Nisar Banat: Tod eines „Verräters“

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Bei den Palästinensern gilt das eiserne Gesetz: Kritik wird ausschließlich an Israel geübt. Nisar Banats Videos machten ihn daher zum Verräter - nun ist er tot.

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Bei den Palästinensern gilt das eiserne Gesetz: Kritik wird ausschließlich an Israel geübt. Nisar Banats Videos machten ihn daher zum Verräter - nun ist er tot.

Nisar Banat aus der palästinensischen Stadt Hebron war ein mutiger Mann. Denn der Friedensaktivist hat es gewagt, die eigene Regierung zu kritisieren. Auf Facebook veröffentlichte er Videos, in denen er der Palästinensischen Autonomiebehörde Korruption und Menschenrechtsverletzungen vorwarf. Die Inhalte dieser Videos waren für die Menschen in den palästinensischen Gebieten wenig überraschend. Sie wissen längst, wie es um die Führung von Präsident Abbas bestellt ist. Der 86-Jährige ist seit 2006 im Amt, seit 2009 ohne demokratische Legitimierung. Abbas und seine Altherrenclique haben Reichtümer angehäuft und gehen brutal gegen Kritiker vor. Dies ist Allgemeinwissen – das allerdings wie Geheimwissen gehandelt wird.

Bei den Palästinensern gilt das eiserne Gesetz: Kritik wird ausschließlich an Israel geübt. So gesehen waren Nisar Banats Videos also sehr brisant. Denn sie machten ihn zum Verräter. Weil er es wagte, auch die eigenen Leute in die Verantwortung zu nehmen. Außerdem wollte er bei den Parlamentswahlen kandidieren. Diese Wahlen waren für Ende Mai angekündigt. Es wären die ersten seit 16 Jahren gewesen. Abbas hat sie mit einer fadenscheinigen Begründung verschoben. Seitdem leben Kritiker noch gefährlicher.

Ende Juni wurde Nisar Banat festgenommen. Kurz danach war der 42-Jährige tot. Die Behörden erklärten lapidar, Banats Gesundheitszustand habe sich nach der Festnahme verschlechtert. Er sei im Krankenhaus verstorben. Offenbar hatte er schwere Kopfverletzungen. Seine Familie wirft den palästinensischen Sicherheitskräften vor, ihn mit Holzknüppeln absichtlich getötet zu haben. Jetzt protestieren im Westjordanland Tausende gegen die Regierung von Abbas. Und der kann die Schuld dafür nicht wie sonst üblich bei den Israelis suchen.

Die Autorin ist Korrespondentin der ARD im Nahen Osten.

Lesen Sie auch: "Israel: Chancen ohne Scheitern" von Susanne Glass.

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