Nach Corona: Schrecklich normal

Es ist etwas Eigenartiges um die Normalität. Seinerzeit war sie doch das, was keiner wollte. Normal ist gewöhnlich, durchschnittlich, langweilig. Die Spätmoderne, vor allem ihre Jugendkultur, ist ja auf Außergewöhnlichkeit, Sensation, Anomie und Euphorie getrimmt. Wer will schon normal sein? Normal ist muffig, old-fashioned, jenseitig, schleißig, uncool. Irgendwie hat man sich hinausgesehnt aus diesem Alltag.

Dann kommt Coronas Ausnahmezustand. Mit den ersten Lockerungen bricht die Euphorie über die wiederzugewinnende Normalität aus. Der Begriff ändert seinen normativen Flair. Endlich wieder normal! Wir wollen unser Leben zurück! Offenbar lief es vorher nicht so schlecht, wie man immer übellaunig herumgemeckert hatte. Normalität heißt: keine Vereinsamung, keine Bevormundung, keine Mobilitätsbeschränkung, keine Unbequemlichkeit. Die Welt hat uns wieder.

Zwischenzeitlich gab es noch die Hoffnung auf eine andere Normalität. Dass die Menschen aus der Corona-Erfahrung Lebensgestaltendes lernen würden, war wohl immer eine überzogene Erwartung. Aber einige dachten, monatelang ganz andere Erfahrungen zu machen müssten doch Spuren hinterlassen. Anstöße zum Denken. Zur Selbsterfahrung. Zur vertieften Reflexion über Dasein und Menschsein, über Wichtigkeit und Oberflächlichkeit, über Unsinnigkeit und Eigenbau-Stress. Sogar das banale Vogelgezwitscher hörte man. Und schätzte das Kochrezept der Großmutter.

Aber mit der sinkenden Inzidenz versinken derartige Besinnung und Besinnlichkeit wieder rasch im anlaufenden Getriebe. Schreckliche Wiederkehr des Normalen. Politik ist ohnehin schon wieder as usual. Eigenverantwortung hat ohnehin bei vielen Menschen nie gegriffen. Endlich wieder einkaufen, endlich wieder leben. Alle genau so dumpf und gefräßig wie vorher? Wiederhergestellte Normalität?

Der Autor ist Professor für Soziologie an der Universität Graz.

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