Die schwarzen Schwäne

1945 1960 1980 2000 2020

In der spätmodernen Gesellschaft ist man zuletzt auf Vieles gestoßen, was man zuvor für unmöglich gehalten hatte. 2022 wird das nicht enden.

1945 1960 1980 2000 2020

In der spätmodernen Gesellschaft ist man zuletzt auf Vieles gestoßen, was man zuvor für unmöglich gehalten hatte. 2022 wird das nicht enden.

Eine wunderhübsche Metapher: Die „schwarzen Schwäne“ bezeichnen das Problem, dass man auf Gewohntes eingestellt ist, aber dass es manchmal höchst unwahrscheinliche, oft zufällige Überraschungen gibt. Wir kennen aus jüngerer Zeit viele der dunklen Biester: die Umbrüche der 1990er Jahre (und die Balkankriege); die für unmöglich gehaltene Wirtschaftskrise 2008; überraschend die Migrationskrise 2015. Und eine Situation, in der eine Epidemie den gesellschaftlichen Austausch zeitweise zum Stillstand bringt, hätten wir bis vor Kurzem ausschließlich vergangenen Zeiten oder fernen Ländern zugeordnet.

Doch diese spätmoderne Gesellschaft ist (1) dynamisch, alles geschieht schneller als früher, in überfordernder Weise. Sie ist (2) mit der ganzen Welt verflochten, muss also ein heterogenes Potenzial von Informationen, Gütern und Handlungen verarbeiten. Sie ist (3) zu einem komplexen Gebilde geworden, in dem unterschiedliche Logiken und Eigendynamiken nebeneinanderstehen. Diese Spätmoderne bildet (4) kein Ganzes, keine Einheit, keine Konstellation aufeinander abgestimmter Systemelemente; es ist eine fragmentierte und pluralisierte Gesellschaft. Schließlich beherbergt sie (5) Menschen, denen man beigebracht hat, dass sie es sich schuldig sind, ganz anders und besonders, jedenfalls nicht eingefügt und angepasst zu sein; und dass es geboten ist, zuvörderst auf sich selbst, sein Bauchgefühl und seine Stimmungslage zu hören.

Somit kollidieren Wirtschaft mit Politik, Wissenschaft mit Öffentlichkeit, Nation mit Globalität, Medialität mit Substanz, Emotio mit Ratio, Interesse mit Anstand. Alles mischt sich, alles wirkt irgendwie aufeinander. Kontingentes kommt hinzu. Eine solche Gesellschaft muss andauernd über besagte schwarze Viecher stolpern. Auch 2022.

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.

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