Klartext

Israel impft, die EU blamiert sich

1945 1960 1980 2000 2020

Über die Unterschiede in der Impfpolitik zwischen Berlin und Jerusalem.

1945 1960 1980 2000 2020

Über die Unterschiede in der Impfpolitik zwischen Berlin und Jerusalem.

Meine 81-jährige Mutter lebt in Deutschland seit dem Tod meines Vaters allein. Ich bin stolz auf sie, wie sie ihr ­Leben trotz diverser Altersbeschwerden managt. Immerhin wohnt ihre einzige Tochter weit entfernt in Israel. Dort hat sie mich jetzt verzweifelt angerufen. Viele Male hatte sie die Nummer der Corona-Impf-Hotline gewählt, ewig lange gewartet, nur um zu erfahren, dass es derzeit keinen Termin für sie gibt – obwohl sie der Zielgruppe entspricht.

Was für ein Unterschied zur Situa­tion in ­Israel! Mittlerweile haben zwei von neun Millionen Ein­wohnern mindestens die erste Dosis des Pfizer/Biontech-Vakzins erhalten. Bis Ende März sollen alle geimpft sein. Natürlich hat die Eile auch einen politischen Grund. Ende März stehen Wahlen an. Der Premier ­Netanjahu ist politisch angeschlagen und mit einem Korrup­tionsprozess behaftet. Als Meister der Selbstinszenierung hat er die Frachtflugzeuge mit dem Impfstoff persönlich auf dem Flug­hafen in Empfang genommen.

Er hat darauf bestanden, als ­Erster live zur abendlichen Fernseh-Primetime geimpft zu werden. Er hat sich mit seinen sehr guten Beziehungen zum Pfizer-Chef gebrüstet. Außerdem war Israel bereit, deutlich mehr für die Impf­dosen zu bezahlen als die EU. Das Ergebnis verhilft ihm zu einem merklichen Ansehensgewinn auch bei seinen Gegnern. Nun kann man Israel sicher nicht direkt mit Deutschland oder auch Österreich vergleichen. Die Bevölkerung ist jung und von vier Krankenkassen perfekt erfasst. Diese ­organisieren gemeinsam mit dem Militär die Impfkampagne. Datenschutz spielt keine ­Rolle. Pfizer bekommt sämtliche Erkenntnisse geliefert. Und wer sich nicht impfen lassen will, wird künftig vom öffentlichen Leben weitgehend ausgeschlossen. Punkte, über die man diskutieren muss. Genauso wie über den blamabel verstolperten Impfstart in der EU.

Die Autorin ist Korrespondentin der ARD im Nahen Osten.