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Klarstellungen, die in die Zukunft weisen

1945 1960 1980 2000 2020

Das Pontifikat von Johannes Paul II. zeigt in vieler Hinsicht eine markante Eigenart. In der Beurteilung dieser Persönlichkeit melden sich aber neben großer Begeisterung zunehmend auch kritische Stimmen zu Wort. Wenn man in diesen Fragen zu einem gerechten Urteil kommen will, dann muß man zunächst einige Dinge beachten, die noch im Vorfeld unserer Fragestellung zu liegen scheinen.

1945 1960 1980 2000 2020

Das Pontifikat von Johannes Paul II. zeigt in vieler Hinsicht eine markante Eigenart. In der Beurteilung dieser Persönlichkeit melden sich aber neben großer Begeisterung zunehmend auch kritische Stimmen zu Wort. Wenn man in diesen Fragen zu einem gerechten Urteil kommen will, dann muß man zunächst einige Dinge beachten, die noch im Vorfeld unserer Fragestellung zu liegen scheinen.

Man hat nach den bisherigen Ereignissen des Pontifikats den Eindruck, daß Johannes Paul II. sein Amt in einer ganz spezifischen Weise versteht. Er betrachtet sich offenbar nicht so sehr als „Cheftheologe der Kirche", der theologische Streitfragen zu entscheiden und dadurch einen Fortschritt in der wissenschaftlichen Entfaltung der Theologie zu bringen hätte.

Besonders auffällig ist in dieser Hinsicht seihe erste Enzyklika „Re-demptor hominis", die ja offenbar nicht die Absicht zeigt, auf umstrittene Fragen eine belehrende Antwort zu geben. Diese Enzyklika ist eher als Zeugnis und Bekenntnis aufzufassen.

Ähnlich äußert sich das Selbstverständnis des Papstes in seinem öffentlichen Wirken, insbesondere auf seinen großen Reisen. Er versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit auf die Mitte des Glaubens zu richten, auf diese Weise den Menschen Mut zuzusprechen und sie in den Schwierigkeiten des modernen Lebens zu bestärken. Wichtig sind nicht so sehr subtile theologische Streitigkeiten, sondern das Bekenntnis zu Jesus Christus und das Leben aus dieser

Es ist unvermeidlich, daß der Heilige Vater im I aufe der Zeit aucl\,zu Detailfragen Stellung nimmt. So sehr auch für die Moral eine Hierarchie der Wahrheiten gilt und das Hauptgewicht im Glauben an Jesus Christus und in der Aufforderung zur Nachfolge und zur Beobachtung des Liebesgebotes liegen muß, so gibt es eben doch konkrete Einzelfragen, denen sich die Kirche in aller Offenheit zu stellen hat.

Auch hier zeigt sich bei Johannes Paul II. ein deutliches Unterscheiden

in der Gewichtung. So hat der Papst mit großem Nachdruck die Abtreibung verurteilt, weil für den Christen die Ehrfurcht vor jedem einzelnen Leben die Grundlage aller Verpflichtungen gegenüber dem Menschen darstellt. Ein Gutheißen oder Hinnehmen der Abtreibung ist für eine christliche Moral undenkbar.

Weiters hat der Papst wiederholt und energisch den Protest der Kirche gegen sexuelle Freizügigkeit formuliert. Hier geht es um eine Grundfra-"' ge, in der nicht Ichbezogenheit und egoistischer Lebensgenuß vorherrschen dürfen, sondern Verantwortung für den Partner und die kommende Generation geboten ist.

Auch in dieser Hinsicht hat der Papst nicht etwa neue Lehren entwickelt, sondern den unter Gläubigen im wesentlich unumstrittenen Standpunkt der Kirche mutig bezeugt. Die Wichtigkeit dieser Äußerungen liegt nicht so sehr in ihrem Inhalt, sondern in dem unerschrok-kenen Bekenntnis einer Zeit gegenüber, die immer mehr von anderen, mit dem Evangelium unvereinbaren Einstellungen geprägt wird.

In manchen Einzelfragen hat Johannes Paul II. aber in einer Weise Stellung bezogen, die>iij>;inijirjtirqh-lichen Raum auch Kritik und Mißfallen hervorgerufen hat. Aüejdjngs jst hier für die Öffentlichkeit oft ein falscher Eindruck entstanden. So ging es z. B. in den Äußerungen, die der Papst vor den amerikanischen Bi-

schöfen über „Humanae vitae" und Empfängnisverhütung gemacht hat, gar nicht in erster Linie darum, der Gesamtkirche bestimmte Grundsätze einzuschärfen, sondern um eine Ermutigung des Episkopates der USA, der sich in einem Pastoralbrief 1976 im Sinne von „Humanae vitae" geäußert hatte und dafür viel Kritik einstecken mußte.

Es ist bezeichnend, daß der Papst, dem man ja sicher keinen Mangel an Mut vorwerfen kann, derartige Äußerungen nicht bei einer öffentlichen Veranstaltung getan hat. Der Papst weiß zu unterscheiden zwischen seiner persönlichen Uberzeugung und Wahrheiten, von deren Gültigkeit die ganze Kirche überzeugt ist, er weiß zu unterscheiden zwischen einzelnen Sachfragen, in denen die Experten verschiedener Meinung sind, und den zentralen Geheimnissen des Glaubens, ohne die es Christentum nicht geben kann.

Anders liegt der Fall bei einer Reihe von Äußerungen, in denen es

sich zwar nicht um zentrale Glaubenswahrheiten handelt, aber doch um Fragen, die für das Leben in der Kirche von besonderer Bedeutung sind. So hat der Papst klargestellt, daß die Kirche vom Zölibat des Priesters nicht abgehen will. Selbstverständlich weiß auch Johannes Paul II., daß es sich hier nicht um ein unveränderliches Dogma handelt, sondern um eine kirchenrechtliche Regelung, die zwar theologisch sehr viel für sich hat, aber grundsätzlich doch geändert oder abgeschafft werden könnte.

Was aber hier von großer Wichtigkeit ist, das ist eine klare Entscheidung der kirchlichen Leitung. Es hat immer wieder Meinungen gegeben, als ob etwa unter dem Druck des Priestermangels die Zölibatsverpflichtung in absehbarer Zeit fallen könnte. Das hat manche Priesteramtskandidaten verunsichert, weil sie glaubten, sie brauchten die Entscheidung zum Zölibat und die Prüfung, ob sie sich dazu eignen, nicht ganz ernst zu nehmen.

In einer solchen Ungewißheit konnten auch die Gründe gegen die priesterliche Ehelosigkeit einseitig betont werden. Diese Situation forderte eine entschiedene Klarstellung durch die Kirchenleitung.

Ähnlich verhält es sich mit der Zulassung von Frauen zum Priestertum. Auch hier lassen sich kaum Argumente finden, die ein Priestertum der Frau absolut ausschließen würden. Aber wieder ist hier für die Kirche wichtig, eine eindeutige Entscheidung zu treffen, um nicht Hoffnungen und Erwartungen entstehen zu lassen, die dann doch nicht erfüllt werden iuid in Ye.rt>itterung umschlagen. '

Ein falscher Eindruck ist wohl auch über Äußerungen des Papstes zur Ehescheidung entstanden.

Grundsätzlich ist für jeden Christen das Herrengebot der Unauflöslichkeit der Ehe unaufgebbar. Die Diskussion beginnt erst dort, wo Menschen sich über dieses Gebot hinwegsetzen, wo sie sich nicht nur scheiden lassen, sondern eine neue Ehe eingehen wollen und vielleicht in einer solchen Zweitehe schließlich auch die Sakramente der Kirche empfangen möchten.

Wie kann die Kirche den Partnern einer solchen Zweitehe die Barmherzigkeit und Milde des Herrn bezeugen, ohne damit das Gebot der Unauflöslichkeit in Frage zu stellen? Einzelne amerikanische Kanonisten hatten in diesen Fragen sehr liberale Positionen eingenommen, die auch in den USA selber auf Ablehnung stießen. Wieder muß man vorsichtig sein, wenn man die Äußerungen des Papstes in einer solchen Situation ohne weiteres auf die Gesamtkirche übertragen will. Zu besonderer Vorsicht mahnt hier schon die Tatsache, daß das römische Ehegericht in man-

cher Hinsicht heute sehr großzügig ist, wenn es sich etwa darum dreht, eine gescheiterte Erstehe als ungültig zu erklären.

Wenn man versucht, das Engagement des derzeitigen Papstes in Fragen der Moralverkündigung bereits nach einem Jahr des Pontifikats zu beurteilen, dann wird ein solches Urteil einen vorläufigen und etwas zufälligen Charakter haben. Immerhin zeichnet sich bereits eine gewisse Linie ab, die sich wohl auch in Zukunft bestätigen wird. Es wäre zu oberflächlich, einfach von einem konservativen Kurs zu reden, wie das gele- . gentlich geschieht. ,

Wer die Entwicklung der Kirche in den letzten Jahrzehnten beobachtet hat, der hat gesehen, wie in den Jahren vor dem letzten Konzil noch eine große Einheit, ein starker Zusammenhalt in der Kirche bestand. Das wirkte sich einerseits aus in einer klaren Abgrenzung von Gegenpositip-nen und in einer relativ großen inneren Stärke der Kirche. Anderseits zeigten sich damals Symptome der Erstarrung und einer gewissen Unfähigkeit, den Dialog mit der heutigen Welt zu führen und die nötige innere Weiterentwicklung in der Kirche Zu sichern.

Das Konzil brachte dem gegenüber eine weitgehende Öffnung, eine große Dynamik und Dialogbereitschaft. Diese Entwicklung hat für die wissenschaftliche Theologie, aber auch für viele Probleme des praktischen kirchlichen Lebens eine unschätzbare Bedeutung.

Dennoch zeigen sich bereits heute gewisse Gefahren. Wir beobachten einen drastischen Rückgang der geistlichen Berufe, eine Polarisierung innerhalb der Kirche. Speziell im Hinblick auf Moral beobachten wir Zeichen der Verunsicherung,

etwa in der Sexualethik, einen Schwund an Überzeugungskraft bei den christlichen Wertvorstellungen in der Politik, ziemlich gegensätzliche Auffassungen etwa in der Eigentumsethik usw.

Es scheint einfach, daß viele Menschen in der Kirche durch die Schnelligkeit in der Entwicklung überfordert sind, daß der Pluralismus, der sich herausgebildet hat, massive Spannungen und zerstörerische Konflikte innerhalb der Kirche hervorruft und daß all das zu einer Schwächung im Bereich der Moral führt.

Es scheint, daß Johannes Paul II. diese Gefahren sehr stark empfindet und ihnen entgegentreten will. Das kann nur dadurch geschehen, daß die innerkirchliche Einheit in Fragen der Praxis und der für die Praxis bedeutsamen Lehre gefördert wird. Daß diese Einstellung auch vom Volk begriffen und bejaht wird, zeigt der Jubel um den neuen Papst laut genug.

Freilich wird es für die Kirche notwendig sein, neben dem Bemühen um die innere Einheit auch genügend Raum für die Dynamik des kirchlichen Lebens und die Weiterentwicklung der Lehre zu lassen. Schon die ökumenischen Anliegen des Papstes machen diese Notwendigkeit deutlich. Geschichte besagt eben immer Kontinuität im Wandel.

Es wird des Bemühens vieler bedürfen, nicht nur des Papstes, sondern auch der römischen Kurie, der Bischofskonferenzen und aller, die das kirchliche Leben verantwortlich mitgestalten, daß man hier die richtige Ausgewogenheit findet, eine Ausgewogenheit, die letztlich nicht nur aus politischer oder soziologischer Sensibilität erwachsen kann, sondern nur aus dem Glauben an Jesus Christus, der das Alpha und das Omega der Geschichte ist.

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