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Die FURCHE hat in den vergangenen Wochen den Fragenkomplex der A tomenergie von verschiedenen Warten her beleuchtet. Zum A bschluß werden in dieser Nummer die ethischen Aspekte von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet.

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Die FURCHE hat in den vergangenen Wochen den Fragenkomplex der A tomenergie von verschiedenen Warten her beleuchtet. Zum A bschluß werden in dieser Nummer die ethischen Aspekte von zwei verschiedenen Standpunkten aus betrachtet.

„Mit Vernunft, aber ohne Emotionen” lautet die Schlagzeile einer Broschüre der Gesellschaft für Energiewesen, die Tür die Unterzeichnung des Atomvolksbegehrens wirbt. Aber schon ein paar Zeilen unter den zitierten Balkenlettern liest man voll Erstaunen, daß die Vorsitzenden der Gesellschaft .Jiirchten ..., daß die Zweite Republik ohne die Nutzung der Kernenergie ... kaum zu bewältigenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Belastungen ausgesetzt sein wird”:

Ganz ohne Emotionen scheint es also auch im Lager der Kernkraftbefürworter nicht zu gehen. Oder wie sollte man etwa den Satz: „Dadurch verlieren Sie vielleicht Ihren Arbeitsplatz” in einem der Pro-Kernkraft-Inserate anders verstehen, als daß es sich dabei um einen Appell an die Emotion der Leser, nämlich an ihre Angstgefühle handelt?

Was ich damit zeigen möchte ist, daß sowohl Gegner als auch Befürworter der Atomenergie an Emotionen appellieren. Ich meine, dies geschieht zu Recht. Denn jede Entscheidung beinhaltet letztlich eine Wertung.

Zwischen unterschiedlichen Lösungsmöglichkeiten wird diejenige gewählt, von der ich mir mehr erwarte. Und was dieses Mehr ausmacht, ist eine Frage der subjektiven Wertung. Auch in der Kernenergiefrage müssen Werte zum Tragen kommen. Sie dürfen nicht ausgeklammert werden.

Leider wird nur allzu häufig nicht darauf hingewiesen, welche Werte hinter den verschiedenen Argumentationen stecken, und dadurch fällt eine ethische Beurteilung schwer. ,

Die Befürworter der Kernenergie gehen im allgemeinen davon aus, daß das bisherige Fortschrittskonzept weiterhin

„Bei den A tomgegnern stehen die Werte Gesundheit, Leben, Frieden und Bewahrung des Lebensraumes im Vordergrund.” gültig bleiben muß: Allgemeiner Wohlstand ist nur durch weiteres Wirtschaftswachstum und weitere Konsum-ünd Nachfragesteigerung zu gewährleisten. Störungen im Wirtschaftssystem hätten schwerwiegende Konsequenzen für die materielle Versorgung der Bevölkerung. Eine wachsende Wirtschaft aber sei auf einen ebenfalls wachsenden Energieverbrauch angewiesen. Und der sei beim derzeitigen Stand der Dinge eben nur durch Atomenergie zu realisieren. '

Obwohl ich überzeugt bin, daß es gangbare energiepolitische Alternativen gibt, möchte ich mich hier auf die Darlegung des Wertbezuges der Aussage konzentrieren.

Die Notwendigkeit des Einsatzes von Atomenergie wird somit aus der mangelnden Flexibilität unseres Wirtschaftssystems (auf dessen hohe Anpassungsfähigkeit im Vergleich zum kommunistischen System wir sonst so stolz sind) und aus dem Postulat abgeleitet, daß unser Glück vor allem von steigender materieller Versorgung abhängig ist.

Die Gegner der Kernenergie argumentieren zum Teil auf einer anderen Ebene. Viele von ihnen stellen nicht primär die Frage nach den unabdingbaren wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Für sie steht die Frage im Vordergrund, welche Gefahren für Leben und Gesundheit von dieser Technologie ausgehen. Ihre Hauptsorge gilt somit nicht dem Wert materielle Versorgung, sondern dem Wert Gesundheit, Leben und Erhaltung des Lebensraumes.

Ein weiterer Bereich, über den sich die Gegner der Atomenergie besorgt zeigen, ist der Aspekt der gesellschaftlichen Konsequenzen.

Bei weiterer Verbreitung der Atomtechnologie in möglichst vielen Ländern wird überdies befürchtet, daß immer mehr Länder über ausreichend viel spaltbares Material verfügen, um damit Atomwaffenherzustellen. Atomgegner sehen somit auch den Wert Frieden gefährdet, sowohl innerhalb der Länder als auch zwischen den Ländern.

In der Argumentation werden daher grob gesehen die folgenden Werte gegen-

übergestellt: Auf Seite der Befürworter der Kernenergie wird impliziert menschliches Glück sehr stark mit dem Grad der materiellen Versorgung und dem reibungslosen Funktionieren unseres Wirtschaftssystems in Verbindung gesetzt. Bei den Gegnern stehen die Werte, Gesundheit, Leben, Frieden und Bewahrung des Lebensraums im Vordergrund.

Meiner Ansicht nach sind die Werte, die hinter den Aussagen der Atomgegner stehen, eindeutig höherwertig. Diese Bewertung drängt sich umso mehr auf, wenn man die gegenwärtige gesellschaftliche Situation in den Industrieländern berücksichtigt.

Die Wirtschaft gehört zweifellos zu jenen Bereichen, in denen ohnedies Uberschüsse vorhanden sind und in denen ein weiteres Wachstum nur mehr geringfügigen Fortschritt bringt. Vielfach zeichnen sich Sättigungstendenzen ab, die Nachfrage nach Konsumgütern muß künstlich angeheizt werden. (Siehe Werbung!)

Unter solchen Voraussetzungen ist es doch mehr als fragwürdig, menschliches Glück von einer weiterhin steigenden Versorgung mit Gütern zu erwarten.

Ein weiterer Aspekt, der einer ethischen Betrachtung unterzogen werden sollte, ist die Frage danach, wer die Kosten und wer den Nutzen aus der energiepolitischen Entscheidung hat.

Atombefürworter sorgen sich vor allem um die Energieversorgung der kommenden Jahrzehnte, also um Probleme der heutigen Generation. Sie käme ja vor allem in den Genuß der erwarteten wirtschaftlichen Fülle. Zumindest unklar sind hingegen die langfristigen Auswirkungen der heutigen Entscheidung auf die Lebensgestaltung der zukünftigen Generationen.

Obwohl die Zahl im Vergleich zu anderen Schätzungen lächerlich klein ist, geben selbst Kernkraftbefürworter zu, (siehe Studie der österr. Kerntechnischen Gesellschaft, Okt. 80), daß hochaktive Abfälle mindestens 1000 Jahre hindurch sicher von der Biosphäre isoliert bleiben müssen. Sie halten das zwar für technisch, machbar, müssen aber, gleichzeitig zugeben, daß vor allem auf dem Sektor der Endlagerung erst Versuche laufen und nur in Frankreich „schon” 10jährige Erfahrungen mit Verglasung vorliegen. Daß zehnjährige Erfahrungen für 1000jährige Projekte kaum Rückschlüsse zulassen, sollte jedem Gutwilligen einleuchten.

Umgekehrt ist der Ansatz bei den Gegnern der Kerntechnologie. Hier wird eher die Bereitschaft bekundet, in der Gegenwart auf weiteres Wirtschaftswachstum zu verzichten, teilweise kommt sogar - besonders bei jüngeren Leuten - die Bereitschaft zu materiellem Verzicht zum Ausdruck.

Auch dieser Aspekt unterliegt einer ethischen Wertung. Maßnahmen, die zwar dem Entscheidungsträger Nutzen, Unmengen von Menschen, die nicht in den Genuß der erzielten Vorteile kommen, aber die Risken aufbürden, sind ethisch nicht vertretbar. Da hilft auch das Argument, daß der Menschheit immer noch im richtigen Augenblick etwas eingefallen sei, nichts.

Sehr wichtig bei der Beurteilung einer Entscheidung ist auch die Frage danach, ob Folgen, die nicht mehr rückgängig zu machen sind, entstehen. Auch hier erweist sich die Kerntechnologie als besonders problematisch: Sollte sich tatsächlich herausstellen, daß die Energiealternativen, die jetzt im Gespräch sind, sich nach zehn- oder fünfzehnjährigem Versuch als undurchführbar erweisen, kann immer noch der Weg der Kerntechnik gegangen werden.

Erweist sich hingegen der Weg der Atomenergie als der katastrophale Irrweg, für den ihn viele halten, dann läßt sich die einmal ausgetretene Radioakti-vität nicht mehr einfangen. Strahlende Partikel behalten ihre Gefährlichkeit, auch wenn sie aus dem Humus stammen, der die Reste eines vor 100 Jahren an den Folgen eines Strahlenkrebses gestorbenen Menschen enthält. Nach Atomkatastrophen kommt das Lernen aus der Erfahrung zu spät.

Zusammenfassend erscheint mir, daß gerade aus christlicher Sicht die ethische Entscheidung klar sein sollte: Die Relativierung des Materiellen (sprich Armut) ist seit jeher ein - leider selten geübtes - zentrales christliches Anliegen (eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr ...); ebenso ist es mit dem Wissen um die eigene Begrenztheit, die Demut (selig die Armen im Geiste...).

Vor allem aber ergibt sich aus dem christlichen Auftrag zur Nächstenliebe, daß wir die Anliegen der kommenden Generationen zu unseren eigenen machen sollten und daß wir. daher ihren Lebensraum nicht gefährden dürfen.

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