kurs (siehe Kästen „Einen Riegel vorschieben” und „Nach 14 Tagen beseitigen”).

Keinen Auftrag hatte die Senatskommission, auch Fragen der künstlichen Befruchtung oder der „Mietmutterschaft” zu behandeln. Aber gerade hier muß der Gesetzgeber rasch handeln.

Selbst Peter Hernuss, der seit Jahren kinderlosen Paaren via „Samenbank” zu Kinderglück verhilft, erfüllt die momentane ungeklärte Rechtssituation mit Unbehagen.

Der Wiener Nobel-Gynäkologe fühlt sich derzeit lediglich einer Europarats-Resolution aus dem Jahr 1968 verpflichtet, die zum Beispiel fordert, daß der Samen eines anonymen Spenders nicht „allzu oft” verwendet wird. Ansonsten hält Hernuss es für ein „Indiz”, daß die künstliche Befruchtung einer Frau mit „fremdem” Samen schon deshalb in

Ordnung sei, weil sie eben weltweit praktiziert werde.

Während sich noch alle mit künstlicher Zeugung befaßten Ärzte darin einig sind, daß der Handel mit Embryonen oder der Verkauf der Gebärmutter zu verbieten sind (siehe Kasten „Mietmutter — was ist das?), bestehen in entscheidenden Fragen der „Retorten-Zeugung” wie auch der künstlichen heterologen Insemination („Samenbank-Kinder”) unterschiedliche Auffassungen.

Ein Kompromiß ist dabei schwer möglich: Denn was soll wirklich mit befruchteten Eizellen geschehen, die nicht in den Mutterleib zurückkehren? Und wie muß die Tatsache bewertet werden, daß die Wissenschaft sich von der Arbeit an Embryonen, also Manipulation an Lebewesen, wesentliche Aufschlüsse bei der Krebsbekämpfung erwartet? Hat nicht auch das Kind aus der Samenbank das Recht, seinen biologischen Vater kennenzulernen?

Fragen über Fragen, die allesamt rasch geklärt werden müssen, national wie international.

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